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19. August 2006, 08:17 Uhr

Das fleißige Lieschen

Sie hat viel probiert, um eine so große Verwandlungskünstlerin wie Madonna zu sein. Mit ihrem neuen Album will Pop-Prinzessin Christina Aguilera nun erwachsen werden. Aber eine neue Haarfarbe und ein paar soulige Ahaaas und Ohoohoos sind dafür nicht genug. Von Andrea Ritter

© Ellen von Unwerth/Sony BMG

Sie hat sich tatsächlich zehn Piercings rausgenommen, nur eines durfte stecken bleiben - in der Brust. Mit dieser wahrlich sensationellen Enthüllung löste die 25-jährige Popsängerin Christina Aguilera, ehemals Xtina, inzwischen verheiratete Mrs. Jordan Bratman, kürzlich eine Nachrichtenwelle aus. Erstaunlich, dieser Effekt - und schon deshalb lohnt sich die Fahrt durchs stickig heiße London, hin zum Koko-Club an der Camden High Street, hin zu Christina Aguilera, die dort an diesem Abend auftreten wird, mit rotem Teppich und allem Drum und Dran. Will man doch mal sehen, diese Frau, die schon mit so wenig so viel Aufmerksamkeit erregt und auf deren neue Platte die Fans seit vier Jahren sehnsüchtig warten.

Sehen ist allerdings gar nicht so einfach. Zart und klein ist sie, höchstens 1,65 Meter, trotz der langen Absätze unter den Füßchen. Auch ihre neuerdings platinblonden Locken fallen nicht besonders auf, weil die, so im Abendlicht betrachtet, eher ins Dolly-Buster-Gelbliche gehen, eine Haarfarbe, die auch bei den Damen der englischen Soap-Industrie sehr beliebt zu sein scheint, die sich an diesem Abend auf dem roten Teppich tummeln und die Aguilera sehen wollen.

Erst drinnen, auf der Bühne des plüschig roten Koko-Clubs, strahlt Christina - im gold-schwarzen Glitzerkleidchen, die wertvollste Praline in einer schmucken Schachtel. Früher trug sie bei ihren Auftritten gern taschentuchgroße Slips oder Strapse und redete in Interviews vorzugsweise über Sex. Jetzt inszeniert sie sich als retro-schicke Marilyn Monroe mit knallrotem Lippenstift und berichtet ausführlich von ihrem Eheglück. Seht her, Christina Aguilera ist erwachsen geworden, lautet die Botschaft. Ihre neue Platte "Back To Basics" erscheint an diesem Wochenende, und da singt sie Soul und Jazz und Blues, ganz so, wie die großen Damen der amerikanischen Musikgeschichte.

Und sie gibt sich wirklich Mühe, auch hier im Koko-Club. Viele Oohoohoo-aahaahs singt sie, tief die "Ohs", höher die "Ahs", so richtig soulig-röhrig und wie aus dem Lehrbuch. Sie rudert zur Unterstützung bedeutungsvoll mit der Hand in der Luft. Dann wieder flitzt sie für eine 20er-Jahre-Nummer im kessen Matrosenhöschen über die Bühne, schürzt die Lippen und legt den Zeigefinger an den Mundwinkel. Ohne Zweifel, Christina Aguilera macht das, was Amerikaner "a good show" nennen. Und singen kann sie auch. Irgendwie ist man fast erleichtert darüber, so angestrengt bemüht sie sich, dem Publikum zu beweisen, was für eine große Künstlerin sie ist.

Kopfschmerz oder Sonnenbad? Christina Aguilera in einem ihrer Lieblings-Outfits: Unterwäsche ohne was drüber© Ellen von Unwerth/Sony BMG

Start im Disneyland

Es gibt wohl kaum eine Popsängerin, die in den vergangenen Jahren ähnlich hart gearbeitet hat wie Christina Aguilera. Als Zwölfjährige sang und moderierte sie im "Mickey Mouse Club", dem Gewächshaus für amerikanische Nachwuchsstars, das zeitgleich auch Britney Spears und Justin Timberlake hervorbrachte. Und obwohl sie schon damals die besser temperierte Stimme hatte, lief es zunächst nicht so gut für sie: Justin machte mit der Boyband "'N Sync" Karriere; Britney schaffte es als züngelndes Schulmädchen eine Sekunde eher nach oben.

Selbstinszenierung als lüsternde Sexgöttin

Doch schneller als Britney muss Christina Aguilera dann begriffen haben: Will man heute im Showgeschäft bestehen, darf man nicht zu lange auf derselben Welle reiten. Blickt man auf ihre Karriere zurück, scheint dahinter ein Plan zu stecken, so präzise durchkalkuliert wie die Übernahme einer Großbank. Bei ihrem ersten Nummer-eins-Hit "Genie In A Bottle" (1999) war sie noch das süße High-School-Girlie, anschließend färbte sie sich die Haare schwarz und rot, ließ sich piercen und wurde zur lüsternen Sexgöttin; ihr Album "Stripped" (2002) und vor allem die Hitsingle "Dirrty" schickten das Bild der neuen "Xtina" um die Welt: Spärlich bekleidet und extrem unterleibzuckend robbte sie im dazugehörigen Video-Clip durch eine Industrieruine, tanzte sich durchs Repertoire der Pornoposen, erzählte jedem, der es wissen wollte, Details aus ihrem Sexleben und machte ein sexy Foto-Shooting nach dem anderen. Danach war sie weltbekannt und bereit für die nächste Stufe. Viele Sterne glänzen nur an der Oberfläche - um sich abzuheben, musste Christina Aguilera ein Star mit Inhalt werden.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 33/2006

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