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"Klassik ist manchmal fad"

Der eine bringt als Klassik-Genie die Konzerthäuser der Welt zum Strahlen. Der andere ist Rapper in Berlin. Daniel und David Barenboim sind Vater und Sohn. Ein Gespräch über Fußball und Überväter.

Von Sophie Albers

Der Sohn, der Vater und die Musik: David und Daniel Barenboim

Der Sohn, der Vater und die Musik: David und Daniel Barenboim

Herr Barenboim, hatten Sie jemals Angst, Ihren Sohn an die Unterhaltungsmusik zu verlieren?
Barenboim: Nein, und wissen Sie warum? Weil er so leidenschaftlich involviert ist in das, was er macht. Er ist mit ganzem Herzen dabei, so dass ich niemals auch nur eine Sekunde gedacht habe, dass es mir vielleicht lieber wäre, wenn er Klavier, Geige oder Oboe spielen würde.

David, erinnern Sie sich an einen Augenblick, als Sie das erste Mal die Macht der Musik gespürt haben - dass sie etwas mit Ihnen macht?
David: Die Musik war immer da, ich bin damit aufgewachsen. Sie hat mich geprägt, ohne dass ich es gemerkt habe.

Sie haben als Kind immer wieder Wagner in Bayreuth erlebt, weil Ihr Vater von 1981 bis 1999 Dirigent der Festspiele war. War das besonders prägend?


David:

Wagner hört sich einfach riesig an, aber ich glaube, das Prägende lag eher in der Länge. Als ich älter wurde und mehr analysiert habe, habe ich es besser verstanden. Vor allem, als ich dann selbst Beats gebaut und Songs geschrieben habe. Da habe ich gemerkt, dass dich manche Töne einfach schneller treffen als andere.

Können Sie Wagner noch ertragen?


David:

Ich habe kein Problem damit. Das habe ich eher, wenn ich zwei Stunden ruhig in einem Konzert sitzen und mich hundertprozentig darauf konzentrieren soll. Meine Aufmerksamkeitsspanne ist ziemlich kurz.

Herr Barenboim, haben Sie ein Lieblings-Popstück?


Barenboim:

Nein.

Haben Sie sich jemals ein Pop-Album gekauft?


Barenboim:

Als ich jung war, habe ich mir Beatles-Platten gekauft, weil ich die Beatles einmal getroffen habe, und sie waren so lustig.

Wie getroffen? Im Konzert?


Barenboim:

Nein, privat bei gemeinsamen Freunden in London. Wir waren ungefähr gleich alt, und es hat mich interessiert.

Die Musik oder die gute Laune?


Barenboim:

Nein, nicht die Musik.

Haben Sie denn schon mal ein Album Ihres Sohnes von Anfang bis Ende durchgehört?


Barenboim:

Natürlich. Ich verstehe nicht, warum diese Musik Menschen bewegt. Aber wenn ich seine Sachen höre und sie mit Ähnlichem vergleiche, finde ich, dass seine Musik mehr Originalität und Erfahrung besitzt. Wissen Sie, Popmusik - von heute und auch von früher - hat eine sehr wichtige Qualität, die klassischer Musik oft abgeht: die Energie. Klassische Musik - sei es aus Respekt oder auch Hemmungen - ist manchmal ein bisschen fad. Da könnten wir klassischen Musiker von der Popmusik lernen.

David:

Ich weiß, was du meinst.

Barenboim:

Andererseits finde ich Popmusik manchmal zu symmetrisch, zu monoton.

Bringt die Kenntnis der klassischen Musik also kein allgemeines Musikverständnis mit sich?


Barenboim:

Doch, das schon. Eines muss ich noch zum Aufwachsen mit Musik hinzufügen. Bei mir war es noch schlimmer: Meine Eltern gaben beide Klavierunterricht. Wir wohnten in dieser kleinen Wohnung in Buenos Aires, und jedes Mal, wenn es geklingelt hat, kam jemand für eine Klavierstunde. Ich muss gedacht haben, dass die ganze Welt Klavier spielt. Ich habe ja keine anderen Menschen gesehen, als ich klein war.

David:

Wow.

Haben Sie als Kind auch gedacht, dass alle Menschen Musiker sind?
David: Nein. Ich habe so mit fünf mit dem Unterricht angefangen. Aber für mich war es immer Klavierunterricht oder "Power Rangers" im Fernsehen gucken. Da hat es mich extrem genervt, wenn ich üben musste. Weißt du noch, wie ich aufgehört habe?
Barenboim: Hast du das Klavier kaputt gemacht?
David: Nein. Wir saßen beim Abendessen, und danach sollte ich üben gehen. Ich habe zehn Minuten alles gespielt, dann saß ich wieder vor dem Fernseher. Und dann kamst du rein und meintest: Entweder du gehst jetzt nach oben und übst, oder ich rufe deine Lehrerin an und sage, dass du nicht mehr kommst. Und da meinte ich: Ja, mach das.
Barenboim: Siehst du, du hast keinen Grund, dich zu beklagen.
David: Mach ich ja auch nicht. Als Kind weiß man das wohl nicht so zu schätzen. Die Eltern schicken dich zum Unterricht, weil sie denken, dass du in der Zukunft davon profitieren wirst. Aber erklären Sie das mal einem Fünfjährigen, der gerade fernguckt.
Barenboim: Wissen Sie, wenn man Kinder hat, behandelt man sie entweder viel zu lange wie Babys oder zu früh als Erwachsene. Ich glaube, meine Frau und ich gehören zur zweiten Kategorie. Ich war nie ein Vater, der gesagt hat, du musst. Also gab es keinen Klavierunterricht mehr.

... und Ihr Sohn landete beim Rap. Viele Leute haben Probleme mit der Aggressivität dieser Musik. Geht es Ihnen auch so?


Barenboim:

Die Texte sind manchmal schlimm, und wenn die Kinder noch sehr jung sind, macht man sich schon Sorgen.

David:

Aber ich habe in ganz jungen Jahren auch ziemlich brutale Filme gesehen. Das halte ich für gefährlicher als Musik, weil man noch Bilder dazu bekommt.

Barenboim:

Es gibt Menschen, die funktionieren mehr übers Auge und andere mehr übers Ohr. Ich glaube, dass manche Rap-Texte die Kinder schon auf Gedanken bringen.

David:

Ich glaube, es ist auch ein Mediending, dass pausenlos auf Rap rumgehackt wird. Death-Metal ist viel brutaler. Und auch Johnny Cash hat Songs geschrieben, in denen er Leute umbringt. Rap hat einfach einen sehr schlechten Ruf. Das hat mit den Leuten zu tun, die ihn gemacht haben, und ein bisschen Rassismus ist auch mit dabei. Aber jetzt ist Rap eh Pop geworden und hat seinen Reiz verloren. Etwas Neues muss her.

So was wie Lady Gaga? Kennen Sie Lady Gaga, Herr Barenboim?


Barenboim:

Nein, sollte ich?

David:

Nee. Das ist so ein komplettes Entertainment-Paket.

So wie Madonna.


David:

Genau. Aber eben auf dem nächsten Level.

Barenboim:

Madonna ist noch immer sehr aktiv, oder?

David:

Die ist vorbei. Die ist über 50, zieht sich aber immer noch an wie eine 25-Jährige. Da denkt man schon manchmal: Zieh dir was an.

Barenboim:

David, wenn du mal so alt bist wie ich, dann ist 51 nicht so alt.

Herr Barenboim, Sie waren ein Wunderkind. Erwartet man dann, dass die eigenen Kinder auch Wunderkinder werden?


Barenboim:

Ich glaube nicht. Sie müssen wissen, dass ich sehr intelligente Eltern hatte. Sie haben alles daran gesetzt, dass ich ein normales Leben habe. Ich hatte immer Freunde in meinem Alter, ich habe nicht in einem Elfenbeinturm gelebt. Ich habe bis fünf Uhr auf der Straße Fußball gespielt, dann habe ich mich abgebürstet und habe ein Konzert gegeben. Das war ganz natürlich für mich.

David, hatten Sie je das Gefühl, einen Übervater zu haben?


David:

In der Schule gab es manchmal Sprüche. Das war ein komisches Gefühl: Du wirst plötzlich anders angeguckt, obwohl du gar nichts dafür kannst. Die Leute denken, dass sie dich kennen, nur weil dein Vater bekannt ist. Aber es war nicht dramatisch. Ich habe mich auch nie von ihm unter Druck gesetzt gefühlt, dass ich unbedingt Musiker werden muss.

Sie sind beide in mehreren Ländern groß geworden. Wie wichtig ist Heimat?


Barenboim:

Ich glaube, da ist unsere Entwicklung sehr unterschiedlich. Ich bin in Argentinien geboren, in eine jüdische Familie. 1952 sind meine Eltern nach Israel ausgewandert. Wir mussten nicht weg. Es war ein bisschen die zionistische Idee, aber vor allem wollte mein Vater, dass ich in einer möglichst normalen Umgebung aufwachse - nicht als ein Teil der Minderheit, sondern der Mehrheit. Ich habe in Israel meine ganze Schule gemacht, und dann bin ich weg - aus beruflichen Gründen. Ich habe 15 Jahre in England gelebt, dann 15 Jahre in Paris und die letzten 20 Jahre in Berlin, teilweise noch in Chicago. Meine Söhne sind in Frankreich geboren, von einer russischen Mutter, und der Vater ist so eine komische Mischung. Ich glaube, das Gefühl von Heimat bauen sich die beiden nach Gefühl auf - und nach Not, oder?

David:

Ich bin heimatlos. Ich habe nie das Gefühl gehabt, irgendwo dazuzugehören, zu einem Land oder einer Nationalität.

Barenboim:

Aber wenn dich jemand fragt, was du bist, was sagst du dann?

David:

Wenn ich keine Diskussion will, sage ich Franzose.

Barenboim:

Und wie denkst du über dich selbst?

David:

Das ist es ja, ich weiß es selbst nicht. Ich habe die Mehrheit meines Lebens in Berlin verbracht: Also denke ich, Berlin ist Heimat. Aber ich gehöre trotzdem nicht dazu. Und in Paris war das auch so.

Barenboim:

Deine Eltern sind von unterschiedlichen Orten, meine nicht.

David:

Meine erste Sprache war Englisch.

Barenboim:

Meine Frau sprach kein Französisch, und das Kindermädchen kam aus Pakistan.

David:

Also haben wir zu Hause zuerst nur Englisch gesprochen. Dann kam das Französische und dann Deutsch.

Barenboim:

Wenn du dich mit jemandem unterhalten willst, der genauso gut Englisch, Französisch und Deutsch spricht wie du, und er überlässt dir die Wahl der Sprache, was sprichst du dann?

David:

Englisch.

Barenboim:

Da haben Sie Ihre Antwort. Immer wenn wir eine ernsthafte Diskussion führen, egal in welcher Sprache wir anfangen, wir enden immer auf Englisch.

David:

Noch seltsamer war: Als wir nach Berlin gezogen sind, war ich neun Jahre alt und mein Bruder sieben. Für mich war damals Frankreich Zuhause. Aber mein Bruder erinnert sich überhaupt nicht mehr daran.

Barenboim:

Der letzte Beweis ist die Fussballweltmeisterschaft: David war immer für Frankreich und Michael immer für Deutschland.

Und Sie?


Barenboim:

Ich bin immer für Argentinien.

David:

Das stimmt, egal, wie schlecht sie spielen.

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