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Der neue Paul Potts ist eine Frau

Eine graue, schottische Jungfer mit Oma-Frisur tritt vor eine britische Casting-Jury. Erst lachen alle. Dann fängt sie an zu singen. Die Zuschauer kreischen begeistert, einigen kommen die Tränen - selbst Hollywood-Stars. Ist das alles Zufall?

Von Johannes Gernert

Manche ihrer Fans sind wesentlich prominenter als Susan Boyle selbst. Die arbeitslose Schottin mit der Oma-Frisur ist nach ihrem kurzen Auftritt bei der Casting-Show "Britain's Got Talent" ja auch gerade erst weltberühmt geworden. Schon bekennt Demi Moore, dass Boyle sie mit ihrem Gesang zu Tränen gerührt habe. Moores Freund Ashton Kutcher, ebenfalls ein Hollywood-Star, hatte sie über einen Youtube-Link auf die Britin Boyle aufmerksam gemacht. Die Zuschauerzahlen für den Clip sind in den vergangenen Tagen in die Höhe geschossen. Derzeit liegen sie bei über 11 Millionen, das meistgesehene Video der Woche, weltweit. Boyle hat Profis wie Justin Timberlake und die Pussycat Dolls locker hinter sich gelassen.

Als die 48 Jahre alte Dame, die zuvor vor allem in der lokalen Karaoke-Szene in ihrem Heimatort nahe Glasgow aufgefallen war, sich fürs Vorsingen bereit machte, lachten die Studio-Zuschauer noch über ihre selbstbewusste Ankündigung: "Ich werde das Publikum rocken." Die Kirchgängerin Boyle sah in ihrem kremfarbenen Kleid, mit Doppelkinn und buschigen Brauen nicht gerade wie ein mitreißender Show-Act aus. Man rechnete eher damit, dass sie sich wie viele andere in der Sendung lächerlich machen würde. "Britain's Got Talent" funktioniert wie RTLs "Supertalent". Manche Bewerber versuchen Autos mit Ohren zu ziehen oder Flaschen mit dem Mund zu sprengen. Boyle machte den Eindruck, als wäre sie in dieser Freak-Versammlung gut aufgehoben. Dazu passend erzählte sie in ihrem knorrigen schottischen Akzent auch noch, sie sei bisher gänzlich ungeküsst und wackelte später auf der Bühne etwas seltsam mit dem Hintern.

Ein "haariger Engel"

Dann allerdings begann Susan Boyle zu singen. Und schon als sie die ersten Töne von "I Dreamed a Dream" aus dem Musical "Les Miserables" angestimmt hatte, kreischte das Publikum wie bei einem Boygroup-Konzert. Einer blondierten Jurorin blieb das polierte Fernsehgebiss offen stehen. So eine Überraschung, sagte eine Jury-Kollege anschließend, habe er in den drei Jahren der Show noch nie erlebt. Dabei wirkt der TV-Moment wie die Kopie einer Szene aus einer anderen Staffel. Damals hatte sich der ebenfalls nicht gerade schlanke Waliser Handy-Verkäufer Paul Potts vor die Jury gestellt und verkündet, er wolle Opernsänger werden. Publikum und Juroren lächelten zunächst und nach seiner Performance waren sie begeistert. Der Moment ging als Werbeclip um die Welt. Potts gewann die Show, bekam einen Plattenvertrag und belegte mit seinem Album " One Chance" vorderste Chart-Plätze.

Auch mit Susan Boyle soll es schon Verhandlungen um einen Plattendeal geben. Angeblich kümmert sich Simon Cowell darum – Jury-Mitglied und Musikmogul. "Britain's Got Talent" hat allerdings gerade erst angefangen und Boyle müsste noch drei Runden überstehen, um die Show auch tatsächlich zu gewinnen. Wie eine Siegerin sieht sie trotzdem jetzt schon aus. Als sie an Ostern die Kirche in ihrem Heimatort besuchte, bekam sie Standing Ovations. Ein Boulevardblatt nannte sie nicht ganz so schmeichelhaft einen "haarigen Engel". Eine andere Zeitung freute sich, dass Talent Styling schlagen könne. Die Geschichte vom hässlichen Entlein, das plötzlich anmutig zwitschert wie eine Nachtigall, ist einfach wunderbares Märchenmaterial. Eine echte Hollywood-Story. Man kann sich an der Stelle natürlich fragen, ob die Jury wirklich überhaupt gar nichts von dem geahnt hatte, was auf sie zukommen würde. Irgendeiner aus dem TV-Team wird Boyle ja zuvor wohl schon einmal singen gehört haben. So ein Moment ließe sich durchaus planen. Es wirkt auch arg konzipiert, wenn die Kamera auf staunende Teenager-Gesichter und versteinerte Juroren-Minen schwenkt.

“Zeichen gegen Zynismus“

Im Falle von Susan Boyle war anders als beim verheirateten Paul Potts ein klassisches Casting-Element im Spiel, das stets der Quotenförderung dient: Das Öffentlichmachen eines nicht vorhandenen Sexlebens, ihr Bekenntnis zum Leben als mittelalte Jungfer. Das hat in Deutschland nicht nur bei RTLs "Bauer sucht Frau" wunderbar funktioniert, sondern zuletzt auch bei "Deutschland sucht den Superstar". Da hatten manche schon gedacht, es werde mit dem Würzburger Verwaltungsangestellten Holger Göpfert ein deutsches Paul-Potts-Pendant geschaffen. Auch der gehörte zur Fraktion der geouteten Sexfreien. Singen konnte er allerdings nicht ganz so gut, weshalb ihn das Publikum schließlich lange vor dem Finale abwählte. Auch bei RTL versucht man neuerdings verstärkt, die Fremdschäm-Elemente aus dem DSDS-Vorprogramm in die Finalrunde zu retten. So gut wie bei "Britain's Got Talent" kann das nicht laufen, weil es für eine Paul-Potts-Story den Paukenschlag braucht. Die Verwandlung des hässlichen Entleins muss von einem Moment auf den anderen passieren.

Eben so wie bei Susan Boyle. Die ist jetzt ein Medienstar und lässt sich von der BBC beim Teekochen in ihrer kleinen Küche filmen. Einer Boulevardzeitung hat sie erzählt, sie habe bei ihrem Auftritt ja ausgesehen wie eine Garage. Nicht gerade attraktiv. Sie hoffe, die Leute hätten nicht deswegen geweint. Lässig selbstironisch kann sie also auch sein. Die weibliche Jurorin wertete Boyles Erfolg als ein "Zeichen gegen Zynismus und Überheblichkeit." Auch das klang fast wie ein Satz aus einem Drehbuch. Die Zuschauer werden bei der nächsten Folge von "Britain's Got Talent" trotzdem wieder gerne zusehen, wie sich manche von Boyles Mitbewerbern blamieren. Das muss schließlich so sein. Sonst würden die Potts und Boyles ja irgendwann gar nicht mehr auffallen.

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