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11. Dezember 2004, 12:45 Uhr
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Der Traum des Maestros

Die Aura des Wunderkindes hat er nie ganz verloren: Daniel Barenboim leitet zwei Weltklasse-Orchester, brilliert als Pianist, musiziert mit Palästinensern und kämpft mit dem Taktstock für Frieden.

Starmusiker, Kosmopolit, Sprachgenie: der 62-Jährige auf der Bühne der Lindenoper© Ute Mahler

Herr Küchler klopft und öffnet die Tür. Drinnen probt Daniel Barenboim mit zwei jungen Musikern - einem Geiger und einem Cellisten - ein Divertimento von Mozart. Der Maestro sitzt am Klavier, spielt mit rechts, dirigiert mit links, summt, singt, pfeift und sagt zu Kolja, dem Geiger: "Du hast hier zu viel Bogenkontrolle. Noch einmal - ja so, das ist freier." Herr Küchler tritt zwei Schritte vor, um sich bemerkbar zu machen. "Ist es Zeit?", fragt Barenboim. Und als Herr Küchler nickt, eilt der Maestro davon: zur Anspielprobe des "Deutschen Requiems" von Brahms. Eine Stunde später wird er es mit seiner Staatskapelle im Konzerthaus am Gendarmenmarkt dirigieren. Herr Küchler ist Orchestermanager der Berliner Staatskapelle und zuständig dafür, dass alles reibungslos läuft. Barenboim, sagt er, komme immer erst in letzter Minute. Er plaudere auch gern noch auf dem Weg zur Bühne und wolle oft etwas wissen, was nichts mit dem Konzert zu tun habe. "Ein Phänomen!", sagt Herr Küchler: "Er hat so viele Klappen gleichzeitig offen im Gehirn, so etwas habe ich noch nicht erlebt." Und dabei kennt Herr Küchler viele bedeutende Musiker.

Der Junge sei "ein Phänomen", staunte 1954 schon der legendäre Wilhelm Furtwängler über den elfjährigen Daniel Barenboim, der ihm in Salzburg vorspielte. Der Dirigent lud den Wunderknaben, der mit sieben sein erstes Konzert gegeben hatte, nach Berlin zu den Philharmonikern ein. Aber gerade neun Jahre nach Ende des Nationalsozialismus war es für ein jüdisches Kind noch zu früh, um nach Deutschland zu reisen, entschied Daniels Vater.

Es gibt Leute, die halten Daniel Barenboim, den Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper Unter den Linden, für einen der fünf besten Musiker der Welt. Er brauche bloß die Seite einer Partitur anzuschauen, um sie auswendig zu können. Er selbst sagt, er könne mindestens eine Woche lang ohne Noten spielen: "Mit 17 habe ich die Beethoven-Sonaten gespielt, die könnte ich jederzeit aufführen." Phänomenal ist nicht nur seine immense Musikalität und sein unerhörtes Gedächtnis, staunenswert sind auch seine Aktivitäten. Der 62-jährige Weltbürger, der mit der Pianistin Elena Bashkirova verheiratet ist und sieben Sprachen spricht (Spanisch, Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch, Hebräisch, "und Russisch aus Notwehr, damit ich verstehe, wenn meine Frau sich mit meinen beiden Söhnen unterhält"), leitet auch das berühmte Chicago Symphony Orchestra. Seit einiger Zeit tritt er wieder verstärkt als viel bewunderter Pianist auf. Gerade erschien seine Einspielung von Bachs "Wohltemperiertem Klavier". Er schreibt Bücher, Artikel, betätigt sich als Friedensaktivist und musiziert als Jude mit Palästinensern in Ramallah.

Am ehesten nähert man sich dem Phänomen Barenboim, wenn man ihm beim Musizieren zusieht. Wer etwa meinte, der Starmusiker sei in 55 Erfolgsjahren zum Monument erstarrt, zum oberflächlich-distanzierten Pultstar, der kann bei der Sängerprobe zur "Walküre" einen Maestro erleben, der vor Charisma und Lebendigkeit sprüht. Mit ausladender Geste und in kardinalrotem Jackett dirigiert er seine Sänger, springt auf, singt mit, spielt vor, feuert an, stampft im Takt. "Wunder und wilde Märe, kündest du, kühner Gast...", singt Hunding. "Ü, Mischa", sagt Barenboim zu dem jungen Russen mit dem enormen Bass und macht einen runden Mund: "Ü. And I don't know how to say "Stabreim" in Russian: Wunder und wilde Märe. Ja, sehr gut!"

"Musik entsteht jedes Mal neu": Barenboim bei einer Probe mit der Berliner Staatskapelle© Ute Mahler

Wie oft hat er die "Walküre" schon gemacht? Keine Ahnung, sehr oft. Er liebt Wagner. Überhaupt hat er eine Affinität zu deutschen Komponisten, zu Mozart und Schubert, Bach, Beethoven, Bruckner, Brahms und Mahler. 18 Jahre lang, von 1981 bis 1999, dirigierte er in Bayreuth, 2002 führte er gleich zweimal fast alle Wagner-Opern innerhalb von 14 Tagen als eine Art Gegenbayreuth in Berlin auf. Ein Jahr zuvor hatte er mit Wagner in Israel Skandal gemacht. Als Zugabe ließ er seine Staatskapelle erst Tschaikowskys Blumenwalzer spielen und dann - freilich nach Vorankündigung, sodass, wer wollte, den Saal verlassen konnte - das Vorspiel und Isoldes Liebestod aus "Tristan und Isolde". 20 der 3000 Zuhörer gingen, einige beschimpften ihn als Faschisten, aber schließlich endete der Abend mit Riesenapplaus und Standing Ovations. Dennoch ging ein Aufschrei durch Israel, wo ein inoffizielles Wagner-Verbot herrscht. Einige Politiker wollten Barenboim, der in Argentinien geboren wurde, aber in Israel aufwuchs, zur Persona non grata erklären.

Ist er ein Provokateur? Nein, sagt er, aber zum einen könne man Wagner in Israel überall kaufen, viele Handys dort hätten den Walkürenritt als Klingelzeichen, und außerdem seien Tabus in einer Demokratie fehl am Platz: "In Israel gibt es viele, die denken, Wagner hat 1940 in Berlin gelebt und war Hitlers bester Freund. Wenn wir ihn nicht spielen, übernehmen wir das Wagner-Verständnis der Nazis." Aus musikalischen Gründen halte er Wagner für absolut notwendig, "ohne ihn wäre die Musikgeschichte anders verlaufen".

Ohne George Bizet wahrscheinlich nicht. Aber Bizets "Carmen" ist schön, Martin Kusej führt Regie, Barenboim dirigiert, am 4. Dezember ist Premiere. Marina Domashenko, die Carmen, ist ebenfalls schön und ihr Mezzosopran eine flutende Kostbarkeit. Orchesterprobe in Probenraum eins. Der Maestro sitzt, Beine baumelnd, auf einem Hocker, über dessen Lehne wie stets ein weißes Frotteetuch hängt, und sieht wie ein musikalischer Napoleon aus. Gelegentlich wiegt er sich von einer Seite zur anderen, ganz leicht, als würde er tanzen. "Stopp", sagt er, "diese französische Musik geht nicht mit diesem warmen Ton. Es muss wie Descartes sein, schlank und rational." Und als es noch immer nicht rhythmisch genug ist: "Ich kann hier nicht nachgeben. Es muss scharf sein, eisig den Rücken runtergehen, molto vibrato! Wenn einer zu langsam oder zu kurz spielt, ist alles kaputt."

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