Der neue Paul Potts ist eine Frau

16. April 2009, 18:14 Uhr

Eine graue, schottische Jungfer mit Oma-Frisur tritt vor eine britische Casting-Jury. Erst lachen alle. Dann fängt sie an zu singen. Die Zuschauer kreischen begeistert, einigen kommen die Tränen - selbst Hollywood-Stars. Ist das alles Zufall? Von Johannes Gernert

2 Bewertungen
Susan Boyle, "Britain's got Talent", Paul Potts, Medienhype, Casting, Britain, Talent

Hat Haare und Stimme schön: Susan Boyle©

Manche ihrer Fans sind wesentlich prominenter als Susan Boyle selbst. Die arbeitslose Schottin mit der Oma-Frisur ist nach ihrem kurzen Auftritt bei der Casting-Show "Britain's Got Talent" ja auch gerade erst weltberühmt geworden. Schon bekennt Demi Moore, dass Boyle sie mit ihrem Gesang zu Tränen gerührt habe. Moores Freund Ashton Kutcher, ebenfalls ein Hollywood-Star, hatte sie über einen Youtube-Link auf die Britin Boyle aufmerksam gemacht. Die Zuschauerzahlen für den Clip sind in den vergangenen Tagen in die Höhe geschossen. Derzeit liegen sie bei über 11 Millionen, das meistgesehene Video der Woche, weltweit. Boyle hat Profis wie Justin Timberlake und die Pussycat Dolls locker hinter sich gelassen.

Als die 48 Jahre alte Dame, die zuvor vor allem in der lokalen Karaoke-Szene in ihrem Heimatort nahe Glasgow aufgefallen war, sich fürs Vorsingen bereit machte, lachten die Studio-Zuschauer noch über ihre selbstbewusste Ankündigung: "Ich werde das Publikum rocken." Die Kirchgängerin Boyle sah in ihrem kremfarbenen Kleid, mit Doppelkinn und buschigen Brauen nicht gerade wie ein mitreißender Show-Act aus. Man rechnete eher damit, dass sie sich wie viele andere in der Sendung lächerlich machen würde. "Britain's Got Talent" funktioniert wie RTLs "Supertalent". Manche Bewerber versuchen Autos mit Ohren zu ziehen oder Flaschen mit dem Mund zu sprengen. Boyle machte den Eindruck, als wäre sie in dieser Freak-Versammlung gut aufgehoben. Dazu passend erzählte sie in ihrem knorrigen schottischen Akzent auch noch, sie sei bisher gänzlich ungeküsst und wackelte später auf der Bühne etwas seltsam mit dem Hintern.

Ein "haariger Engel"

Dann allerdings begann Susan Boyle zu singen. Und schon als sie die ersten Töne von "I Dreamed a Dream" aus dem Musical "Les Miserables" angestimmt hatte, kreischte das Publikum wie bei einem Boygroup-Konzert. Einer blondierten Jurorin blieb das polierte Fernsehgebiss offen stehen. So eine Überraschung, sagte eine Jury-Kollege anschließend, habe er in den drei Jahren der Show noch nie erlebt. Dabei wirkt der TV-Moment wie die Kopie einer Szene aus einer anderen Staffel. Damals hatte sich der ebenfalls nicht gerade schlanke Waliser Handy-Verkäufer Paul Potts vor die Jury gestellt und verkündet, er wolle Opernsänger werden. Publikum und Juroren lächelten zunächst und nach seiner Performance waren sie begeistert. Der Moment ging als Werbeclip um die Welt. Potts gewann die Show, bekam einen Plattenvertrag und belegte mit seinem Album " One Chance" vorderste Chart-Plätze.

Auch mit Susan Boyle soll es schon Verhandlungen um einen Plattendeal geben. Angeblich kümmert sich Simon Cowell darum – Jury-Mitglied und Musikmogul. "Britain's Got Talent" hat allerdings gerade erst angefangen und Boyle müsste noch drei Runden überstehen, um die Show auch tatsächlich zu gewinnen. Wie eine Siegerin sieht sie trotzdem jetzt schon aus. Als sie an Ostern die Kirche in ihrem Heimatort besuchte, bekam sie Standing Ovations. Ein Boulevardblatt nannte sie nicht ganz so schmeichelhaft einen "haarigen Engel". Eine andere Zeitung freute sich, dass Talent Styling schlagen könne. Die Geschichte vom hässlichen Entlein, das plötzlich anmutig zwitschert wie eine Nachtigall, ist einfach wunderbares Märchenmaterial. Eine echte Hollywood-Story. Man kann sich an der Stelle natürlich fragen, ob die Jury wirklich überhaupt gar nichts von dem geahnt hatte, was auf sie zukommen würde. Irgendeiner aus dem TV-Team wird Boyle ja zuvor wohl schon einmal singen gehört haben. So ein Moment ließe sich durchaus planen. Es wirkt auch arg konzipiert, wenn die Kamera auf staunende Teenager-Gesichter und versteinerte Juroren-Minen schwenkt.

“Zeichen gegen Zynismus“

Im Falle von Susan Boyle war anders als beim verheirateten Paul Potts ein klassisches Casting-Element im Spiel, das stets der Quotenförderung dient: Das Öffentlichmachen eines nicht vorhandenen Sexlebens, ihr Bekenntnis zum Leben als mittelalte Jungfer. Das hat in Deutschland nicht nur bei RTLs "Bauer sucht Frau" wunderbar funktioniert, sondern zuletzt auch bei "Deutschland sucht den Superstar". Da hatten manche schon gedacht, es werde mit dem Würzburger Verwaltungsangestellten Holger Göpfert ein deutsches Paul-Potts-Pendant geschaffen. Auch der gehörte zur Fraktion der geouteten Sexfreien. Singen konnte er allerdings nicht ganz so gut, weshalb ihn das Publikum schließlich lange vor dem Finale abwählte. Auch bei RTL versucht man neuerdings verstärkt, die Fremdschäm-Elemente aus dem DSDS-Vorprogramm in die Finalrunde zu retten. So gut wie bei "Britain's Got Talent" kann das nicht laufen, weil es für eine Paul-Potts-Story den Paukenschlag braucht. Die Verwandlung des hässlichen Entleins muss von einem Moment auf den anderen passieren.

Eben so wie bei Susan Boyle. Die ist jetzt ein Medienstar und lässt sich von der BBC beim Teekochen in ihrer kleinen Küche filmen. Einer Boulevardzeitung hat sie erzählt, sie habe bei ihrem Auftritt ja ausgesehen wie eine Garage. Nicht gerade attraktiv. Sie hoffe, die Leute hätten nicht deswegen geweint. Lässig selbstironisch kann sie also auch sein. Die weibliche Jurorin wertete Boyles Erfolg als ein "Zeichen gegen Zynismus und Überheblichkeit." Auch das klang fast wie ein Satz aus einem Drehbuch. Die Zuschauer werden bei der nächsten Folge von "Britain's Got Talent" trotzdem wieder gerne zusehen, wie sich manche von Boyles Mitbewerbern blamieren. Das muss schließlich so sein. Sonst würden die Potts und Boyles ja irgendwann gar nicht mehr auffallen.

 
 
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KOMMENTARE (10 von 12)
 
gman537 (17.04.2009, 13:38 Uhr)
Warum Begeisterung...ist doch einfach
um @diary mal zuvor zu kommen:
Begeisterung weil..da jemand rauskommt, so wie er ist, zeigt was er kann, und Anerkennung bekommt.
Was so banal klingt ist es leider nicht of nicht mehr; in den inflationären Castingshows müssen die Kandidaten ja nicht nur singen können, sondern auch gut aussehen, tanzen , vom Bungeeseil hängend und mit Schlange um den Hals 'performen' können und am Besten noch Todesfall in der Familie oder schwere Krankheit überwunden haben....usw.
Dabei sollte doch nur zählen wie die Stimme bzw. die Musik klingt.
Denn wenn ich eine CD einlege oder Radio höre, interessiert mich der andere Quatsch herzlich wenig.
Leider gelangen durch diese 'neuen' Kriterien auch viele Luftpunmpen in die Charts.
Deshalb freuen sich die Leute wenn mal jemand nur wegen seines Könnens gefällt und ein bischen Erfolg hat.
Und es gibt mit Sicherheit mehr solcher Talente als man denkt; nur bekommen sie leider nur in solchen Spezialshows die Gelegenheit zu zeigen was sie drauf haben.

Deshalb sehe ich auch lieber mal einen Potts oder eine Boyle als regelmässig DSDS-Clowns.
Noch ein Tipp: in youtube mal nach "BGT Stavros Flatley" suchen; auch sehenswert :-))
sportartmakler (17.04.2009, 11:20 Uhr)
als ich die fassungslosen gesichtsausdrücke
der jury sah dachte ich erst an archivbilder von potts. menschen wollen solche schönen geschichten, das häßliche entlein mit feenhafter stimme, hui, was fürs herz. wer jetzt kritik an einer womöglichen inszenierung übt ist natürlich der dt. neidhammel und meckerfritze, gönnt anderen weder glück noch erfolg. dann lieber neidhammel als lemming der fernseh- und plattenproduzenten.
@diary: was hat denn die begeisterung ausgemacht? vielleicht fehlt mir dieser wichtige fakt um ein echter lemming zu werden.;)
Fusches (17.04.2009, 09:32 Uhr)
Typisch Deutsch
Warum muss immer alles in Frage oder mit negativen touch versehen werden, warum kann man nicht einfach den Auftritt von Ms. Boyle geniessen und sich daran erfreuen. Es steht ausser frage das sie sehr gut gesungen hat und mit gerade mit diesem Song in schwerer Zeit so viele Menschen anspricht. Aber vielleicht ist es wirklich eine typisch deutsche tugend immer alles zu kritisieren, keine traeume mehr zu haben und jeden und alles zu beneiden. Uebrigens ist BGT und x-factor ( in D heisst es DSDS) um Laengen serioeser als Bohlens Shows, zumindest ist die Kritik der Juroren meist sachlich und nicht mit lauen und billigen Spruechen belegt.
Gruss aus Schottland...und das schon 22 jahre, gott sei dank
choco68 (17.04.2009, 09:13 Uhr)
...wie schade dass manch einer nur das Schlechte sieht.....
...es ist schon traurig dass die meisten Menschen in Deutschland immer nur das negative sehen, es wird nur gemeckert, es wird geschrien dass alles Betrug ist und das man sowieso verarscht wir, leider haben es viel verlernt, oder erst gar nicht gelernt, sich für andere Menschen zu freuen, 80% der Kommentare lassenu leider ersehen, wie armselig manche Menschen in Deutschland sind... ich freue mich für die Dame, und ob sie Karriere macht oder nicht, Respekt vor ihrem Auftritt, super Stimme, und ich gönne ihr dass viele Menschen das anerkennen was sie da tut....
gman537 (17.04.2009, 08:13 Uhr)
Ist doch wurst
wie gut eine Potts oder jetzt Boyle wirklich sind.
Der Titel der Sendung sagt ja schon daß nicht der Top-Opernsänger oder der Top-Tänzer gesucht wird, sondern jemand mit Talent.
Und das haben die beiden Genannten definitiv.
Ausserdem gefällt's den Leuten und das nicht nur wegen einer netten Sidestory; so einfach ist das Publikum auch nicht zu bekommen.
Schlußendlich ist auch klar daß gewiefete Produzenten sofort kommerziellen Erfolg wittern und entsprechende vorbauen; das ist Fernsehen und keine karitative Einrichtung.
Und daß Boyle 100% eine inszenierte Figur ist , können wohl nur Leute denken die auch noch glauben Elvis und Hitler lebten noch und die Mondlandung sei ein Fake gewesen.
Vielleicht ist ja Euer Leben auch nicht wirklich; schon mal hinter die Spiegel und unter die Couch geschaut ? :-))
yume07 (17.04.2009, 03:33 Uhr)
Zeichen unserer Zeit
Ob sie nun professionell sein wird oder nicht, spielt doch keine Rolle. Die Mehrheit der Leute ist fasziniert von ihrer Lebensgeschichte und ihrem Talent, dass ueber das Internet fuer alle zugaenglich ist ...ihr Erfolg haelt hoffentlich noch eine Weile an, da sie ja schon 1999 aktiv wurde...siehe hier: http://www.youtube.com/watch?v=P8r9lRJ6yHY
derParanaut (17.04.2009, 02:08 Uhr)
Der Schein und sein Widerhall.
Susan Boyle ist der RollenName dieser Schauspielerin. Ich frage mich, warum von vielen Menschen diese Show als Wirklichkeit wahrgenommen wird. Das ist eine inszenierte Show, um kleine Menschen auf Trab zu halten. Um ihnen die Kopie einer Hoffnung zu geben.
Ihr denkt das sei echt? Wenn ja, dann träume Deinen Konserven-Traum weiter.
Sie ist ebenso eine raffiniert beleuchtete Puppe, wie Pol Pott.
Sternbesucher (17.04.2009, 00:16 Uhr)
Kleine Flamme leuchte hell !
Natürlich ist Paul Potts ein Opernsänger.
Paul Potts singt Opern.
Ist denn der kein Fußballspieler, der in Hüppelhofen oder Kleinweststadt in einer Mannschaft spielt? Muss man erst für die Nationalmannschaft nominiert sein um als Fußballer respektiert zu werden.
Aber soweit sind wir ja nun in Deutschland und aller Welt schon. Im Größenwahn wird alles Schöne kaputt geredet, um nur nicht zugeben zu müssen wie wenig man selber erreicht hat. Doch das ist ja gerade das Schönste. Im Kleinen, Verborgenen, im Verlassenen und scheinbar Nichtsnutzigen beugt sich Gott herunter und lässt unglaubliches wahr werden. Und wenn der Mensch erkennt, wozu seine Gabe ist und sie auslebt, begreift er, ich bin von guten Mächten wunderbar geborgen. Wohl dem Menschen, der das mit anderen teilen darf. Viel Glück und Segen Susan Boyle.
Diary (16.04.2009, 22:14 Uhr)
Glückwunsch @ tri.star
Besser hättest Du nicht zeigen können, dass Du nichts von dem begriffen hast, was die Begeisterung über den Auftritt von S. Boyle ausmacht.
thinkbig (16.04.2009, 20:30 Uhr)
Schöner Schein ist alles
Das Ganze zeigt doch nur, wie primitiv wir Menschen sind. Erfolg und "Schönheit" gehören angeblich zusammen und wie kann es nur sein, dass eine Frau, die nicht dem herrschenden "Schönheits"-Ideal entspricht, so toll singt? Die Welt ist voll von Menschen wie Boyle und Potts, doch ihre Talente bleiben ungenutzt, weil wir nur noch auf das Äussere eines Menschen sehen. Der schöne Schein ist wichtiger als das, was tatsächlich in einem Menschen steckt - sehr traurig eigentlich.
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