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12. Oktober 2001, 10:32 Uhr

Diva aus vollem Herzen

Wenn Cecilia Bartoli den Mund aufmacht, liegt ihr die Welt zu Füßen. Jetzt hat sich die Operndiva an Gluck herangemacht.

Cecilia Bartoli im Weinberg am Gardasee

Über Schloss und Park geht der Mond auf, schönbrunngelb, dick, voll und rund. Taucht die geschniegelten Rabatten und haushohen Hecken in ein silbriges Licht. Fiaker an Fiaker rollt über den knirschenden Kies, mit schnalzenden Kutschern und schnaubenden Pferden. Rechts Palmenhaus, links Römische Ruine, Vollmond obendrüber, bringen sie die Gäste zum Festdiner, zur Gloriette auf dem Hügel.

Glanz und Gloria für La Bartoli. Hochgestimmt feiert die Plattenfirma das neue Solo-Album ihres Superstars: italienische Arien von Christoph Willibald Gluck. Denn die 35-Jährige ist einer ihrer letzten ganz großen Trümpfe: Je trübsinniger das Klassikgeschäft vor sich hin dümpelt, desto leuchtender geht der Stern der Römerin auf. Welche Töne ihrer schönen Kehle entweichen - Cecilia Bartoli singt sie zu Geld. Wo sie auftritt - ausverkaufte Säle. Was sie auch aufnimmt - Verkaufssensationen.

Und nun also Gluck. Gibt es einen passenderen Ort als Maria Theresias Schönbrunner Residenz für den Barockkomponisten? Für die Barockschönheit Bartoli? Da steht sie, in einem Traum aus fliederfarbener Seide. Irden und göttlich zugleich. Drei Arien gibt sie als Appetizer an diesem Abend. Und als sie die Liebesqual der Berenice aus der Oper »Antigono« singt, mit ihrem dunkel leuchtenden Mezzo, virtuos, schmerzzerrissen, farbenreich, mühelos vom Forte ins Pianissimo wechselnd - da reißt es die abgebrühte Marketing-Meute von den rotsamtenen Sitzen: tosender Beifall, Standing Ovations.

Das Kleid. Der fliederseidene Traum. Diesmal mitten im Weinberg. Zwischen Reben mit riesigen roten Trauben, die sich den Hügel hochziehen, bis zu den Zypressen, die ganz oben stehen wie Scherenschnitte gegen das Licht. Dahinter liegt der Gardasee. Cecilia steht statuenstill. »Soll ich Sie anschauen?« Fototermin. Wie viele solcher Roben sie besitzt? Keine Ahnung, sagt sie und lacht, »die meisten hängen im Schrank, ich mag eigentlich nur vier oder fünf, und dies ist mein Lieblingskleid. Mit Taschen! Ich hatte noch nie ein Kleid mit Taschen!«

Sinnlich und schön: Cecilia Bartoli

Sie war begeistert, als Vivienne Westwood ihr anbot, ein Kleid zu schneidern. Aber, so sagte sie der Modemacherin, »Sie müssen dazu meine Konzerte besuchen, Sie müssen wissen, welche Musik ich mache. Denn ich brauche nicht einfach ein schönes, modisches Abendkleid.« Sondern eines, das zu ihr passe und zu ihrer Musik. »Das hat Vivienne Westwood verstanden«, sagt Cecilia, »Das Kleid ist klassisch und hat eine starke Persönlichkeit.«

Bevor sie aber erklären kann, dass eine Konzertrobe nicht größer als die Bühne sein darf, dass sie darum beim Liederabend im Salzburger Mozarteum nicht das Westwood-Kleid, sondern ein kleineres Grünes trug, dass es auf die Energie der Farben ankomme - rubinrot etwa, Bernstein oder tiefes Smaragd -, bevor sie also erläutern kann, dass Cecilias Kleider nicht bloß Kleider, sondern Teil des Gesamtkunstwerks Bartoli sind, da pfeift plötzlich Wind durch die Reben, färbt sich der Himmel rabenschwarz, und ein Wolkenbruch prasselt nieder.

So ist das am Gardasee. Das Kleid wird's überstehen, sagt Cecilia und lacht schon im Schutz ihres alten Mercedes. Ihre Heimat ist Rom, aber sie liebt diese Landschaft. Die Weite. Das Weingut ihres Freundes Claudio Osele mit den Zypressen. Wo sich vorn im Verkaufsraum die deutschen Touristen mit Bardolino Classico eindecken und eine Tür weiter die Bartoli probt. Ungezwungen, mit den Freunden von »Le Musiche nove«. Dem Barockensemble, das ihr Bruder Gabriele, der vor vier Jahren starb, gründete, und das Claudio, der Musikwissenschaftler, nun weiterführt. Liebt es, wenn sie einmal nicht reisen muss. Nachts in Hotelzimmern aufwacht, wo sie den Lichtschalter nicht findet. Vor lausiger Pasta vor Heimweh vergeht. Ihre schönste Reise sei immer der Heimweg, sagt sie.

Claudios Mutter hat Risotto und Tomatensalat aufgetischt, Käse und Bardolino. Das Westwood-Kleid trocknet, Cecilia trägt jetzt rostrote Jeans und ein regenbogenfarbenes T-Shirt. Zu eng, zu grell, sonst noch Einwände? Das Gesicht, molto vivace, reißt ohnehin alles raus. Die ganze Tonleiter der Gefühle, nahtlose Registerwechsel, von Dur zu Moll, prestissimo, und zurück - da kommt nicht mal der Gardasee mit, und am anbetungswürdigsten ist ihr Gelächter. Natürlich verändert Erfolg das Leben, sagt sie. »Aber ich liebe immer noch Sachen wie diese hier und grüne Bohnen wie vor zehn Jahren.«

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