Der, der nicht mitmacht

24. September 2008, 14:24 Uhr

Das Gerede um ein "neues linkes Lebensgefühl" hält er für eine Idee bürgerlicher Medien. Ted Gaier, Mitglied der Band "Die Goldenen Zitronen", ist seit den frühen Achtzigern in Hamburg politisch aktiv. Als Punk und Hausbesetzer fing er an, heute arbeitet er fürs Theater und protestiert mit Marschmusik gegen die Globalisierung. Von Mark Stöhr

Sein politisches Sendungsbewusstsein hält er selbst in der amerikanischen Provinz hoch: Ted Gaier in Jörg Siepmanns Dokumentarfilm "Golden Lemons"©

Es ist ein kleines Wunder, dass er überhaupt gekommen ist. Schon die Anbahnung am Telefon glich einem Drahtseilakt. Er habe keine Lust, den linken Vorturner zu spielen, sagte er. Und überhaupt: Das "neue linke Lebensgefühl". Schöner Quatsch. Wieder einer dieser Trends, mit denen sich die bürgerliche Presse auf dem Jahrmarkt der Aufmerksamkeiten eine Rose schießen will. Aufmerksamkeit ist Geld. Ted Gaier ist dagegen. Aber er ist gekommen. Sein politisches Sendungsbewusstsein trieb ihn. Vielleicht auch seine Neugier. "So sehen also Leute vom stern aus", sagt er zur Begrüßung. "Die hatte ich mir irgendwie brillomäßiger vorgestellt." Ein zweifelhaftes Kompliment.

Ted Gaier: Mitte Vierzig, Seventies-Hemd, Anzugshose, Gitarrist und Texter der "Goldenen Zitronen". Die Band ist eine deutsche Punk-Legende aus Hamburg. Sie entstand 1984 und verursachte zwei Jahre später mit dem Lied "Am Tag, als Thomas Anders starb, ja, das war ein schöner Tag" einen bundesweiten Skandal. Die "Zitronen" nannten das ihren "trojanischen Humor", der über die Jahre so schneidend und hintergründig wurde, dass den Bürgertöchtern- und söhnen bald das Lachen verging.

Während andere Bands wie "Die Ärzte" und "Die Toten Hosen" in die Arenen gingen und für das große Publikum aufspielten, blieben die Hamburger im Underground und verweigerten jeden Kompromiss. Keine wohlfeilen Provokationen für die Massen, keine Zusammenarbeit mit der Musikindustrie. Sie wandten sich in ihren Texten offensiv gegen Kapitalismus und Rassismus und bauten ihre musikalischen Arrangements immer vertrackter. Aus Punk wurde Avantgarde. Das ist bis heute so. Von der Anfangsformation blieb Sänger Schorsch Kamerun übrig - und eben Ted Gaier.

Hausmeistertum auf alternative Art

Wir sitzen in einem Café in Hamburg oberhalb der Hafenstraße. Dort unten wurden in den 80er Jahren ganze Häuserzeilen besetzt. Barrikaden brannten, Wasserwerfer löschten, ein erbitterter Kampf über Jahre. Gaier war damals mittendrin und lebt auch heute noch im Viertel. "Das ist unsere Scholle", sagt er, "unser persönlicher Wohlfahrtsstaat, auch wenn dort inzwischen so eine Art Kleinbürgerlichkeit Einzug gehalten hat, ein Hausmeistertum auf alternative Art." Er lacht, ein bisschen selbstironische Flapsigkeit muss erlaubt sein.

Überhaupt ist er nicht die befürchtete Diskursmaschine. Bestimmt zwar im Argumentieren, aber nicht aufdringlich. Die Kellnerin bringt Kaffee und sagt freundlich "Sie". Gaier findet das "irgendwie spießig" und kommt doch ins Grübeln: "Oder sehen wir einfach schon so alt aus?"

Ein Hanse-Robespierre im Kreise seiner Kampfgenossen

In der Hafenstraße sitzt der "Buttclub". Ein kleines unscheinbares Ladenlokal. Hier trifft sich in regelmäßigen Abständen ein linker Debattier- und Aktionistenzirkel, dem Gaier angehört. Wer ihn schon einmal auf einer der Veranstaltungen erlebt hat, weiß, was für ein unerbittlicher Diskutierer der 44-Jährige sein kann. Bestens geschult in sämtlichen systemkritischen und anti-autoritären Theorien, rhetorisch geschickt, ein Hanse-Robespierre im Kreise seiner Kampfgenossen. Mit ihnen reiste er nach Genua oder Prag, um an den großen globalisierungskritischen Protesten teilzunehmen.

Letztes Jahr spielte er mit seinem musikalischen Seitenprojekt "Schwabinggrad Ballett" beim G8-Gipfel in Heiligendamm - Militärmusik, direkt vor dem Zaun, Auge in Auge mit der geballten Polizeipräsenz. "Vor dem 11. September hatte ich das Gefühl, aus der antikapitalistischen Linken mit den vielen jungen Leuten könnte eine Bewegung entstehen. Der Anschlag auf die Twin Towers, durch den mit der breiten Akzeptanz der Bevölkerung diese ganzen Eingriffe in die Bürgerrechte durchgesetzt werden konnten, führte zu einem Bruch. Seitdem ist es schwierig geworden, sich da noch irgendwie zu platzieren."

Aber schwierig war es immer, Gaier macht trotzdem weiter. "Menschen haben keine Ahnung / Darum hier die Warnung / Bevor es zu spät ist / Erstmal scheint es so als wär nichts / Als ob nichts passiert ist / Bis dann nichts mehr geht / Bis nichts mehr geht", heißt es in einem Lied der "Goldenen Zitronen".

Die Mutter überfiel eine Bank, der Sohn wurde Punk

Gaier ist ein klassisches Kind der 68er-Zeit und hat das nicht als "Foltercamp" empfunden, wie er sagt. "Man vergisst heute gerne, was 68 für eine Auflösung von autoritären Strukturen gebracht hat." Auch damit liegt er voll im Anti-Trend. Trotzdem ging ihm das Gutmenschentum seines Hippie-Umfelds damals scheinbar doch so auf die Nerven, dass er nicht zur Wandergitarre griff, sondern Lärm machte. Seine Mutter überfiel in den 70er Jahren eine Bank, der Sohn machte lieber Punk und besetzte in den 80ern Häuser. Inzwischen wird er mit seiner Musik vom Feuilleton hofiert und dockt mit seinen Ausflügen ins Theater an die Hochkultur an.

Für ihn ist es einer der letzten verbliebenen künstlerischen Freiräume. "Das Theater ist kein zufälliger Unterschlupf", sagt Gaier. "Theater funktioniert ja wie Planwirtschaft. Das ist eine Institution des Bürgertums, die so altmodisch ist, dass sie die kapitalistischen Verwertungsmechanismen noch gar nicht verinnerlicht hat". Er nennt als Beispiel die Kostümbildner beim Theater, "wo fünf Leute darauf warten, dass irgendwann mal ein Schauspieler reingeschneit kommt, für den man dann zwei Kostüme maßschneidert, von denen am Ende eh nur eins gebraucht wird."

Eine lehrreiche USA-Tournee

Die Freiheit hat aber auch ihre Grenzen. 2002 drehte ein Kölner Regisseur einen Dokumentarfilm über die US-Tournee der "Goldenen Zitronen". Die Band teilte sich den Tourbus mit einem schizophrenen Alleinunterhalter und zwei Rap-Spaßvögeln. In dieser skurrilen Zusammensetzung ging es durch die amerikanische Provinz, durch heruntergekommene Hinterhofclubs, in denen das Publikum johlte und Bierflaschen auf die Bühne warf.

Die "Zitronen" waren die deutschen Aliens, die gegen die Bush-Regierung wetterten und bloß ignorantes Hohngelächter ernteten. Für die Kinozuschauer ein großes Vergnügen, für die Band ein nicht minder großes Ärgernis. Bei der Premiere des Films auf der Berlinale enterten Gaier und Kamerun die Bühne und distanzierten sich vom Gezeigten. Sie fühlten sich falsch repräsentiert und drohten mit einer Unterlassungsklage. Auch so eine Art Hausmeistertum - freilich auf eine recht herkömmliche Art.

Der Musiker guckt immer noch grimmig, wenn er darauf angesprochen wird. Inzwischen existiert jedoch eine offizielle Band-Biografie, die seinen Segen hat und demnächst auf DVD erscheint. Die Kellnerin kommt an den Tisch, um abzukassieren. Aus dem "Sie" ist plötzlich ein "Du" geworden. Ted Gaier lächelt zufrieden und bezahlt.

Im Gespräch mit stern.de erzählt Ted Gaier, warum er nie für Sponsoren spielen würde und warum selbst konservative Politiker gern die alternative Szene fördern. Das Interview lesen Sie auf Seite 2

Dokumentarfilm "Golden Lemons" (Deutschland, 2003). Dokumentation über die USA-Tournee der "Goldenen Zitronen" im Jahre 2002. Regisseur Jörg Siepmann führt die Politrocker nicht vor, versteht es aber durch pointierte Schnitte, Leerstellen zu lassen, bei denen sich jeder sein eigenes Urteil bilden kann. Die "Zitronen" waren über den Film gar nicht amused. Die Tour sei nicht so trist wie dargestellt gewesen, und außerdem hätten sie auch mal vor 500 und mehr Zuschauern gespielt.

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
vegefranz (24.09.2008, 18:45 Uhr)
schon etwas deprimierend, so ein talentfreier Ewiggestriger
Junge, Kopf hoch. Was ist denn eine "Anti-Deutschen Debatte? Wer führt die? Du, Erdogan und der komische Prinz aus lichtenstein?
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