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12. Juli 2008, 10:02 Uhr

Die Stimme Hollywoods

Jeder kennt seine Lieder, der Mann selbst blieb stets ein Geheimnis: Im stern-Interview erzählt Burt Bacharach von seiner Arbeit mit Marlene Dietrich, seiner Ehe mit Filmstar Angie Dickinson - und warum er nach so vielen Hits immer noch den perfekten Popsong sucht. Von Christine Kruttschnitt und Hannes Ross

Nur die Beatles hatten mehr Hits: Pop-Großmeister Burt Bacharach© Picture Alliance

Neulich mussten die Kandidaten in der US-Talentshow "American Idol" Hits der Beatles singen. "Tolle Lieder, hab ich noch nie gehört!", tschilpte ein junges Mädchen und fing an zu summen: "Yesterday … geile Melodie, echt eine totale Entdeckung!"

"Für Ignoranz gibt es keine Entschuldigung", sagt Burt Bacharach. Er ist ein mittelgroßer, weißhaariger Mann mit elegantem Pferdegesicht, das seiner Erscheinung etwas durchaus Nobles verleiht. Für die Leser, die sich nach diesem strengen Urteil nervös fragen, wer zum Teufel Burt Bacharach ist - das ist der Mann, dessen Lieder jeder im Leben schon einmal auf den Lippen hatte.

Er schrieb Songs zum Mitpfeifen ("Raindrops Keep Fallin' On My Head") und Mitröhren ("What's New Pussycat? Ohoho- ohohooo …"), Songs für Träumer ("What The World Needs Now, Is Love, Sweet Love") und Romantiker ("Walk On By"). Er schuf Hits für die Carpenters, Drifters und Beatles, verhalf Aretha Franklin zu Soul und Tom Jones zu Sex. Er hatte in New York Kompositionslehre studiert und schmuggelte immer wieder Pop-Exoten wie Flügelhörner in seine Balladen, die sich stets so eingängig und natürlich anhören, als wären sie schon ewig auf der Welt gewesen und hätten nur auf Burt Bacharach gewartet, auf dass er sie mal ordentlich aufschreibt. Und doch: Alles Bluff, schnaufte einst Dionne Warwick: "Um seine Lieder zu singen, brauchst du ein Hochschulstudium!"

Im "Sonnenzimmer" seines durch und durch sonnigen Hauses im kalifornischen Pacific Palisades steht ein Flügel, wie frisch bestäubt mit handbeschriebenen Notenblättern. Jeden Tag setze er sich ans Klavier, sagt der gerade 80 Jahre alt gewordene Musiker: "Ich brauche das." An den Wänden hängen Fotos der Turnierpferde, die Bacharach seit Jahrzehnten züchtet. "Etwa zehn" habe er im Moment. Auf dem Sideboard im Flur sind, wie bei allen Amerikanern, Fotos der Lieben versammelt: Bacharachs 22-jähriger Adoptivsohn aus seiner dritten Ehe, der 15-jährige Sohn beim Snowboarden, die 12-jährige Tochter beim Reiten. "Sie hat am Sonntag 250 Dollar Preisgeld nach Hause gebracht", sagt der stolze Vater. Nicht dass er darauf angewiesen wäre: Nach dem Oscar-gekrönten Welthit "Raindrops Keep Fallin‘ On My Head" hätte er sich zur Ruhe setzen können. Und da hatte er gerade mal die Hälfte seines bisherigen Lebens hinter sich.

Mr Bacharach, wie schreibt man den perfekten Popsong?

Keine Ahnung. Gibt es den überhaupt?

Sie müssten es wissen: Nur die Beatles haben mehr Hits komponiert als Sie.

Natürlich gibt es Songs, die man perfekt nennen könnte - mit einer wunderschönen Melodie und brillantem Text. "My Funny Valentine" ist so einer.

Nicht von Ihnen.

Es fällt mir leichter, die Arbeit von anderen zu bewerten. Für mich ist wichtig: Du musst 100 Prozent aus allen herausholen, den Sängern, Musikern, Toningenieuren. Es ist wie im Pferderennen. Der beste Jockey verliert, wenn nicht auch sein Pferd das beste ist.

Ärgert es Sie, dass Popmusik für weniger anspruchsvoll gehalten wird als Klassik?

Sicher! Wer eine 45 Minuten lange Symphonie komponiert, kann sich ruhig ein paar Durchhänger erlauben, die vergisst man dank der großen Momente. Aber ein Popsong von nur drei Minuten?! Da muss jeder Ton sitzen.

Sie haben rund 2000 Lieder geschrieben. Worauf kommt's an?

Heutzutage kann man mit Computersound vieles großartig klingen lassen, aber das Einzige, was am Ende zählt, ist eine gute Melodie.

In den 50er Jahren begannen Sie als Orchesterleiter von Marlene Dietrich. Wie kam der Berufsanfänger mit dem Weltstar klar?

Marlene wusste genau, was sie wollte. Sie war eine Perfektionistin und konnte ein richtiges Biest sein, wenn ihr etwas nicht gefiel. Ich allerdings konnte nichts falsch machen. Wenn ich sagte: Marlene, das Tempo stimmt nicht, du singst zu langsam, dann hörte sie zu, als spräche Gott.

Sie tourten mit der Dietrich Anfang der 60er Jahre durch Deutschland. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Keine guten. Marlene wurde geradezu boykottiert: Die Deutschen warfen ihr vor, dass sie sich im Krieg auf die Seite der Amerikaner geschlagen hatte. Nach einem Konzert kam einmal ein Mädchen auf sie zu und spuckte ihr ins Gesicht. Marlene hatte ja nie einen Hehl daraus gemacht, was sie von Hitler hielt. Und sie hatte versucht, viele Leute aus Deutschland rauszuholen. Bei ihrem Konzert in Wiesbaden gab es sogar eine Bombendrohung.

Was ist dann passiert?

Nichts, trotzdem hatten wir natürlich Angst. An jenem Abend saß Josef von Sternberg im Publikum, Marlenes Entdecker. Er hatte sie mit dem "Blauen Engel" zum Weltstar gemacht. Die beiden hatten sich seit Jahren nicht mehr gesehen. Marlene sang "One For My Baby, One More For The Road" - und dann fiel sie plötzlich von der Bühne. Direkt vor Sternbergs Füße. Und brach sich die Schulter. Wirklich, diese Tournee war kein Vergnügen.

Anschließend ging es nach Israel. Marlene Dietrich war die erste deutsche Sängerin, die nach dem Krieg dort auftrat. Wie wurden Sie aufgenommen?

Der Konzertveranstalter holte uns am Flughafen in Tel Aviv ab. Er erzählte, dass er gerade ein Mahler-Konzert absagen musste, weil der Chor auf Deutsch war. Niemand ertrug es, diese Sprache in Israel zu hören. Marlene, sagte er, Sie singen doch nicht etwa einen Song auf Deutsch? Aber nein, antwortete sie, natürlich singe ich nicht einen Song auf Deutsch - sondern neun! Sie hat es so klug angestellt. Sie brachte ein paar Nummern auf Englisch, und dann fing sie mit einem Gutenachtlied an: Mein blondes Baby … Der ganze Saal hielt den Atem an. Manche Leute fingen an zu weinen.

Sie sind auch jüdisch.

Das galt in meiner Familie aber nicht als besonders cool. Als Kind habe ich sogar versucht, es vor meinen Freunden geheim zu halten. Sie alle waren katholisch, und was sie über Juden sagten, fand ich nicht ermutigend. Wie lächerlich mir das heute vorkommt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 28/2008

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