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stern-Gespräch

"Mal im Ernst jetzt, wer will denn einen jungen Mann?"

Sie war Topmodel, machte Karriere als Sängerin und lebte als Première Dame im Élysée-Palast. Carla Bruni sprach mit dem stern über ihr neues Album, ihren Mann Nicolas Sarkozy, die Kinder und seltsame Erfindungen Donald Trumps.

Von Dirk van Versendaal

Carla Bruni fotografiert in den Straßen von Paris. Die gebürtige Italienerin wird im Dezember 50

Carla Bruni in den Straßen von Paris. Die gebürtige Italienerin wird im Dezember 50

Madame Bruni-Sarkozy, wie leben Sie damit, dass Ihr Mann nicht wieder zum französischen Präsidenten gewählt wurde? Er wollte ja zurück in den Élysée-Palast.

Ich bin enorm erleichtert! Es war eine spannende Erfahrung, die Frau des Präsidenten von Frankreich zu sein, aber das Leben ist jetzt einfacher. Ganz besonders, wenn ich auftreten will oder ein Album herausbringe. Damals wollten mich plötzlich nur noch Politjournalisten interviewen, und alle stellten bloß Fragen zu Nicolas Sarkozy.

Es war sicher auch zu Ihrem Vorteil, mit dem Staatspräsidenten verheiratet zu sein, oder?

Meiner musikalischen Karriere hat es nicht genützt. Meine Ehe brachte mir ein paar Bekanntheitsgrade, aber sie hat mir Glaubwürdigkeit geraubt, besonders in Frankreich war man ein bisschen sauer auf mich.

Ihr erstes Album als Präsidentengattin hat sich nur bescheiden verkauft. Weil Sie als Kulturlinke sich mit dem Erzkonservativen zusammentaten?

Für manche war das ein Hochverrat.

Haben die Franzosen Ihnen die Première Dame mittlerweile verziehen?

Da müssten Sie sich schon selbst umhören.

Wir haben eine kleine Umfrage in den Straßen von Paris gemacht. Dies ist die Antwort: schön, dass sie wieder singt.

Das freut mich. Als ich 2013 nach fünf Jahren zum ersten Mal wieder auf Tournee ging, war es ja überall ausverkauft. Es sucht auch niemand mehr nach politischen Botschaften in meinen Liedern.

Trotzdem müssen Sie jetzt mal erklären, wie es "Highway to Hell" auf Ihr neues Album "French Touch" geschafft hat, der AC/DC-Klassiker.

Wegen meines Sohns Aurélien. Er ist 16 und hört solche Musik. Er hat mir ständig gesagt, Mama, deine Lieder sind schön, aber irgendwann schläft man ein. Stimmt doch gar nicht, habe ich geantwortet, ich singe Lieder zum Einschlafen und zum Küssen, zum Losrennen und Tanzen. Das hat ihn nicht überzeugt. Also habe ich es jetzt mit "Highway to Hell" probiert.

Bruni bei Aufnahmen für "French Touch" – das Album erscheint am 6. Oktober

Bei Aufnahmen für "French Touch" – das Album erscheint am 6. Oktober

Mag er die Version seiner Mutter?

Ja. Sagt er. Ich glaube ihm natürlich. Seine Generation ist viel aufgeschlossener als meine. Manchmal zieht er mich auf, aber das lasse ich mir gern gefallen. Wir sind früher oft zusammen auf Konzerte gegangen. Als das schwierig wurde, haben wir uns zu Hause Konzertfilme angesehen. Einmal lief "AC/DC – Live in Paris", als mein Mann dazukam: Warum rennt dieser Kerl in Bermudashorts auf der Bühne herum?, fragte er verwirrt. Wieso trägt das Publikum diese Hörner? Weil sie alle in die Hölle wollen, haben wir ihm erklärt.

Singen Sie eigentlich auch zu Hause?

Meine Tochter Giulia wird sechs, ich muss ihr Lieder aus Prinzessinnenfilmen von Disney vorsingen, "Let it go" aus "Die Eiskönigin" mag sie derzeit besonders. Meinem Sohn dagegen widme ich manchmal "Das vereinte Volk", ein chilenisches Widerstandslied – "El pueblo unido jamas sera vencido". Mein Sohn ist Kommunist, deshalb. Aber er ist nicht sonderlich konsequent. Dann solltest du auch nicht mit Uber-Taxis fahren, sage ich ihm manchmal. Vegan ist er übrigens auch. Jedes Mal, wenn ein Steak auf den Tisch kommt, fangen die Diskussionen an. Gott sei Dank, dass es diese Generation gibt und dass sie so ist, wie sie ist. Es muss etwas Gutes geschehen in der Welt. Aber seit Jahren gibt es bei uns Tofu und Linsen und Quinoa. Ich komme mir manchmal wie eine Ziege vor. Viva la cucina italiana!

Auf Ihrem neuen Album singen Sie Lieder von Abba und The Clash, Depeche Mode und Rita Hayworth. Eine wilde Zeitreise.

Das sind Lieder, die ich gern gehört habe. Bei fast allen habe ich den Rhythmus geändert, die Geschwindigkeit, den Stil – das ist mein ganz persönlicher "Touch". Bis auf Audrey Hepburns "Moon River", aber wer wollte da etwas ändern?

Rufen Sie bei Mick Jagger an, bevor Sie sein "Miss You" singen? Sie waren in den Neunzigern ja ein Liebespaar. Oder ist das als eine Nachricht an ihn zu verstehen?

Natürlich nicht. Der Song ist einfach cool. Und seit die DJs sampeln, was sie wollen, ist es nicht mehr üblich, zu fragen.

Die Rolling Stones sind noch immer auf den Beinen. Und sogar mal wieder auf Tournee.

Ja, sogar Keith scheint es gut zu gehen. Er hat mit dem Trinken aufgehört. Haben Sie mal seine Aufnahmen gehört, die 1977 in Toronto entstanden sind? Er war wegen Drogenbesitzes festgenommen worden, saß im Hotel fest, ließ sich ein Klavier bringen und nahm ein paar Lieder mit einem einfachen Rekorder auf. "Unknown Dreams" ist eines der tollsten, nie erschienenen Alben. Jetzt kann man im Internet hören, wie Keith sich eine Zigarette anzündet, ab und zu die falschen Tasten anschlägt, aber er singt wunderschön.

"Ich habe immer die Bühne gesucht. Das war meine Obsession"

"Ich habe immer die Bühne gesucht. Das war meine Obsession"

Woher haben Sie eigentlich Ihre rauchige Stimme?

Die habe ich wohl geerbt, ich weiß nur nicht, von wem. Schon als Kind klang ich wie ein Barkeeper. Heute ist sie kräftiger, aber eine ganz reine Stimme werde ich leider nie haben, obwohl ich jeden Tag Gesangsübungen mache. Wissen Sie, was die Lehrerin der jungen Maria Callas am Athener Konservatorium gesagt hat? – Ich erinnere mich nicht an ihre Stimme, sondern daran, dass sie diejenige meiner Schülerinnen war, die am meisten geübt hat.

Ein ähnlicher Fall wie Cristiano Ronaldo, der ständig den Ball am Fuß hat.

Mein Mann ist auch so ein Typ. Egal, was Nicolas macht, er hat diese geißelnde Energie, und was erledigt werden muss, macht er – sofort. Ich gehöre eher zu den Anhängern der Weisheit von Oscar Wilde: Verschiebe niemals auf morgen, was sich auch übermorgen erledigen lässt.

Streiten Sie oft mit Ihrem Mann?

Wir streiten nie, nie, nie. Wir können gar nicht miteinander streiten.

Ach ja?

Einmal im Jahr, okay. Wir schaffen es einfach nicht, ganz ehrlich. Dafür sind wir beide zu hitzig und leidenschaftlich. Wir leben seit zehn Jahren zusammen, und wir sind immer noch verliebt. Haben Sie mal von der "Glücksstudie" der Harvard-Universität gehört?

Ja, eine 1938 gestartete Langzeitstudie an Hunderten von Männern aus allen Gesellschaftsschichten, die alle zwei Jahre untersucht und befragt wurden.

Aus einigen sind Alkoholiker geworden, andere wurden Priester, sogar ein Präsident war dabei, John F. Kennedy. Etwa 60 von ihnen sind noch am Leben. Und sie alle haben Wert auf Beziehungen gelegt, auf Liebe und Freundschaften. Die allein lebten, sind meist früher gestorben, egal, ob arm oder reich. Es geht beim Glück also nicht um Cholesterin oder Reichtum oder Macht. Ich weiß jetzt, was man von einem Leben mit Partner hat, selbst wenn es mal langweilig wird.

Wie konnte eine Femme fatale wie Sie an einen Politiker geraten?

Man sucht sich die große Liebe nicht aus, die passiert plötzlich. Aber wenn man sich schon in einen Politiker verliebt, denke ich, dann doch besser in einen Präsidenten als in einen Abgeordneten, oder? Also wenn schon, dann doch gleich auf die ganz harte Tour. Politiker werden oft ungerecht behandelt. Es braucht Mut, Politiker zu sein, denn niemand will diese Arbeit noch machen. Politiker arbeiten sehr viel, verdienen eher wenig, und ständig sind die Leute mit ihnen unzufrieden. Macht steigt einem nicht immer nur zu Kopf, wie viele glauben. Macht ist auch eine Bürde.

Als Präsidentengattin 2008 an der Seite Sarkozys

Als Präsidentengattin 2008 an der Seite Sarkozys

Traut Ihr Mann sich eigentlich auf Ihre Konzerte?

Er führt wieder ein ziemlich normales Leben, er wird weniger geschützt als viele andere Politiker. Die Leute, die früher sauer auf ihn waren, sind heute eigentlich ziemlich nett zu ihm. Sie wissen auf jeden Fall, dass er kein Heuchler ist. Man mag ihn oder mag ihn nicht. Und die Franzosen sind sehr freundliche Menschen. Früher war der Sicherheitsaufwand enorm. Einmal war ich bei der BBC-Show von Jools Holland in London eingeladen, da sitzen alle Bands in einem Studio zusammen. Bevor Metallica auftraten, wurden Ohrstöpsel an alle verteilt. Ich war mit meinen französischen Leibwächtern gekommen. Die Ärmsten durften keinen Hörschutz benutzen. Es war amüsant.

Wie schreiben Sie Ihre Songs?

Meist auf der Gitarre, auf der ich nicht einmal besonders gut bin. Das nehme ich auf und gebe es meinen Musikern. Ich kann keine Noten schreiben.

Ihre Mutter war Konzertpianistin, Ihr Vater nicht nur ein Reifenindustrieller, sondern auch Komponist.

Wir hatten zwei Flügel im Haus, immerzu wurde klassische Musik gespielt. Ich aber hörte französischen Pop, Serge Gainsbourg und Barbara, auch die italienischen Cantautori, De Gregori oder Battisti. Mit 12 und 13 entdeckte ich die Stones, Led Zeppelin. Ich habe meinem Bruder Virginio die Platten geraubt. Dafür sind große Brüder ja da.

Wie erinnern Sie sich an den Tag, an dem Sie erfuhren, dass Ihr Vater gar nicht Ihr leiblicher Vater war, sondern der Italiener Maurizio Remmert, der jetzt in Brasilien lebt?

Das erfuhr ich erst 1996, als mein italienischer Vater starb. Ich fühlte mich wie ein Puzzle, das endlich fertig gelegt war. Ich wusste sofort, dass es stimmen muss. Ich sah Maurizio Remmerts Foto und wusste Bescheid. Seine andere, jüngere Tochter, Consuelo, hat mit 20 auch als Model in Mailand gearbeitet und ständig zu hören bekommen: Da kommt ja die kleine Carla Bruni!

Wie haben Sie diese Wahrheit weggesteckt?

Damals war ich Ende 20, das ist kein Trauma für mich gewesen. Meine Eltern waren sehr zivilisierte Menschen, sehr zartfühlend alle beide. Mein Vater Alberto hat es immer gewusst, er hat nie Unterschiede zwischen uns drei Kindern gemacht. Ich denke aber, dass man nicht lügen sollte. Lügen sind das wahre Trauma im Leben.

Mit Laetitia Casta (r.) 1998 bei der Fußball-WM im Stade de France

Mit Laetitia Casta (r.) 1998 bei der Fußball-WM im Stade de France

Sie waren ein Topmodel der Neunziger. Vermissen Sie die Modewelt? Fehlt Ihnen die Aufmerksamkeit?

Tatsächlich habe ich einen Beruf gewählt, in dem es darum geht, angeblickt zu werden. Ich habe immer die Bühne gesucht. Das war ja meine Obsession. Und die Mode war wie eine Familie für mich. Ich sehe mir immer noch Schauen an, ich treffe mich mit Designern. Es ist schön, sie als Zuschauerin zu erleben. Aber die Branche hat sich verändert, sie ist härter geworden.

Ihre größten Model-Momente?

Einer davon war das Finale der Fußball-WM 1998, Frankreich gegen Brasilien. Vor dem Anpfiff zeigten 300 Modelle vor 80.000 Zuschauern im Stade de France Höhepunkte aus den Kollektionen von Yves Saint Laurent. Nur zwei der Models hat Yves dann auch in seine Lounge eingeladen, Laetitia Casta und mich. Auch sein Hündchen Moujik war dabei.

Sie werden im Dezember 50 Jahre alt. Tun Sie sich selbst manchmal leid?

Ein bisschen. Ich wollte, es wäre anders. Was soll man dagegen machen?

Starren Ihnen noch immer die jungen Männer hinterher?

Mal im Ernst jetzt, wer will denn einen jungen Mann? Männer, die meine Kinder sein könnten, interessieren mich nun wirklich nicht. Junge Männer können sehr schön und verführerisch sein, aber nicht stark. Mir gefallen starke Männer. Und: In der Erfahrung steckt etwas sehr Verführerisches.

Wie oft waren Sie im Leben ernsthaft verliebt?

Dreimal. Beim ersten Mal war ich noch unreif, ich wollte keine Verpflichtung eingehen. Ich war vielleicht eher in die Idee von der Liebe und der Verführung verliebt, und bestimmt war ich keine tolle Liebhaberin. In meinen Dreißigern wurde das besser. Und als ich mich dann in meinen Mann verliebte, fühlte es sich an wie bei Romeo und Julia. Das hätte ich mit 40 nicht mehr erwartet.

Es war nie ein Problem für Sie, dass er Präsident war?

Das hat mich natürlich besorgt. Aber man weiß ja, dass in den ersten drei Monaten der Verliebtheit Teile des Gehirns aussetzen und alle Angst und Paranoia verschwinden, Adrenalin und die Endorphine übernehmen. Der Beginn einer großen Liebe ist die großartigste Zeit im Leben eines jeden Menschen. Schade ist nur, dass ich für meinen Mann nie wieder eine Neuigkeit sein werde.

Sie haben ja den Ruf einer "croqueuse d'hommes" gehabt, den einer Männerfresserin. Die Sache mit Donald Trump ist hoffentlich trotzdem ein Gerücht, oder?

Ich habe herausbekommen, wie die Sache lief. Trump gab sich gern mal als sein eigener Sprecher aus, rief bei Zeitungsredaktionen an und erzählte, dass er gehört hätte, da liefe was zwischen Donald Trump und Kim Basinger. Oder mit Madonna. Oder mit Carla Bruni. Von diesen Anrufen gibt es wohl Aufnahmen. Trump scheint nicht einmal seine Stimme zu verstellen! Sehr seltsam.

Ihr Leben, das Ihrer Familie taugen zur Verfilmung.

Ja, mein Leben war außergewöhnlich. Trotzdem hoffe ich, da kommt noch was. Ein bisschen will ich noch erleben. Ich bin ein Glückskind. Aber weil ich so viel Glück hatte, rechne ich ständig mit dem Schlimmsten. Dass den Kindern etwas passiert zum Beispiel. Ich habe mittlerweile fünf Kinder und zwei Enkelkinder, das steigert die Möglichkeiten eines Unglücks. So denke ich. Ich klopfe also ständig dreimal auf Holz. Es ist der reine Zufall, dass ich gesund bin und glücklich. Das ist nicht mein Verdienst, es ergibt keinen Sinn, es ist der reine Zufall.

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