HOME

Die Depression zum Tanzen gebracht

Auf ihrem achten Album beweisen Die Sterne, dass sie alles andere als müde sind. Unbeirrt setzt die Hamburger Band ihren Weg fort - und trotzt der depressiven Stimmung mit groovenden Songs.

Die Sterne aus Hamburg sind mittlerweile eine Institution, so kann man das wohl nennen. Und diese Institution lässt es auf ihrem nunmehr achten Album mit dem merkwürdigen Namen "Räuber und Gedärm" richtig krachen.

Entstanden sind die 13 Songs ihres neuen Albums in Tschechien und im schleswig-holsteinischen Fresenhagen, also dort, wo die legendären Ton Steine Scherben um Sänger Rio Reiser in den 70er Jahren eine Zeit lang als Landkommune lebten. Auf dem rockig-rohen und rotzigen Titelstück "Räuber und Gedärm" klingt der Sprechgesang von Sänger und Texter Frank Spilker ganz nach Rio Reiser: "Kommt Leute, vorwärts, vorwärts, es ist auch nicht mehr weit/ es ist kein leichter Gegner?/ es ist die Wirklichkeit."

Das Politische schimmer immer wieder durch

Und an der Wirklichkeit haben sich die Sterne in ihren Texten immer schon abgearbeitet. Sie beziehen zwar nicht so eindeutig politisch Position wie auf dem Vorgänger "Das Weltall ist zu weit", als sie jenseits von larmoyanter Bauchnabelschau eine Stimmung beschrieben, die für viele eher bedrückend war. Es war damals das Jahr der Praxisgebühren und Hartz IV-Diskussion, der allgemeinen geistigen Lähmung und des schlechten Wetters - also ähnlich wie heute. Und so schimmert das Politische in den Texten von "Räuber und Gedärm" immer wieder durch.

Auch musikalisch knüpfen sie an den Vorgänger an. Sie rocken, sie schrammeln, sie sind schroffer und funkiger. Ihr Sound ist wie zu Beginn ihres Schaffens eine Mischung aus 70er-Jahre-Funk und Indie-Gitarrenpop. Neben schnelleren Songs wie "Aber Anderseits" oder "Abends ausgehen", die potentiellen Hit-Charakter haben, sei hier das ruhigere "Am Pol der Macht" empfohlen, dem schönsten Song des Albums.

Als ihr Erstling "Wichtig" 1993 erschien, wurden die Sterne neben anderen Bands wie Blumfeld oder Tocotronic in die Schublade Diskurspop oder Hamburger Schule gesteckt. Obwohl sie stilistisch ganz unterschiedlich waren und sind, beschrieben dieses Etiketten doch eine gemeinsame Haltung, die da hieß: deutsche Texte, politisch links und unabhängig. Heute redet davon kein Mensch mehr, auch wenn diese Haltung immer wieder eine Rolle in der Musik der Sterne spielt hat.

Doch die Sterne sind weit mehr als eine Agitprop-Band, die ihre Hörer mit Weltverbesserungsanspruch nervt. Sie haben es immer verstanden, mitreißende Songs zu schreiben. Ihre Konzerte können begeisternde Gute-Laune-Veranstaltungen sein, auf denen so mancher Fan zwei Stunden lang mitsingt. Mit den Songs von "Räuber und Gedärm" werden die Konzerte noch unterhaltsamer, so viel ist gewiss. Und zu unterhalten ist schließlich die wichtigste Aufgabe einer guten Popband.

Tim Schulze
Weitere Themen

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo

Partner-Tools