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Jung, brutal, massentauglich

19. Februar 2013, 12:14 Uhr

Gangsterrap ist wieder salonfähig geworden. Mit "Jung, brutal, gutaussehend 2" verdrängen Kollegah und Farid Bang Heino von Platz 1 der Charts - und schreiben HipHop-Geschichte. Von Aleksandar Jožvaj und Dennis Sand

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Haben die Spitze der Charts gestürmt: die Rapper Kollegah und Farid Bang©

Und jetzt fehlen ausgerechnet ihm die Worte. Eigentlich ist Kollegah, der selbsternannte Boss, selten um die passende Beischlafmetaphorik verlegen. Doch hier im Dunst einer Düsseldorfer Shisha Bar will ihm partout kein Begriff mit "F" einfallen. Er sitzt neben Rapper Farid Bang und den Redakteuren eines kleinen HipHop-Portals und spielt vor einer provisorisch aufgebauten Kamera Scrabble. Promoalltag für die Künstler. Bang zumindest, dessen Künstlername sich auf seine selbsterklärte Vorliebe für Gruppensex mit alleinerziehenden Müttern zurückführen lässt, kostet seine momentane Spielführung genüsslicher aus als das Bringdienst-Baguette, aus dem er sorgfältig jegliches Grünzeug fingert: "Da habt ihr die ganze Zeit studiert, um dann von einem Hauptschüler beim Scrabble besiegt zu werden."

Ob mit Studium oder Hauptschulabschluss, tatsächlich befinden sich die beiden Gangsterrapper gerade auf einem Siegeszug, der seinesgleichen sucht. Mit ihrem Kollaborationsalbum "Jung, brutal, gutaussehend 2" enterten sie nicht nur aus dem Stand die Pole Position der deutschen Albumcharts, sondern griffen nebenbei auch noch ein Rekord ab: "JBG2" ist das in der ersten Woche meistverkaufte Deutschrap-Album aller Zeiten. Mit 80.000 abgesetzten Einheiten übertrafen sie nicht nur Beststeller wie Cro, Casper, Sido, Bushido oder die Fantastischen Vier um Längen, sondern überschritten beinahe auf Anhieb die magische Grenze von 100.000 verkauften Tonträgern, die eine Goldene Schallplatte versprechen. Auch in Österreich und der Schweiz steht das Album an der Chartspitze.

Variation von Sexualpraktiken und Gewaltanwendung

Thematisch kreist das Album in 20 Tracks um die vielfache Variation von Sexualpraktiken und Gewaltanwendung. Also um eben die Elemente klassischer Unterhaltung, der sich jeder Actionfilm-Blockbuster bedient. Dennoch ist der Erfolg von "JBG2" kein stumpfes Stück Musikgeschichte, sondern auch ein Lehrstück über den Triumph wider die stereotypen Mechanismen der Majorlabel. Er zeigt wie geschickte Marketingstrategien und zeitgemäße Öffentlichkeitsarbeit einen Hype um ein Produkt erzeugen können, das sich bereits seit Wochen unterhalb des öffentlichen Radars bewegt. Im Vorfeld der Veröffentlichung wurden sage und schreibe fünf Singles inklusive Video ausgekoppelt. Das wäre für deutsche Interpreten noch vor einigen Jahren sowohl finanziell als auch strategisch undenkbar gewesen. Aber in Zeiten, wo die Produktionskosten für ein Video stark gesunken sind, wo sich Singles nicht mehr zwangsläufig über physische Tonträger, sondern über den einfachen Klick bei iTunes verkaufen lassen und die Interpreten nicht mehr abhängig von der Rotation des monopolistischen Musikfernsehens sind, ist diese hohe Frequenz so möglich wie nötig.

Auf diesem Wege gelang es Elvir Omerbegovic, Chef und Mitbegründer des Düsseldorfer HipHop-Lables Selfmade Records, ohne Mainstream-Medienpräsenz oder Airplay auf Viva und MTV seine Künstler an die Spitze der deutschen Charts zu führen und mit Heino einen Interpreten zu übertrumpfen, der kaum ikonischer für das Wesen der medialen Vermarktungsmasche stehen könnte. "Mit freundlichen Grüßen", auf dem er die Lieder moderner deutscher Pop- und Rocksänger covert, ist eine Blaupause dafür, wie ein künstlerisch überschaubares Werk vom Boulevard aufgebaut werden kann. Ein Effektalbum, dessen einziger Reiz aus dem Kontrast zwischen Sänger und Liedgut besteht, und ein aufgebauschter Streit mit den Original-Interpreten - fertig sind die Skandale und damit der Charterfolg. Kollegah und Farid Bang generieren lieber ihre eigenen Mythen. So entwickelten sich ihre Blogs via Facebook schnell zu Schulhoftrends. Und brachen alle Klickrekorde.

Stilisierung der vermeintlichen Härte

"JBG2" ist nicht nur Album, es soll auch einen Lifestyle transportieren. Gerne kokettieren die beiden durchtrainierten Rapper damit, dass die Aufnahmen nur mit einem bestimmten Bizepsumfang die testosterongetränkte Messlatte der eigenen Ansprüche reißen konnten. Die Stilisierung der vermeintlichen Härte ergänzt das gegenwärtig bunte Repertoire der deutschen HipHop-Welt um eine weitere Facette. Denn das Album fällt in eine Zeit des musikalischen Paradigmenwechsels. HipHop im Jahr 2013 ist vor allem eins: ein großes anything goes. Heute stehen zum ersten Mal die unterschiedlichsten Spielarten des Genres kommerziell erfolgreich nebeneinander. Cro, mit seiner fröhlich, verspielten Rap-Pop-Melange, Casper der sich rockigen Emo-Elementen bedient und Rapper wie Kay One und SunDiego, die auf elektronischen Beats einen hedonistischen Luxus-Lifestyle propagieren, dessen Sound nach amerikanischem Vorbild vor allem eins sein soll: clubtauglich.

Und daneben reiht sich nun "JBG 2" ein. Ein Album, dessen Musik weitaus vielschichtiger ist, als es die stumpfe Thematik auf den ersten Blick verheißen mag. Kollegah, der gegenwärtig wohl technisch versierteste deutsche Rapper, ist nicht nur imstande, achtfache Reimketten taktgenau in doppelter Geschwindigkeit zu performen, sondern sie auch auf verbaler Ebene mit einer entsprechenden Raffinesse auszustatten: "Ich geb deiner fetten Mum mit voller Power 'ne Schelle / Denn die Bitch verputzt mehr Gänge als ein Maurergeselle". Farid Bang, selbsttitulierter "asozialer Marokkaner" mit Migrationshintergrund, Hauptschulabschuss und Straßenkredibilität ergänzt den Image-Rapper Kollegah, der im bürgerlichen Leben Felix Blume heißt und Jura studiert, um die Facette der im HipHop gerne eingeforderten Authentizität.

Beim Scrabblespielen kann ihnen am Ende allerdings weder Wortakrobatik noch Straßenhintergrund helfen. Die beiden verlieren trotz erstem Vorsprung gegen einen der Redakteure. Aber das sei nicht so schlimm, trösten sie sich. Letztlich sei es wie mit ihrem Album, da gehe es nämlich nach eigener Aussage auch nicht um Erfolg, sondern einzig und allein "um die Freude am Mütterf***". Mit solchen Aussagen ist ihnen zumindest Eines sicher: jede Menge Aufmerksamkeit.

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