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Der, der nicht mitmacht

Das Gerede um ein "neues linkes Lebensgefühl" hält er für eine Idee bürgerlicher Medien. Ted Gaier, Mitglied der Band "Die Goldenen Zitronen", ist seit den frühen Achtzigern in Hamburg politisch aktiv. Als Punk und Hausbesetzer fing er an, heute arbeitet er fürs Theater und protestiert mit Marschmusik gegen die Globalisierung.

Von Mark Stöhr

  • Mark Stöhr

Es ist ein kleines Wunder, dass er überhaupt gekommen ist. Schon die Anbahnung am Telefon glich einem Drahtseilakt. Er habe keine Lust, den linken Vorturner zu spielen, sagte er. Und überhaupt: Das "neue linke Lebensgefühl". Schöner Quatsch. Wieder einer dieser Trends, mit denen sich die bürgerliche Presse auf dem Jahrmarkt der Aufmerksamkeiten eine Rose schießen will. Aufmerksamkeit ist Geld. Ted Gaier ist dagegen. Aber er ist gekommen. Sein politisches Sendungsbewusstsein trieb ihn. Vielleicht auch seine Neugier. "So sehen also Leute vom stern aus", sagt er zur Begrüßung. "Die hatte ich mir irgendwie brillomäßiger vorgestellt." Ein zweifelhaftes Kompliment.

Ted Gaier: Mitte Vierzig, Seventies-Hemd, Anzugshose, Gitarrist und Texter der "Goldenen Zitronen". Die Band ist eine deutsche Punk-Legende aus Hamburg. Sie entstand 1984 und verursachte zwei Jahre später mit dem Lied "Am Tag, als Thomas Anders starb, ja, das war ein schöner Tag" einen bundesweiten Skandal. Die "Zitronen" nannten das ihren "trojanischen Humor", der über die Jahre so schneidend und hintergründig wurde, dass den Bürgertöchtern- und söhnen bald das Lachen verging.

Während andere Bands wie "Die Ärzte" und "Die Toten Hosen" in die Arenen gingen und für das große Publikum aufspielten, blieben die Hamburger im Underground und verweigerten jeden Kompromiss. Keine wohlfeilen Provokationen für die Massen, keine Zusammenarbeit mit der Musikindustrie. Sie wandten sich in ihren Texten offensiv gegen Kapitalismus und Rassismus und bauten ihre musikalischen Arrangements immer vertrackter. Aus Punk wurde Avantgarde. Das ist bis heute so. Von der Anfangsformation blieb Sänger Schorsch Kamerun übrig - und eben Ted Gaier.

Hausmeistertum auf alternative Art

Wir sitzen in einem Café in Hamburg oberhalb der Hafenstraße. Dort unten wurden in den 80er Jahren ganze Häuserzeilen besetzt. Barrikaden brannten, Wasserwerfer löschten, ein erbitterter Kampf über Jahre. Gaier war damals mittendrin und lebt auch heute noch im Viertel. "Das ist unsere Scholle", sagt er, "unser persönlicher Wohlfahrtsstaat, auch wenn dort inzwischen so eine Art Kleinbürgerlichkeit Einzug gehalten hat, ein Hausmeistertum auf alternative Art." Er lacht, ein bisschen selbstironische Flapsigkeit muss erlaubt sein.

Überhaupt ist er nicht die befürchtete Diskursmaschine. Bestimmt zwar im Argumentieren, aber nicht aufdringlich. Die Kellnerin bringt Kaffee und sagt freundlich "Sie". Gaier findet das "irgendwie spießig" und kommt doch ins Grübeln: "Oder sehen wir einfach schon so alt aus?"

Ein Hanse-Robespierre im Kreise seiner Kampfgenossen

In der Hafenstraße sitzt der "Buttclub". Ein kleines unscheinbares Ladenlokal. Hier trifft sich in regelmäßigen Abständen ein linker Debattier- und Aktionistenzirkel, dem Gaier angehört. Wer ihn schon einmal auf einer der Veranstaltungen erlebt hat, weiß, was für ein unerbittlicher Diskutierer der 44-Jährige sein kann. Bestens geschult in sämtlichen systemkritischen und anti-autoritären Theorien, rhetorisch geschickt, ein Hanse-Robespierre im Kreise seiner Kampfgenossen. Mit ihnen reiste er nach Genua oder Prag, um an den großen globalisierungskritischen Protesten teilzunehmen.

Letztes Jahr spielte er mit seinem musikalischen Seitenprojekt "Schwabinggrad Ballett" beim G8-Gipfel in Heiligendamm - Militärmusik, direkt vor dem Zaun, Auge in Auge mit der geballten Polizeipräsenz. "Vor dem 11. September hatte ich das Gefühl, aus der antikapitalistischen Linken mit den vielen jungen Leuten könnte eine Bewegung entstehen. Der Anschlag auf die Twin Towers, durch den mit der breiten Akzeptanz der Bevölkerung diese ganzen Eingriffe in die Bürgerrechte durchgesetzt werden konnten, führte zu einem Bruch. Seitdem ist es schwierig geworden, sich da noch irgendwie zu platzieren."

Aber schwierig war es immer, Gaier macht trotzdem weiter. "Menschen haben keine Ahnung / Darum hier die Warnung / Bevor es zu spät ist / Erstmal scheint es so als wär nichts / Als ob nichts passiert ist / Bis dann nichts mehr geht / Bis nichts mehr geht", heißt es in einem Lied der "Goldenen Zitronen".

Die Mutter überfiel eine Bank, der Sohn wurde Punk

Gaier ist ein klassisches Kind der 68er-Zeit und hat das nicht als "Foltercamp" empfunden, wie er sagt. "Man vergisst heute gerne, was 68 für eine Auflösung von autoritären Strukturen gebracht hat." Auch damit liegt er voll im Anti-Trend. Trotzdem ging ihm das Gutmenschentum seines Hippie-Umfelds damals scheinbar doch so auf die Nerven, dass er nicht zur Wandergitarre griff, sondern Lärm machte. Seine Mutter überfiel in den 70er Jahren eine Bank, der Sohn machte lieber Punk und besetzte in den 80ern Häuser. Inzwischen wird er mit seiner Musik vom Feuilleton hofiert und dockt mit seinen Ausflügen ins Theater an die Hochkultur an.

Für ihn ist es einer der letzten verbliebenen künstlerischen Freiräume. "Das Theater ist kein zufälliger Unterschlupf", sagt Gaier. "Theater funktioniert ja wie Planwirtschaft. Das ist eine Institution des Bürgertums, die so altmodisch ist, dass sie die kapitalistischen Verwertungsmechanismen noch gar nicht verinnerlicht hat". Er nennt als Beispiel die Kostümbildner beim Theater, "wo fünf Leute darauf warten, dass irgendwann mal ein Schauspieler reingeschneit kommt, für den man dann zwei Kostüme maßschneidert, von denen am Ende eh nur eins gebraucht wird."

Eine lehrreiche USA-Tournee

Die Freiheit hat aber auch ihre Grenzen. 2002 drehte ein Kölner Regisseur einen Dokumentarfilm über die US-Tournee der "Goldenen Zitronen". Die Band teilte sich den Tourbus mit einem schizophrenen Alleinunterhalter und zwei Rap-Spaßvögeln. In dieser skurrilen Zusammensetzung ging es durch die amerikanische Provinz, durch heruntergekommene Hinterhofclubs, in denen das Publikum johlte und Bierflaschen auf die Bühne warf.

Die "Zitronen" waren die deutschen Aliens, die gegen die Bush-Regierung wetterten und bloß ignorantes Hohngelächter ernteten. Für die Kinozuschauer ein großes Vergnügen, für die Band ein nicht minder großes Ärgernis. Bei der Premiere des Films auf der Berlinale enterten Gaier und Kamerun die Bühne und distanzierten sich vom Gezeigten. Sie fühlten sich falsch repräsentiert und drohten mit einer Unterlassungsklage. Auch so eine Art Hausmeistertum - freilich auf eine recht herkömmliche Art.

Der Musiker guckt immer noch grimmig, wenn er darauf angesprochen wird. Inzwischen existiert jedoch eine offizielle Band-Biografie, die seinen Segen hat und demnächst auf DVD erscheint. Die Kellnerin kommt an den Tisch, um abzukassieren. Aus dem "Sie" ist plötzlich ein "Du" geworden. Ted Gaier lächelt zufrieden und bezahlt.

Im Gespräch mit stern.de erzählt Ted Gaier, warum er nie für Sponsoren spielen würde und warum selbst konservative Politiker gern die alternative Szene fördern. Das Interview lesen Sie auf Seite 2

Eigentlich wollten Sie mit der "bürgerlichen" Presse, wie Sie sich ausgedrückt haben, nicht sprechen. Und schon gar nicht über das "neue linke Lebensgefühl". Warum?

Es hat für mich immer etwas Verdächtiges, wenn ich nach linken Befindlichkeiten befragt werde. Ich kann nicht wirklich glauben, dass stern.de plötzlich total am aktuellen Stand z.B. der Anti-Deutschen-Debatte oder des Antirassismus-Diskurses interessiert ist. Meist ist da ein Aufhänger oder wie in Ihrem Fall ein vermeintlicher neuer Trend, und dann sucht man sich einen dazugehörigen Exponenten und den zitiert man dann mit ein paar Floskeln, die keinen Leser überfordern dürfen und die hergenommen werden, um die oft spöttische Tendenz des Artikels zu unterstreichen. Das habe ich schon ein paar Mal so erlebt. Und meinereiner redet sich da den Mund fusselig. Versucht zu erklären, differenziert, spricht über Widersprüche, und hinterher lesen sich deine fünf zerstückelten Sätze wie der Stuss eines Fußgängerzonenpunks oder die Verlautbarung einer stalinistischen Kadergruppe. Oft sagen die Redakteure, wir brauchen diese Aufhänger und wir müssen das komprimierter darstellen, sonst kommen wir mit diesem oder jenem Thema in den Redaktionen gar nicht mehr durch. Aber für mich, der ich ein Interesse daran habe, bestimmte, sonst nicht repräsentierte Inhalte zu vermitteln, stellt sich bei dieser Tendenz die Frage, was das der Sache eigentlich bringt.

Ist denn Linkssein aus Ihrer Sicht momentan besonders in oder nicht?

Keine Ahnung. Die Frage ist eigentlich ein Widerspruch an sich. In-Sein hat ja auch etwas Elitäres. Es hat mit Abgrenzung zu tun, mit Moden und oft auch mit geheimen Codes. So genannte linke Inhalte wie Antirassismus, weitgehend hierarchiefreie Strukturen und ähnlicher Kram sind doch universelle Überzeugungen und keine Frage von Hipstertum. Aber eigentlich war mein Eindruck dass die diesjährige Herbstmode im Jubiläumsjahr von 68 sowieso eher in Richtung Endabrechnung geht mit allem was links sein könnte. Erklären uns Aust und Kraushaar nicht gerade, dass Linksradikalsein eigentlich quasifaschistisch ist? Und jetzt soll es plötzlich ein schickes neues Linksgefühl geben? Da hab ich wohl was verpasst. Ich dachte der letzte Linkshype war vorletzten Sommer während des G8 Gipfels in Heiligendamm.

Beim G8-Gipfel, gegen den es große Proteste gab. Sie haben dort gespielt.

Für solche Anlässe, auch um sich nicht immer zu langweilen auf den Demos, gibt es in Hamburg unsere mobile Agitprop-Truppe "Schwabinggrad Ballet". Ich für meinen Teil fand es einfach reizvoller im Getümmel dabei zu sein, als auf einer angerichteten Solikonzertbühne die normale Rollenverteilung - Band im Scheinwerferlicht auf Bühne, Publikum im Dunkeln unten - nachzustellen. Was wir also gemacht haben war - auch als Kommentar zum beiderseitigen Millitanzgehabe - uns als zerfledderte Loser-Armee zu verkleiden und völlig unironischerweise Marschmusik zu machen. Wir zogen also tagelang als Militärkapelle wie im Mittelalter über Felder und standen mit unserem stumpfen Getrommel und Getröte stundenlang Auge in Auge mit der Bullenkette vor dem Zaun. Für unseren Lärm gleichermassen gehasst von Ordnungshütern und Autonomen.

In Heiligendamm gab es wirklich ein paar interessante neue Entwicklungen. Zum einen der brillante Propagandacoup der Polizei, die nach der Auftaktdemo in Rostock jeden Polizisten als verletzt meldete, der von den eigenen Leuten ein bisschen Gas ins Gesicht bekommen hatte, um dann mit der beeindruckenden Zahl von 500 Verletzten aufzuwarten, was dann auch unhinterfragt weiterverbreitet wurde. Bis mal jemand nachgefragt hat und es in den Krankenhäusern später plötzlich nur noch zwei oder drei Verletzte gab. Und zum anderen die irritierende Tatsache, dass die Kanzlerin es plötzlich gut fand, wenn junge Leute sich mit dem Kapitalismus kritisch auseinandersetzten. Aber natürlich gab es auch das alte Problem, dass es aus linksradikaler Perspektive immer schwieriger wird, sichtbar zu machen, wie es anders sein könnte. Jenseits der ritualisierten Bilder, die sich immer wieder gleichen und wiederholen.

Wie jene von der zigten Straßenschlacht zwischen Autonomen und Polizisten im Hamburger Schanzenviertel vor drei Wochen. Nicht mehr als ein ermüdendes Ritual?

Na ja, sagen wir mal so: Als Musiker und Theaterschaffender glaube ich an Symbole. Meiner Meinung nach erbringt eine kaputtgehauene Fussgängerzone für ein paar Stunden den Beweis, dass all das, was uns umgibt und so wahnsinnig stabil und unter den Besitzenden aufgeteilt erscheint, zerbrechlich ist. Ein kaputtgehauenes Starbucks-Café widerlegt die Behauptung des Alltags, alles müsse nunmal so sein wie es eben ist. Es ist sozusagen die Gegenpropaganda zur alltäglichen Propaganda, die aus der Symbolik einer üppigen, sauberen Fußgängerzone spricht.

Zerstörung hat einfach eine unwahrscheinliche Anziehungskraft, deshalb bekommt man damit ja auch medial immer soviel Aufmerksamkeit. Ich habe schon erlebt, dass einem von Pressevertretern im Vorfeld von Aktionen gesagt wurde, dass da schon "Bilder" dabei sein müssten, eine einfache Demo wäre zu langweilig. Aber natürlich gibt's da den Aspekt des abgegriffenen Rituals, das Problem von Gewalt als Selbstzweck, und sicher spielt auch ein jugendliches Sich-Spüren-Wollen damit rein. Aber dennoch, diese Art von Entladung bringt etwas Verdrängtes zum Vorschein. Für mich ist es eine politische Artikulation, wie stumpf und sprachlos sie im Einzelnen auch immer ist.

Interessant in diesem konkreten Fall fand ich, dass die Leute diesmal den kleinen Messerschleifer verschont hatten zwischen dem bourgeoisen Weinladen und dem überteuerten Reformhaus, die ordentlich kaputtgehauen worden sind. So was ist keine Selbstverständlichkeit.

Sie kommen selbst aus der Hausbesetzerszene und waren bei den Auseinandersetzungen um die Hamburger Hafenstraße in den 80er Jahren dabei. Was war damals anders?

Ich glaube ein entscheidender Unterschied war das Selbstverständnis der Leute. In der Konfrontation um die Hafenstrasse ging es z.B. sehr konkret um das Erkämpfen eines Freiraumes, den man nach eigenen Maßstäben gestalteten wollte, nicht nur um einen symbolischen Kampf für "die Ausgebeuteten", "Rechtlosen" etc. Insofern konnten wir uns unser eigenes Pathos auch besser abnehmen. Außerdem gab es bis ins Bürgertum hinein den Willen und die Bereitschaft, für eigene Bedürfnisse zu kämpfen und auf die Straße zu gehen. So, dass sich immer wieder ziemlich erstaunliche Bündnisse ergaben, z.B. in Brockdorf, an der Startbahn-West, in Wackersdorf usw. Aber auch im Kleinen, in unzähligen Initiativen in Stadtteilen überall in der BRD. Das war so eine Art Powerblock, der den Herrschenden gegenüberstand. Und in diesem ganzen Chaos gab es immer wieder glitzernde Momente, wo man merkte: Es geht auch anders, es gibt Möglichkeiten, bestimmte Dinge kollektiv zu erkämpfen.

Und heute?

Irgendwie ist die klare Konfrontationslinie verloren gegangen. Die andere Seite hat auch gelernt, vorausschauender zu agieren, und sie hat den unschätzbaren Wert individualistischer und dissidenter Subkulturen erkannt. Heute werden temporäre Freiräume von der Stadt angeboten und ganz gezielt in Stadtplanung und Standortpolitik integriert. Ich glaube, sie haben bemerkt, welche Anziehungskraft von Orten wie z.B. dem Autonomenzentrum Rote Flora in Hamburg ausgeht. Jetzt gehen sie der direkten Konfrontation, wenn möglich, aus dem Weg und setzten das Potenzial einer jungen kreativen, experimentierfreudigen Szene gezielt ein zur Aufwertung heruntergekommener Stadtteile. Sie sagen: Also, Leute, geht doch mal nach Hamburg-Wilhelmsburg, dort könnt ihr billig rumhängen, Hasch rauchen und an euren Beats schrauben, und wenn das Viertel dann aufgewertet ist, gibt's den Arschtritt. Dann ist‘s vorbei mit der Zwischennutzung. Es ist quasi ein Naturgesetz geworden im Kapitalismus, dass man Leute wie uns braucht, um eine runtergerockte Gegend für den Kapitalmarkt interessant zu machen. In so einer Konstellation geht natürlich die Illusion "Das hab ich mir selbst erkämpft" verloren - ein Gefühl, das für eine jugendliche Identitätswerdung und das eigene Selbstverständnis immer sehr wichtig war.

"Freiheit ist mehr als die Frage, ob man mit 65 oder 67 in Rente geht." Auf Seite 3 geht es weiter, das Interview mit Ted Gaier

Viele junge Bands kooperieren heutzutage mit Sponsoren. Undenkbar für Sie?

Ich verdiene mein Geld, seit ich 19 bin, fast ausschliesslich mit Musikmachen, ohne je bei einem Majorlabel unterschrieben zu haben oder auf Sponsorenveranstaltungen aufzutreten. Und wenn es mal knapp wurde, habe ich es vorgezogen, stumpfe Jobs zu machen wie Plakate zu kleben, anstatt mich mit meinen schöpferischen Fähigkeiten anzubieten. Aber ich halte das gar nicht für etwas besonders Heroisches. Es ist eben der Weg, der sich so ergeben hat, und früher war es zumindest in meinem Fall möglich, z.B. von Plattenverkäufen zu leben. Meine Erfahrung ist einfach die, dass alternative Netzwerke funktionieren können. Das prägt einen natürlich. Für T-Mobile oder Jägermeister zu spielen, halte ich für entwürdigend. Was haben Firmen wie Nokia oder Telekom mit Kunst und Coolness zu tun? Die sind dazu da, um Telefone herzustellen oder Netze bereitzustellen. Warum wollen sie mehr sein als sie sind? Warum wollen sie Anteile an dir als Künstler kaufen?

Gibt es einen bürgerlichen Wert wie materielle Sicherheit für Sie?

Ich hatte bisher das Privileg, dass ich noch nie gezwungen war, mir einen seriösen Job zu suchen. Meine Marktlücke ist ja, dass ich der bin, der nicht mitmacht. (lacht) Ich mach mir da gar nichts vor. Ich werde auf Podien eingeladen, weil ich vermeintlich nicht korrumpiert bin.

Das ist ja dann auch eine Rolle, die Sie annehmen.

Ich kann nicht leugnen, dass ich ein gewisses Sendungsbewusstsein habe. Das ist ja der Grund, warum ich mit Ihnen rede. Ich fände es einfach schön, wenn die Leute mutiger mit der Option spielen würden, wie es wäre, Sachen in eigenen Strukturen anzupacken. Wie diese altmodische 70er Jahre-Idee, als man die Revolution abgeschrieben hatte, mit den K-Gruppen am Werkstor, und man sich sagte, dann machen wir halt unser eigenes Ding, unsere eigenen Druckereien, Teestuben, Kneipen usw. Da betreiben wir zwar Selbstausbeutung, aber wir entfremden uns nicht. Diese Idee hatte sich dann nahtlos beim Punk fortgesetzt mit den ganzen unabhängigen Plattenlabels. Ich glaube an solche alternativen Netzwerke.

Die letzte Platte der "Goldenen Zitronen" hieß "Lenin". Im titelgebenden Lied gibt es die Zeile: "Es hätte klappen können". Hatte der Kommunismus jemals eine Bedeutung für Sie?

Man kommt als Linker nicht richtig darum herum, sich mit dem Kommunismus auseinanderzusetzen. Insbesondere auch mit seinem Scheitern. Ich habe mich ja immer als so was wie ein Anarchist begriffen, und konnte daher nie so richtig was anfangen mit Kadergruppen. Dieser Idee von Leninismus, mit all den ganzen Bevormundungen, dem Über-die-Massen-Hinweggehen usw. Aber es war trotzdem ein Bezugspunkt. Und der ist weg. Das Lied handelt von den Gefühlen, die ich im Lenin-Mausoleum in Moskau hatte. Für einen Moment steht man Auge in Auge mit diesem toten Mann in seinem Schneewittchen-Sarg. Das war schon ein komisches Gefühl.

Auch eine Art spirituelle Erfahrung?

Ja, und eine melancholische (lacht). Bei Ideen wie Kommunismus geht es ja immer um Freiheit. Und Freiheit ist ein Zustand, der sich nicht wirklich in Gewerkschaftsforderungen oder sonst wie formulieren lässt. Freiheit ist mehr als die Frage, ob man mit 65 oder 67 in Rente geht. Ich glaube, ein Kommunismus, der nicht als Freiheit wahrgenommen wird, hat es verdient, eingestampft zu werden. Aber die Gespenster dieser Idee werden immer rumschwirren.

In Teil 5 unserer Serie beschäftigen wir uns mit dem Thema "linker Lifestyle": Warum sind Pali-Tücher und Che-Guevara-T-Shirts auf einmal wieder in? Und hat das alles (noch) irgendetwas zu bedeuten?

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