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16. November 2007, 11:53 Uhr

Mit der Stimme malen

Cecilia Bartoli hat es mit ihrer ausdrucksstarken Stimme und ihrer energischen Bühnenpräsenz bis an die Spitze der internationalen Opernszene geschafft. Ihr aktuelles Album „Maria„ widmet sie der ersten großen Diva der Operngeschichte: Maria Malibran.

Auf den musikalischen Spuren von Maria Malibran: Cecilia Bartoli© Miguel Villagran/AP

Frau Bartoli, Sie widmen Ihr aktuelles Album und Ihre Konzerttournee der ersten und größten Operndiva des 19. Jahrhunderts. Was fasziniert Sie an Maria Malibran?

Maria war die erste wahre Diva – im positiven Sinne: extravagant, mit eigenem Stil. Sie hat sich auf der Bühne ausgelebt und die Musik genauso aufgeführt, wie sie sie fühlte. Sie war die erste, die auf der Bühne ihre Emotionen zeigte und diese mit dem Publikum teilte. In kürzester Zeit eroberte sie die angesehensten Konzertbühnen Europas und wurde sogar der erste richtige Opernstar in den USA. Sie war unglaublich frei! Auch privat: Sie war ein Symbol der Emanzipation! Sie war nicht nur eine hervorragende Sängerin, sondern sie malte auch, sprach mehrere Sprachen, trug - damals für eine Frau sehr gewagt - Hosen und wollte die Revolution. Das war einzigartig! Sie war die neue Frauenfigur. So viele Menschen haben sich in sie verliebt... Nicht nur das Publikum, sondern auch große Musiker und Komponisten dieser Zeit wie Chopin, Liszt, Bellini, Mendelssohn... Einfach jeder!

Malibrans Leben war aber nicht nur glamourös, sondern auch tragisch...

Ohne Frage! Es heißt, dass ihr Vater, der sie im Gesang unterrichtete, ihr das Singen buchstäblich eingeprügelt haben soll. Um ihm zu entkommen flieht sie bereits als Teenager in die Ehe mit einem fast dreißig Jahre älteren Mann, den sie später verlässt, um mit ihrem Liebhaber, einem jungen belgischen Stargeiger, in wilder Ehe zusammenzuleben. Sie hat einfach mit den Konventionen der damaligen Zeit gebrochen! Sie hat die Menschen damals geschockt und zugleich fasziniert. Sie war eine Ikone der Emanzipation und hat einfach gemacht, was sie wollte.

Wie nah fühlen Sie sich der Sängerin, die vor 200 Jahren in Paris als Spross der weltbekannten spanischen Musikerdynastie García geboren wurde?

Es gibt Parallelen im Repertoire und in der Art, wie wir aufwuchsen. Ich komme aus einer Musikerfamilie, genau wie sie. Ihr hat der Vater das Singen beigebracht, mir meine Mutter. Und es gibt auch Ähnlichkeiten bei der Stimme: Sie war ein Mezzosopran und ich bin auch ein Mezzosopran. Sie war allerdings fast mehr Kontraalt, sie konnte auch in den tiefen Registern singen. Darüber hinaus spielte Maria Malibran noch viele verschiedene Instrumente - da kann ich nicht mithalten. Und was uns definitiv unterscheidet: Ich reite nicht gerne. Ich habe das ein-, zweimal ausprobiert und werde es nicht wieder tun...! (lacht)

An einem Reitunfall ist Maria Malibran mit nur 28 Jahren schließlich auch gestorben. Dem Glamour ihrer Opernkarriere stand stets die Tragik ihres Privatlebens gegenüber. In Ihrem Leben, Frau Bartoli, scheint alles etwas geschmeidiger zu laufen...

In meinem Leben hat es auch dunkle Momente gegeben: Ich habe Menschen verloren, die ich geliebt habe, ich habe Familienangehörige verloren. Aber da ich beschlossen habe, mein Privatleben auch privat zu halten, wissen viele Leute einfach nicht, was in meinem Leben passiert. Aber in jedem Leben und in jeder Karriere gibt es glückliche Momente und dunkle Momente.

Braucht man als Opernsänger Tragödie im eigenen Leben, um Oper überhaupt glaubwürdig singen zu können?

Nein! Sie brauchen überhaupt keine Tragödie. Um Oper singen zu können, müssen Sie Musiker sein. Musiker und Schauspieler. Sie müssen die Musik ausfüllen, Sie müssen der Musik dienen: In dem Moment, in dem Sie eine Rolle spielen, sind Sie tatsächlich diese Figur auf der Bühne. Um ein Opernsänger zu sein, muss man mit der Stimme malen.

Was unterscheidet Sie, als populäre Opernsängerin unserer Zeit, von Maria Malibran und ihrer Erfolgskarriere vor 200 Jahren?

Maria Malibran war ein Popstar! Wir können ihre Karriere vielleicht mit dem eines Hollywoodstars vergleichen wie Marilyn Monroe, oder mit Michael Jackson oder Madonna. So populär war sie. Meine Karriere hingegen ist eher eine klassische Opernkarriere. Ich bin eben kein Popstar.

Aber Sie waren mit Ihren Alben schon öfters in den internationalen Popcharts. Das ist für eine klassische Musikerin eher ungewöhnlich...

Ich bin in den Charts, das stimmt! (lacht) Heißt das jetzt, dass ich mich als Popsängerin betrachten müsste? Popklassik vielleicht?

Die Callas des Barock Cecilia Bartoli wird am 4. Juni 1966 in Rom geboren. Den Weg in die Klassikwelt ebenen ihr die Eltern: Die Mutter, selbst Gesangslehrerin, bringt ihrer Tochter die ersten Takte bei. Stardirigenten wie Herbert von Karajan, Daniel Barenboim und Nikolaus Harnoncourt verhelfen ihr Ende der 80er Jahre zum Durchbruch. Ihr Konzertrepertoire umspannt Musik aus vier Jahrhunderten. Wegen ihrer energischen Bühnenpräsenz und der Liebe zu dieser musikalischen Epoche wird sie auch die "Callas des Barock" genannt. Für ihr aktuelles Album "Maria" hat Cecilia Bartoli wieder recherchiert und einige Kompositionen neu entdeckt: diesmal Belcantoarien von Rossini, Bellini und Donizetti aus dem musikalischen Erbe der Maria Malibran - der ersten und größten Diva des 19. Jahrhunderts. Mit diesem Repertoire startet Cecilia Bartoli jetzt zur Konzerttournee durch Deutschland. Begleitet wird sie von einem Orchester auf Instrumenten der damaligen Zeit - und von einem rollenden Museum. In einem LKW stellt die Sängerin rund 200 Erinnerungsstücke an ihr vor zwei Jahrhunderten verstorbenes künstlerisches Vorbild aus: Briefe, Portraits, Musikmanuskripte, Bühnenschmuck bis hin zu Totenmaske Maria Malibrans.
17.11. Berlin Philharmonie
19.11. Hamburg Laeiszhalle
21.11. Köln Philharmonie
27.11. Baden-Baden Festspiehaus
29.11. Frankfurt am Main Alte Oper
02.12. München Philharmonie am Gasteig
11.03. Nürnberg Meistersingerhalle
13.03. Bremen Die Glocke
01.04. Baden-Baden Festspielhaus
06.04. Baden-Baden Festspielhaus

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