. .
Musik-News
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
16. Februar 2009, 08:40 Uhr

Hübschhässlicher Zeitgeist

Gegen den "zeitgeistigen" Gewinner Peter Fox haben die Newcomer von Ruben Cossani bei Stefan Raabs Länderwettsingen wenig Chancen. Da können sie vor der Abstimmung noch so laut schreien. Aber am Ende bekommen sie eine besondere Auszeichnung. Von Johannes Gernert, Potsdam

Bundesvision Song Contest, Stefan Raab, Peter Fox, Ruben Cossani

Der Sieger beim "Bundesvision Song Contest": Der Berliner Peter Fox© Sven Kaestner/AP

Kurz bevor die Live-Übertragung des Bundesvision Song Contests beginnt, fliegt ein Schokoriegel aus der Garderobe der Band Polarkreis 18 in die Nachbarkabine von Ruben Cossani. Gewissermaßen also von Sachsen nach Schleswig-Holstein, wo sich zu diesem Zeitpunkt allerdings auch der amerikanischen Sektor von Berlin aufhält: ein Drummer nämlich des Seed-Sängers und Solo-Chartstürmers Peter Fox. Der trommelt da gerade gemeinsam mit den Jungs von Ruben Cossani spontan vor sich hin, fördert so zwar den Kulturaustausch zwischen den garderobengeographischen Nachbarbundesländern Berlin und Schleswig-Holstein, sorgt aber gleichzeitig für bilaterale Spannungen mit Sachsen - mit den komplett friedensfarben gekleideten, weißen jungen Männern von Polarkreis 18.

Leo Lazar jedenfalls, der gleich mit Ruben Cossani antreten wird und der sein Haar schon mit Bienenwachs in Form gebracht hat, fühlt sich vom fliegenden Schokoriegel angegriffen. Die diplomatischen Beziehungen entspannen sich auch nicht dadurch, dass er energisch die Tür zum Territorium der Sachsen öffnet und recht bestimmt darum bittet, sie mögen beim nächsten Mal doch einfach Bescheid sagen, wenn ihnen das Getrommel nebenan zu laut ist - statt mit Süßigkeiten zu werfen. Den Moment, in dem sich Lazar und der Polarkreis-Gitarrist wenig später während ihrer Versöhnung in den Armen liegen, erfasst keine Kamera. Bei Pro7 verzichtet man großzügig auf solche Dokusoap-Elemente. Somit fällt auch nur Lazar auf, wie sehr der Kollege von nebenan zittert.

"Ganz wichtig: Atmen nicht vergessen"

Es ist nicht ganz einfach, das durchzuhalten. Sie haben ja alles schon zwei Mal zur Probe abgedreht, beim zweiten Mal haben Stefan Raab und Johanna Klum sogar schon moderiert. Alle waren in der Maske und laufen jetzt fernsehbleich seit mehreren Stunden zwischen Garderoben und Catering-Zelt hin und her. Es ist wie den ganzen Tag einkaufen, sagt Lazar. Überall Menschengewusel, irgendwo rauscht eine Klimaanlage, die Luft ist nicht besonders gut. Es ist der zweite Tag im Fernsehversorgungszelt hinter der Metropolis-Halle im Potsdamer Filmpark-Babelsberg. Zwei Tage für einen Auftritt von gut zwei Minuten. 2:36 stehen im Sendeplan, Position 31, Act 9, Ruben Cossani, um 21:21 Uhr und 17 Sekunden. Sie sind froh, als sie ihre Anzüge eineinhalb Stunden vorher endlich zum dritten Mal anziehen können. Michel van Dyke, der Komponist ihres Songs, hat die Gitarre umgeschnallt, macht Twist-Trockenübungen mit den Beinen und ermahnt seine Bandkollegen dabei noch einmal: "Ganz wichtig: Atmen nicht vergessen." Dann gehen sie raus in den Green Room, wo sie am Tischchen mit der Schleswig-Holstein-Fahne auf ihren Einsatz warten. Knapp 90 Minuten.

Auf den Bildschirmen sehen sie die Metaler von Rage mit ihrer aggressiven Mimik, der abgehackten Motorik und einer zischenden Pyro-Show. Der Bremer Flowin Immo springt im glitzernden Anzug und begleitet von einer karnevalesken "Freaqz"-Truppe über die Bühne. "Nicht mehr ganz zurechnungsfähig, aber unterhaltsam, hähähä", findet das die überaus zurechnungsfähige aber nicht ganz so unterhaltsame Moderatorin Johanna Klum. Polarkreis 18 haben die Tantiemen ihres Nummer-1-Hits "Allein, allein" in duschkabinenähnliche Glaskäfige investiert, in denen sie zu Robo-Synthie-Pop mechanisch vor sich hinzucken, womit sie sich ihrem Bewerbungsspot zufolge gegen "Manipulation und die Möglichkeit der Beeinflussung von Menschen" wenden. "Punkte" unterm roten Kleid Der Hamburger Liedermacher Olli Schulz dagegen ist der Meinung, dass "ein Ballermanhit auch mal von einem Menschen geschrieben werden muss, der einen Schulabschluss hat." Mit seinem Stück "Mach den Bibo" und dem mitgelieferten Choreographievorschlag bewirbt er sich um diese Position. Im Falle eines Sieges wünscht sich Schulz "viel Geld in kleinen Scheinen". Die bayerische Mundart-Popsängerin Claudia Koreck dagegen würde einen Ex-Freund gerne darüber informieren, dass seine Art, mit ihr Schluss zu machen, ihr nicht gefallen hat. "I wui, dass Du woast" heißt ihre Audiomitteilung. In Ruben Cossanis Song, der sehr nach Beatles klingt, weiß die Liebhaberin nach einem kurzweiligen ersten Mal schon Bescheid: Das kann alles sehr schnell gehen.

Dass sich die Telefon-Abstimmung in dem musikalischen Länderwettstreit zu dem entwickeln wird, was man im Fußball einen Durchmarsch nennt, auch das ahnen da bereits viele. Beim allerletzten Auftritt, bevor das Voting überhaupt beginnt, besteht daran dann kaum noch ein Zweifel. Auch wenn Stefan Raab etwas lustlos versucht, das mit Sportreporterfloskeln ("noch nichts gelaufen", "noch einiges drin") möglichst lange zu verschleiern. Selbst ein busengrapschender baden-württembergischer Privatradiomoderator kann davon nur sehr kurzfristig ablenken, als er beim Verlesen des baden-württembergischen Ergebnisses zunächst mitteilt, die "zwei Punkte" seiner Kollegin gehörten ihm und sich einen dieser "Punkte" unterm roten Kleid tatsächlich greift - wofür er eine Backpfeife kassiert.

Hübschhässlicher Zeitgeist

Als der spätere Sieger des Abends als letzter Act die Bühne betritt, tanzt Leo Lazar im Green Room mit. Es ist aber nicht nur Lazar, auch in der Halle wird aus einer Fernsehshow plötzlich eine Party. Eine kopfnickende Menge ist von den Stühlen aufgestanden und hat sich vor die Bühne geschoben. Ein komplettes Orchester, verkleidet mit Affenköpfen, streicht über seine Instrumente. Peter Fox singt dazu, von einer "mehr oder weniger ekelhaften Nacht", die zu einem wunderschönen Morgen wird. Und weil auch Stefan Raab irgendwann nicht länger verheimlichen kann, dass so viele für den "derartig zeitgeistigen" Fox angerufen haben, wie noch nie zuvor für einen Bundesvision-Gewinner, stehen in den Schlussminuten alle zusammen auf der Bühne und bewegen sich noch einmal zur Berlin-Hymne "Schwarz zu Blau", während ein hübscher Musikabend langsam zu einem auch nicht ganz hässlichen Morgen wird.

Goldglitter schwebt durch die Luft. Die Tänzerinnen von Ruben Cossani untermalen Foxs Lyrics als hätten sie dafür geübt und wischen sich bei der entsprechenden Zeile den Staub aus den Augen. Und auch die drei Jungs nicken zufrieden mit den Köpfen und lächeln. Sie sind Achter geworden. Einstellig, das war ihr Ziel. Polarkreis 18 haben es auf den zweiten Platz geschafft. Dabei sein ist ohnehin alles, hat Konrad Wissmann dem Green-Room-Reporter Elton in der Ruben-Cossani-Ecke ins Mikrofon geschrien. Wissmannn trug eine klamaukige Sonnenbrille und klang irgendwann nur noch wie ein Groupie vorm Hotel. Elton hat einen Witz über den Alkoholkonsum im Green Room gemacht und ist schnell weitergezogen, auch zu Polarkreis 18, die dank der Milch in ihren Gläsern etwas besonnener geblieben sind. Wissmann hat sich später bei einer Bekannten entschuldigt: "Ich musste schreien, wir wären sonst untergegangen."

Es gibt einen kurzen Moment, der sie dann am Ende beinah andächtig und still macht. Als er seinen Preis entgegen nimmt, sagt Peter Fox, der mit seiner Formation Seed vor drei Jahren schon einmal gewonnen hat und dessen Musik hier fast alle großartig finden, dass er sich für die Band mit dem Beatles-Song einen bessern Platz gewünscht hätte.

Von Johannes Gernert, Potsdam
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
botoxia (16.02.2009, 11:46 Uhr)
Schallend gelacht
Auch wenn´s abgesprochen war, was ich befürchte, es war einfach hinreissend komisch. Freuenrecht hin oder her.
Babelsberg (15.02.2009, 18:36 Uhr)
TV-Skandal auf Bestellung
"Skandal" als schlechter Scherz.
Wer noch immer glaubt, dass der „Busengrabscher“ spontan war, wartet jedes Jahr vergebens auf den Weihnachtsmann. Ebenso wie dieser eine kommerzielle Erfindung eines Colaherstellers ist, dürfte der vermeintlich spontane Griff ebenfalls ein PR-Gag sein. Die Moderatorin hält während der gesamten Präsenz das Mikrofon hoch um es kurz vor dem „Grabscher“ herunterzunehmen. Nun ein Schelm, der böses denkt. Vielmehr wurde das erreicht, was gewünscht wurde. Im richtigen Moment die „Winkelemente“ mit Senderlogo geschwungen und die Kameras sind drauf, wenn der Kollege zugreift. Jetzt rätselt die Republik und der Radiosender freut sich über die kostenlose bundesweite Werbung. Kräftig verkalkuliert dürfte sich allerdings der Sender haben, wenn ausreichend Druck von Frauenrechtlern käme, denn dann dürfte der Moderator nicht länger haltbar sein.
K-H-J (15.02.2009, 14:42 Uhr)
TV-Skandal 2009
Über ''das Beste'' wurde im Artikel geschwiegen
Dabei ist es nebensächlich, ob der ''Bundesvision Song Contest 2009'' gut oder grottenschlecht gewesen war. Denn es gab eine unterhaltsame Szene bei dieser Sendung, die es in sich hatte. Bei der Punkteverteilung von Rheinland Pfalz(?) gab es den eigentlich und bisherigen TV-Skandal 2009.
Denn als die zwei Moderatoren von einem unwichtigen Radiosender loslegten, verschlug es einem die Sprache. Der männliche Moderator wollte wohl zeigen, wie cool er drauf ist, und wurde dann von seiner hübschen tschechischen Kollegin überrascht.
Und das geschah: Der Radio-Moderator fasste seiner Kollegin an den Busen und sagte, dass das die ersten''zwei Punkte'' sind, die er vergeben habe. Darauf verpasste seine Kollegin ihm eine schallende Ohrfeige und für den Moment trat Stille vor Kamera ein. Danach ging es bei der Punkteverteilung hölzern weiter. Der geschockte Moderator versucht vor der Kamera wieder Tritt zufassen, was ihm aber nicht mehr gelangt. Zurück ins Pro-Sieben-Studio war selbst Stefan Raab sprachlos und überging diesen Vorfall.
Die Medienwelt hat von diesem Ereignis noch keine Notiz genommen. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden?
KHJ aus Köln
Babelsberg (15.02.2009, 11:57 Uhr)
Der Geschmack der Deutschen
Über Geschmack lässt sich bekanntlich vortrefflich streiten. Das ist aber auch der Sinn dieser Veranstaltung, denn es streiten sich 16 Protagonisten der Musikszenen um die Gunst der Zuschauer. Und darum geht es schließlich. Mag der Bessere, oder mögen die Besseren gewinnen. Nun die Definition des Besseren liegt, wie immer im Auge und Geiste des Betrachters und Zuhörers und in diesem Fall der Mehrheit. Das Text und Melodie nicht immer gleich gut sind ist ja nicht wirklich neu. Beim Gewinner, also dem für den die meisten Zuschauer stimmten war die Performance ausgefallen, die Stimme bekanntlich gut und die Melodie massenkompatibel, über den Text sollten Geschmäcker streiten. Nur gut, dass die Tierschutzlobby nicht eingreifen musste, weil sich Bandmitglieder zum Affen gemacht haben.
Ich fand es kurzweilig, unterhaltsam und gleichermaßen spannend zu erfahren, was aus den einzelnen Bundesländern für Musikbotschafter ins Rennen gehen werden. Und mal ehrlich: Wer braucht schon englische Texte, solange wie die Bayern haben. Einzig überraschend war für mich das Niveau der Radiomoderatorinnen und –moderatoren, hier ist die Evolution teilweise an einigen vorbeigegangen und -dank dem Erfinder des Radios- hören ist in einigen Fällen oftmals besser als Sehen.
derkieler (14.02.2009, 15:06 Uhr)
Nicht ganz richtig
Peter Fox hat mitnichten der Combo aus Schleswig Holstein mit dem Beatles Song einen besseren Platz gewünscht, sondern dem Rapper Materia.
Damit bleibt er ja quasi im eigenen Genre zumindest ansatzweise. Daher ist natürlich alles, was dieser Artikel versucht emotional im letzten Drittel aufzubauen, hinfällig.
Die Sendung an sich war sehr angenehm anzusehen. Das Peter Fox vor Polarkreis 18 ins Ziel gehen würde, war jedoch schon länger klar. Es ging nur um die Plätze dahinter.
Mopar (14.02.2009, 13:10 Uhr)
Schade...
und unbegreiflich dass das mit Abstand schlechteste Lied gewonnen hat (das einzige bei dem ich den Ton weggedrehen musste, weil ich´s nicht ertragen hab), dabei waren so viele gute Bands dabei!
jeanclaude (14.02.2009, 12:34 Uhr)
ein volksmusikaktifist kommentiert...
nur ein beispiel für widerwärtigkeiten...
ich fand`s gestern eigentlich grossartig...
nur der sternredaktion hat es halt nicht gefallen...
also draufgehauen:-(
MEHR ZUM ARTIKEL
Bundesvision Song Contest Raab Prix, die fünfte

Was früher die Ausscheidung zum Grand Prix war, ist heute der Bundesvision Song Contest: Deutschlands Musikerwettstreit Nummer 1. Wir haben die Newcomer von Ruben Cossani begleitet, die für Schleswig-Holstein an den Start gehen. Ein Blick hinter die Kulissen des Top-Events, für den manche Teilnehmer sogar ihren eigenen Urin trinken würden. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft