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13. Mai 2007, 10:45 Uhr

"Balkanovision Sowjet Contest"

Mit großen Erwartungen sind hunderte deutsche Fans zum Eurovision Song Contest nach Helsinki aufgebrochen. Sie wollten Roger Cicero gewinnen sehen. Doch die Schlager-Schlachtenbummler wurden bitter enttäuscht. Von Sebastian Wieschowski, Helsinki

Sie hoffen auf ein Sommermärchen im kühlen finnischen Frühling. Sie haben rot-weiß-goldene Hüte, Flaggen und Schals mitgebracht. "Fraun regier'n die Welt" grölen die Freunde Josef Hauser und Stefan Kloß immer wieder auf ihrem Weg durch Helsinki. Das finnische Bier ist teuer, doch es ölt die Stimme. "Ölu" bedeutet "Bier" auf finnisch, das haben die Grand-Prix-Fans aus dem nordrhein-westfälischen Bad Laasphe bereits gelernt. Ein Hauch von Weltmeisterschaft liegt in der Luft. Es ist Samstagabend, und Europa ist zu Gast in Finnland.

Hauser und Kloß sind zum ersten Mal in Finnland. Sie gehören zu der kleinen Gruppe deutscher Fans, die den weiten Weg nach Helsinki auf sich genommen hat. Dort ist man von Kopf bis Fuß auf den europäischen Sängerwettstreit eingestellt. Auf dem Residenzplatz marschiert eine Militärkapelle auf, im Schatten der prächtigen Newski-Kathedrale erklingen mit Pauken und Trompeten alte Grand-Prix-Evergreens. Kinderchöre erinnern mit Klassikern wie "Waterloo" an die goldenen Zeiten des Grand Prix - heute hat der Eurovision Song Contest vor allem mit einer neuen Runde des kalten Krieges zu kämpfen. Die vermeintliche Vetternwirtschaft der osteuropäischen Teilnehmer ist auch für Josef und Stefan ein Thema. "Balkanovision Sowjet Contest" könne man das Wettsingen auch nennen, meint Josef. Deutschland solle jedes Bundesland einzeln ins Rennen schicken, findet Stefan.

Geografie-Stunde per Gesichtskontrolle

Doch die Fans aus Nordrhein-Westfalen sind nicht nach Helsinki gekommen, um zu motzen. Sie wollen eine Eurovisions-Party erleben. Und die bekommen sie auch: auf Großbildleinwänden wird das Halbfinale übertragen - Public Viewing im Jahr Eins nach der Weltmeisterschaft. Wer trotz der schmerzhaften Getränkepreise in der City noch ein paar Euros in der Tasche hat, wird diese schneller los, als ihm lieb ist - für Lordi-Cola, Lordi-Bonbons und Lordi-Brettspiele. Dazu Eurovision-Münzensätze mit garantierter Wertsteigerung und Eurovision-Sonderbriefmarken mit garantiertem Staun-Potenzial. Finnland empfängt die Gäste aus dem Ausland mit gefüllten Regalen und offenen Armen.

Überall in den Kneipen mischen sich französische und englische, polnische und finnische Wortfetzen zu einer europäischen Sprachunion zusammen. Geografie-Stunde per Gesichtskontrolle: Menschen aus aller Herren Länder tragen ihre Nationalfarben mit Schminke aufgemalt zur Schau. Einheimische nutzen das geballte Interesse ihrer Gäste, um ihnen die finnische Hauptstadt abseits der pulsierenden Esplanaden zu zeigen.

Nordisch kühl mit dunklen Platten

Nach einigen Startschwierigkeiten mit ihrem finnischen Wörterbuch entdecken die Freunde die Hartwall-Areena im Stadtteil Pasila: nordisch kühl mit dunklen Platten verkleidet, etwas einsam im Norden der finnischen Hauptstadt inmitten von künstlichen Grünflächen gelegen - das Ambiente ist so distanziert wie die finnische Mentalität, wie sie in Reiseführern beschrieben wird. Dass hier in wenigen Stunden eine europäische Party mit einem furiosen Siegeszug des deutschen Cicero steigen soll? Josef und Stefan wollen das noch nicht glauben.

Was ihnen wenig später in der Halle zu Ohren kommt, will die Beine der deutschen Fans nicht wirklich erwärmen. Ukrainisches Kasperle-Theater, lettische Dudel-Tenöre und eine Ricky-Martin-Kopie aus Griechenland - alles nur schmückendes Beiwerk und plätscherndes Vorgeplänkel für Roger Cicero, den Hoffnungsträger der deutschen Schlagernation. Amüsieren können sich Josef und Stefan nur über den Nachnamen des finnischen Moderators Mikko Leppilampi.

Der deutsche Swing geht ins europäische Mark und Bein

15 Darbietungen aus allen Ecken Europas müssen die ungeduldigen Deutschen über sich ergehen lassen. Dann kommt endlich Roger Cicero: Der deutsche Teilnehmer swingt und singt, in der Menge grölen und krakeelen die mitgereisten Fans. Und auch die übrigen Zuschauer, die durch osteuropäische Ethno-Arien zeitweise in eine Art melancholischen Trance-Zustand versetzt wurden, wachen auf. Der deutsche Swing geht ins europäische Mark und Bein, die 19.000 Zuschauer sind auf den Beinen und die Freunde Josef und Stefan hängen sich in den Armen. Ein "Wunder von Helsinki" bahne sich an, sagt Josef freudestrahlend, während Stefan auf und ab hüpft und versucht, dem Cicero-Text zu folgen.

Die Ernüchterung folgt wenig später. Keine Punkte für Roger Cicero, nachbarschaftliche Liebesbeweise hingegen zwischen einstigen Bruderstaaten wie Moldawien, Weißrussland oder der Ukraine. Cicero - nicht der Sänger, sondern der Philosoph - sagte einmal: "Den wahren Freund erkennt man in unsicherer Lage". Und tatsächlich zeigen sich beim munteren Hin-und-Her-Geschiebe der Punkte die echten Freunde der deutschen Sangesnation: Andorra, Albanien, Österreich, Dänemark und Spanien lassen ein paar Pünktchen springen.

Was dazwischen passiert, bekommen viele deutsche Fans gar nicht mehr mit - "twelve points" für Serbien, "ten points" für die Ukraine. Fassungslos blicken sie zur Bühne, ihre Arme mit den deutschen Fahnen und Hüten hängen lustlos herab. Ein Fan greift sich ins Gesicht und verwischt die Deutschlandfarben auf seiner Wange. Josef und Stefan verschwinden wenig später wortlos in der kalten finnischen Nacht - den Siegersong wollen sie sich nicht noch einmal antun. Für sie ist Roger Cicero der Sieger der Herzen, genau so wie Deutschland der Weltmeister der Herzen ist. Für die beiden Deutschen ist die Multikulti-Party vorbei.

Von Sebastian Wieschowski, Helsinki
 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
sopo (15.05.2007, 08:25 Uhr)
Zu viel Bier?
Der Autor scheint trotz aller Kritik das teure finnische Bier genossen zu haben. Er konnte scheinbar das Bier nur auf estnisch bestellen und dann muss er noch in der falschen Stadt (Staat) gelandet sein. Die Newski Kathedrale steht in Tallinn (Estland) und dort trinkt man õlu (Bier). Die Fans der Eurovision haben auf dem Senatsplats vor der Domkirche olut (Bier) getrunken.
Malt (14.05.2007, 15:47 Uhr)
Schwachsinn...
ägerlich an dieser Witzveranstaltung ist eigentlich nur, dass dafür tatsächlich deutsche TV Gebühren verpulvert werden. Da könnte man auch eine lustige Unterhaltungsshow von machen, in der die Geldscheine in einem offenen Kamin verbrannt werden... selbst das wäre unterhaltsamer!
Raufbold (14.05.2007, 15:07 Uhr)
Brightstar
Ich stimme dir vollkommen zu. Zweites Jahr schickt Deutschland zum Eurovision irgendwelche Schlagersänger aus den 60 Jahren.
Ich finde dieses Jahr solte die Ukraine gewinnen. Der Schwule ist echt komisch.
Jean-Jacques6 (14.05.2007, 14:43 Uhr)
Ost-West-Gefälle
Unabhängig von der persönlichen Meinung über die Qualität des deutschen Beitrages (mir gefiel er übrigens sehr gut!) muss man einfach festhalten, dass beim Voting nicht musikalische Aspekte sondern fast immer geographische Beziehungen die entscheidende Rolle spielen. In Osteuropa sind viele Bevölkerungsgruppen im Balkan oder in den Staaten des ehemaligen Sowjetunion verstreut. Für diese Länder (und Zuschauer) ist es immer noch etwas besonderes an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen. Patriotismus und Stolz spielen hier eine entscheidende Rolle bei der Stimmenverteilung. Auch in den westeuropäischen Ländern beteiligen sich eher die Immigranten am Televoting, wie sonst ist es zu erklären, dass zum Beispiel fast jedes Jahr die Türkei aus Deutschland 12 Punkte erhält (Entschuldigung liebe türkische Gemeindde, aber der Beitrag dieses Jahr war wirklich sehr flach - 17 mal der Refrain: Shake.....). Für die Westeuropäer gibt es eigentlich nur eine Alternative. Zurück zu den Wurzeln und einem eigenen Wettbewerb.
GMAUSW (14.05.2007, 14:28 Uhr)
Kultur ?
Wie kommt es eigentlich, dass dieser Artikel in der Rubrik "Kultur" erscheint? Das hat doch mit Kultur überhaupt nichts zu Tun.
insLot (14.05.2007, 13:25 Uhr)
Mal ehrlich!
Der Song von diesem Roger ist doch mehr als Lahm. Wer mit so einem Mist zu nem Wettbewerb antritt braucht sich nicht zu wundern.
Brightstar (14.05.2007, 11:49 Uhr)
Wie kommt es nur
Was soll die ganze Aufregung, wir Deutschen haben einen Interpreten ins Rennen geschickt, der an Langeweile nicht mehr zu überbieten war. Wer interessiert sich im Jahre 2007 für Swing. Wahrscheinlich nur eingefleischte Fans. Das ist aber nicht die breite Zuschauermasse des Song Contest. Die wirklichen Verantwortlichen für dieses "Disaster" ;-) sind die, die dieses chancenlose Lied ins Rennen geschickt haben und nun nicht wahrhaben wollen, das es bei den Zuschauern nicht angekommen ist. Finnland hat es doch letztes Jahr vorgemacht und keine Konserven zum Contest geschickt. Armes Deutschland - konservativ, kein Mut zur Experimenten -> Chancenlos. Aber groß im Weinen und darin Schuldzuweisungen an andere auszusprechen. Schade, Land der Dichter und Denker - werde mal wach.
rudmide (14.05.2007, 10:27 Uhr)
Wir sind wieder einmal "Sieger der Herzen"
Bravo: Auf den „Sieger der Herzen“ habe ich gewartet. So kann man sich in Deutschland den Abstieg in die Mittelmäßigkeit immer noch umdeuten. Es bedarf keines besseren Beweises für eine allmählich um sich greifende Provinzialität, in der man sich gut einrichten kann.
Der ESC hatte seine verdienten Gewinner und Verlierer. Daß dieser öde Retro-Gesang von Cicero ebensowenig Chance hatte, wie die zwangsfröhlichen Deutschen mit ihrer Cowboyattitüde im vergangenen Jahr, konnte man sich im Vorfeld ausrechnen. Der in den Medien kritiklos verbreitete Gedanke, daß Europa auf altmodischen „Deutschen Swing“ wartet, zeugt von der inzwischen typischen Borniertheit.
Daß vom „neuen Europa“ – trotz vieler Geschmacksverirrungen – frische Impulse ausgehen, will man nicht wahrhaben und schiebt nun alles auf die „Ostblockmafia“. Die Renaissance alter Feindbilder wirft zudem ein Schlaglicht auf den Zustand unserer Gesellschaft.
DerHeizer (14.05.2007, 09:25 Uhr)
Östliche Vetternwirtschaft
Zumindest wir Deutschen können uns nicht darüber beschweren, Opfer einer Punkte-Schacherei zwischen den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten geworden zu sein. Hierzu empfehle ich diesen Link: http://www.bildblog.de/
oder auch folgendes Forum:
http://forum.laut.de/viewtopic.php?t=47330
Etwas nach unten scrollen zum Beitrag von DCD, und schon entpuppt sich die Mär von der Ostblock-Mafia als Ersatzwahrheit...
IsyAltklug (14.05.2007, 09:11 Uhr)
Absolut vorhersehbar
Das ganze droht an 100%iger Vorhersehbarkeit in Langeweile zu ersticken. Mal ehrlich, Deutschland hätte den totalen Superstar mit dem absoluten Superlied nach Helsinki schicken können, wir hätten niemals eine Chance. Wer wirklich glaubt, dass Deutschland, England, Frankreich oder Spanien beim Song Contest etwas reißen können, der hat die "Vetternwirtschaft" der Ostblockländer immer noch nicht realisiert. Eigentlich habe ich diesen Wettbewerb immer gerne verfolgt, doch wenn man die Verteilung der 8, 10 und 12 Punkte bei der Auswertung fast ausnahmslos korrekt voraussagen kann, dann gibt es für mich nur eins: umschalten. Da die Radiosender diesen Contest sowieso fast vollständig boikottieren und der Siegertitel hinterher sowieso nie zu hören ist, verpasst man eh nichts.
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