HOME
Kommentar

G20-Konzert: Tausche Haltung gegen Tickets!

Im Juli treten Stars wie Coldplay und Herbert Grönemeyer bei einem Konzert zum G20-Gipfel in Hamburg auf. Die Organisatoren locken mit Gratis-Tickets. Um diese zu ergattern, müssen Fans aber politisch aktiv werden. Genauer gesagt: Sie müssen so tun, als ob.

Chris Martin gehört mit seinem Band Coldplay zu den Headlinern des Konzerts zum G-20-Gipfel

Chris Martin gehört mit seinem Band Coldplay zu den Headlinern des Konzerts zum G-20-Gipfel in Hamburg

Wenn sich Popmusik und politisches Engagement vermengen, kann es schon mal peinlich werden. Wenn sich zum Beispiel ein Star wie Bono mit Präsidenten trifft, wird er dafür wahlweise belächelt oder beschimpft – vielleicht vorschnell, schließlich ist es nicht verwerflich, wenn Millionen U2-Fans durch den Geltungsdrang ihres Idols für globale Themen sensibilisiert werden, die sonst an ihnen vorbeigehen würden. So funktioniert auch der Ansatz des Global-Citizen-Konzerts anlässlich des G20-Gipfels im Juli in Hamburg. Allein: Die Umsetzung umweht ein Geschmäckle.

Für das Konzert gehen 20 Prozent der Karten als sogenannte VIP-Tickets für 229 Euro in den freien Verkauf. Die restlichen 9000 Tickets werden verlost. Der Kniff der Organisatoren: Wer , Herbert Grönemeyer und Ellie Goulding am 6. Juli live in der Hansestadt erleben will, muss vorher bei Online-Aktionen politisch aktiv werden. Die erste Runde der Kampagne ist gerade angelaufen und läuft noch bis zum 17. April, zwei weitere Runden sind geplant.

Coldplay live in Hamburg: Tausende wollen dabei sein

Politisch aktiv werden heißt im Fall von Global Citizen: Sich für Bildung, Gesundheit und Gleichstellung der Geschlechter "stark machen", indem man Petitionen unterschreibt, Mails und Sprachnachrichten an Politiker verschickt. Klingt erstmal ehrenwert. Das Problem: Die insgesamt fünf Aktionen sind vorgegeben, sie sind keine Vorschläge, sondern Mitmachpflicht. Es gibt keine Möglichkeit der Vernetzung mit anderen Aktivisten. Und wer zu faul ist, eine eigene Message zu formulieren, kann mit einem auf einen vorgefertigten Text zurückgreifen. Um in die Lostrommel zu gelangen, müssen die Fans also streng genommen gar nicht politisch aktiv werden. Sie müssen nur so tun, als ob.

"Wir haben phänomenale Rückmeldung von Tausenden aus ganz Deutschland erhalten", sagt Caroline Albrecht von der Organisation Global Citizen. Dass Engagement im Jahr 2017 nicht über Inhalte, sondern über "coole" Event-Köder funktioniert, ist auch wenig überraschend. Fragwürdig bleibt aber, was mit den Daten passiert und ob sie womöglich weiterverkauft werden. So ist es zum Beispiel Pflicht, für die Sprachnachricht zum Thema "" seine Telefonnummer zu hinterlassen. Dann ruft Global Citizen zurück und der politisch aktive Popfan kann seine Nachricht auf Band sprechen. Auch hier gibt es einen Mustertext, den er aufsagen kann, wenn ihm selbst nichts einfällt.

Wie die Aktion wirklich Wucht entwickeln könnte

Dabei hätte die Aktion Potenzial. Warum lassen die Veranstalter den Teilnehmern an der Verlosung nicht freie Hand bei der Wahl des Themas, für das sie sich engagieren wollen? Global Citizen könnte Vorschläge statt Vorschriften machen. Nicht dass die betreffenden Aktionen schlecht sind: Es spricht nichts dagegen, einen Tweet an den kanadischen Premierminister zu schicken, damit er die versprochenen 150 Millionen Dollar für die Bekämpfung von Polio locker macht; oder die vier größten Parteien in Deutschland aufzufordern, sich im Wahlkampf zu Fragen weltweiter Armut zu positionieren. Nur wird den Teilnehmern auf diese Weise automatisch die eigene Initiative, um die es doch eigentlich gehen müsste, abgenommen. Und ob Justin Trudeau ausgerechnet auf die Tweets Tausender Grönemeyer-Fans reagieren und den Geldbeutel öffnen wird, ist doch mehr als fraglich. Erst recht, wenn er weiß, welche Ambition wirklich dahintersteckt.

Außerdem machen die Veranstalter es den Fans von Coldplay & Co. zu leicht: Wer sich mit wenigen Klicks bloß in riesige Online-Register einträgt und per Knopfdruck schnöde Standardmessages in den Äther jagt, wird darüber kaum politisches oder soziales Bewusstsein entwickeln. Weil es nicht erforderlich ist. Dabei wären genau diese passiven Polit-Aktivisten so leicht auszusortieren. Ohne sie könnte die Aktion vielleicht wirklich Wucht entwickeln. Weniger mit Masse, klar, dafür aber mit echten Botschaften.

Solange Global Citizen aber lieber auf so viele Unterzeichner wie möglich setzt, können kommerzielle Interessen kaum ausgeschlossen werden. Und die wären mit einer sozialen Organisation nicht vereinbar.


Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo

Partner-Tools