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17. Dezember 2009, 01:11 Uhr

Die sexuelle Revolutionsoper

Der junge Plácido Domingo, der alte Haudegen Carlos Kleiber und der Regisseur Franco Zeffirelli haben aus George Bizets "Carmen" ein zeitloses Meisterwerk gemacht, in dem alles schwitzt, raucht und mordet. Von Axel Brüggemann

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"Carmen" zählt zu den meistgespielten Werken an den Opernhäusern der Welt© Arthaus

Es gibt Opernabende, an denen kaum zu erahnen ist, welche Rolle sie in der Geschichte der Oper einmal spielen sollen. Der 9. Dezember 1978 war so ein Abend. Auf der Bühne der Wiener Staatsoper wurde George Bizets "Carmen" gegeben. Am Pult stand der vielleicht komplizierteste, auf jeden Fall aber der genialste Dirigent seiner Zeit: der legendäre Carlos Kleiber. Die Rolle des Don José sang der 37-jährige Placido Domingo. Regie führte Franco Zeffirelli - der Callas-Freund und Ausstattungskünstler par exellence!

Die Geschichte um das Zigeunermädchen Carmen, den Soldaten Don José, um ihre Verführung und seinen Niedergang als Schmuggler und Mörder, ist der Inbegriff der sexuellen Revolutionsoper. Bizet hat mit "Carmen" so etwas wie den Soundtrack zur freien Liebe komponiert, ein Stück zwischen Eros und Thanatos, Lust und Tod.

Der brave Don José erträgt die selbstbewussten Spiele der femme fatale Carmen und ihre neue Liebe zum Torero Escamillo nicht und sticht ihr am Ende im Schatten der Arena seinen Dolch in die Brust. Er schlachtet das verführerische Urweib wie einen wilden Stier. Während der Chor dem siegreichen Torero in der Arena zujubelt, wird der verzweifelte Soldat festgenommen.

Bei dieser dramatischen Geschichte verwundert es, dass das Publikum bei der Erstaufführung nach anfänglicher Begeisterung immer kühler reagierte - und Bizets Meisterwerk schließlich durchfallen ließ. Die unkonventionelle Oper fand vernichtende Kritiken. Doch all das ist Geschichte. Heute gehört "Carmen" zu den meistgespielten Werken an den Opernhäusern der Welt. Auch, weil es kaum ein anderes Stück gibt, das sich näher am menschlichen Sein orientiert als dieses erotische Drama.

Jedem Charakter schenkt Bizet einen eigenen Klang

Franco Zeffirelli erzählt Bizets Oper als großen, opulenten Bilderbogen. Eine flirrende Welt aus militärischer Ordnung und Schmugglerchaos, ein Tableau für unterschiedlichste Charaktere, die unter der heißen spanischen Sonne aufeinandertreffen: Der tugendhafte und verführte Soldat, der aufgeplustert eitle Torero, die Zigeunerin, für die das Liebesspiel so frei wie ein bunter Vogel sein soll, die schummrig düsteren Kartenlegerinnen und Don Josés gottesfürchtige Schwester Michaela. Jedem Charakter schenkt Bizet einen eigenen Klang, jeder steht für seine eigenen Lebensideale, die sich in der Musik entladen.

"Carmen" ist eine Oper, die ihre Charaktere im Kampf um die eigenen Lebensentwürfe zeigt - und am Ende zur Tragödie wird. Kein Wunder, dass Friedrich Nietzsche beim Hören dieser Töne von einer revolutionären Oper sprach, die er schließlich den großen Werken seines geliebten Feindes Richard Wagner vorzog. Bizet hätte, anders als Wagner, ein Gespür für die Seele der Menschen beweisen, sagte Nietzsche, sie aus ihrem Alltag auf die Bühne gestellt und dabei auf jeglichen Mythos verzichtet. "Carmen" ist eine Oper, die transpiriert, die Blut und Leidenschaft hören lässt. Eine Oper, die vollkommen ohne Oberfläche auskommt, die staubt, die zerklüftet ist, die archaisch klingt, die sich bei den Klängen der Straße bedient und gerade dadurch übermenschlich groß wird.

Die animalischen Verlockungen der Frau

Carlos Kleiber bringt den Tabakrauch, die Sehnsüchte nach der großen erotischen Liebe, die männliche Wut eines Tieres und die animalischen Verlockungen der Frau in einen einzigartigen Klangrausch. Und Placido Domingo, der noch heute eine der besten Stimmen der der Welt hat, ist in dieser Aufnahme auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu erleben.

Der 9. Dezember 1978 hat Operngeschichte geschrieben. Eine Geschichte, die in ihrer existenziellen, dramatischen Erzählweise noch heute begeistert. Ein Abend, der beweist, dass die Kunst tatsächlich klassisch ist, weil sie vom ewigen Menschen, seinen steten Irrungen und Wirrungen erzählt. Die Unterschiedlichkeit der Lebensentwürfe führt bei Bizet zur großen Tragödie.

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Von Axel Brüggemann
 
 
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