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26. März 2007, 11:02 Uhr

Im Tal der Tränen

Eine angebliche Live-Show aus dem Berliner Palais am Funkturm, die offensichtlich keine war. Dazu Tränen, brave Reden und kuschelnde Gewinner - dem wichtigsten deutschen Musikpreis fehlt eine eigene Identität und Esprit. Von Thomas Soltau

Da gab es kein Halten mehr: Laudatorin Nicole und Ralph Siegel ließen ihren Tränen freien Lauf© DPA

Der Skandal vorweg: Während die Zuschauer bei RTL denken, sie würden in der ersten Reihe sitzen und den Echo live verfolgen, stehen die Gewinner schon lange fest. Bereits um 22 Uhr, also 90 Minuten vor dem Ende der TV-Übertragung aus Berlin, melden Onlinemedien Sieger und zitieren aus den Dankesreden. Kein Wunder also, dass Moderatorin Yvonne Catterfeld bereits 30 Sekunden nach der Verabschiedung ganz entspannt auf der After Show Party Interviews gibt.

Seit 1992 wird der Echo von der Deutschen Phono Akademie vergeben. Maßstäbe sind die Verkaufszahlen und die Hitparaden-Platzierungen der Künstler. Die Macher des Echos betonen gerne, dass der deutsche Event gleich hinter den amerikanischen Grammys und dem Brit Award kommt. Doch was die Lockerheit anbelangt, erinnert der deutsche Musikpreis eher an einen gemächlichen Showabend aus den Siebzigern. Dazu passen die modischen Entgleisungen einer Katarina Witt. In ihrem Kleid, das an ein Funkenmariechen-Outfit erinnerte, hätte sie bei den Grammys wohl den Personaleingang benutzen müssen. Beim Echo darf sie vor die Kamera und einen von Musicload gestifteten Preis vergeben - in ihren Worten "präsentiert von Download".

"Familie, Gott, allen"

Die Gewinner hingegen bedanken sich brav bei Gott und der Welt, medientaugliche Konfrontationen wie kürzlich bei den Brit Awards zwischen Lily Allen und Amy Winehouse muss man beim zahmen Echo nicht befürchten. Stattdessen zeigt sich die 16-jährige LaFee ganz überwältigt von ihren ersten beiden Echo-Auszeichnungen. Zu Tränen gerührt, nimmt sie die Musikpreise vor den Zuschauern im Palais entgegen. "Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll", stammelt sie und bedankt sich bei ihren Fans, bei "Familie, Gott, allen".

Auch Produzent Ralph Siegel - geehrt für sein Lebenswerk - kullern Tränen über die Wange. Als Laudatorin bewegt ihn Sängerin Nicole, für die er 1982 den Grand-Prix-Erfolg "Ein bisschen Frieden" schrieb, zu ungewohnten Emotionen. "Du schreibst Lieder für die Seele in einer immer oberflächlicheren Welt", bedankt sie sich - ebenfalls unter Tränen - beim Dino des deutschen Schlagers. Wow, Siegel der Poet, der Sozialromantiker. Das gibt es nur bei uns! Als dann Siegels jüngste Tochter den Preis überreichte, verwandelt sich das Palais am Funkturm endgültig in einen Tränenpalast.

Jimi Blue und das Flatrate-Saufen

Ein anderes Kaliber, aber ebenfalls mit Liedern für die geschundene Seele, kommt aus Berlin. Bushido erscheint zum Echo im weißen Anzug mit Sonnenbrille und 200.000-Euro-Armband. Da anscheinend niemand den Skandal-Rapper ankündigen will, stehen Jimi Blue Ochsenknecht und ein Freund auf der Bühne. In ihrer Rede warnen sie vor zu viel Alkohol und dem Flatrate-Saufen unter Jugendlichen, stammeln dabei aber selber so, als wüssten sie genau, wovon sie sprechen. Wenigstens Bushido erfüllt die Erwartungen eines ehemaligen Ghetto-Prolls mit seiner lustigen Dankesrede als bester deutscher HipHopper. "Wenn das eine Privatparty wäre, dann hättet ihr mich nicht eingeladen. Jetzt guckt ihr genauso doof aus der Wäsche wie letztes Jahr." Gut gebrüllt, Löwe.

Während der dreieinhalbstündigen Show spielen Stars wie Jennifer Lopez, Take That, Katie Melua, Simply Red, Tokio Hotel, die No Angels und die Fantastischen Vier. Aber einigen war der Weg nach Berlin doch zu weit: Robbie Williams, die Red Hot Chili Peppers und Eminem blieben der Gala fern. Den Höhepunkt des Abends markieren zwei Männer, die schon als Veteranen des Pop gelten. Der irische Sänger Bono von der Rockband U2 freut sich über einen Ehrenpreis für seinen weltweiten Kampf gegen Aids und Armut. Nach der unterwürfigen Laudatio durch Komiker Michael Mittermaier kündigt Bono mit gewohntem Pathos an, er werde "mit dem großen Herbert Grönemeyer" Urlaub in Heiligendamm machen, in Anspielung auf den dortigen G8-Gipfel der größten Industrienationen im Juni. Auf Deutsch verlangt er dann: "Erhebe deine Stimme gegen Armut! Und zwar viel lauter als bei einem Auftritt von Tokio Hotel."

Mit einem Sonderpreis fürs Lebenswerk als Musiker und Botschafter zwischen den Kulturen ehrt Thomas Gottschalk Sänger Yusuf. Der zum Islam konvertierte Brite ("Morning Has Broken"), früher bekannt als Cat Stevens, feierte Ende des vergangenen Jahres ein erfolgreiches Comeback. Über den umstrittenen Popstar äußert sich Gottschalk ganz unpolitisch: "An dem Bart kann ich noch arbeiten, an der Stimme nicht."

Kaum Überraschungen

Die Show plätschert so aufsehenerregend wie ein Liederabend im Seniorenheim dahin. Sollte nicht die Musik im Vordergrund stehen? Warum spielen die Künstler dann alle ihre Singles, die sowieso zum Verkauf in den Läden stehen? Hier könnte sich die deutsche Musikszene als lebendig und innovativ präsentieren - und verschläft diese Chance. Was fehlt, sind Überraschungen. Ralph Siegel und Bushido müssen sich ja nicht gleich küssen (wie einst Madonna und Britney). Aber ein gemeinsames Duett hätte sicherlich den einen oder anderen vor sich hin dämmernden Fernsehzuschauer vom Sofa gerissen.

Moderator Oliver Geißen jedenfalls moderiert mit dem nötigen Esprit, den man bei vielen Künstlern vermisst. Beispiel gefällig? "Superstar Knut, unser Eisbär aus dem Berliner Zoo, ist leider verhindert. Als Ersatz haben wir Take That eingeladen." Viele hätten wohl lieber dem knuddligen Fellknäuel beim Spielen zugeschaut. Aber vielleicht lernt Knut bis zum nächsten Echo ja noch das Singen. Dann haben selbst Tokio Hotel keine Chance mehr.

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KOMMENTARE (5 von 5)
 
Umuc (27.03.2007, 09:32 Uhr)
Mittelmaß
Wenn schon eine Band wie Rosenstolz einen Preis erhält, dann weiß man, was in Deutschland herrscht: Mittelmaß. Aber diese Mittelmäßigkeit zieht sich ja durch alle gesellschaftlichen Bereiche - und dem Deutschen gefällt's offensichtlich...
dumiok (27.03.2007, 09:30 Uhr)
Echo Preis
Eigentlich kann ich die Geißen ganz gut leiden. Dass er aber die Show zum Schluß mit den Händen in den Hosentaschen moderiert fand ich unmöglich.
So nach dem Motto: hoffentlich ist das hier bald zu Ende.
MFG
dumiok
Franzoesin (26.03.2007, 20:52 Uhr)
after show party
wessen After hat man den auf dieser Party geshowed ?
ladymarmalade (26.03.2007, 17:56 Uhr)
Deutschland fehlt eben der Glamour!
Ihr Autor hat den Nagel auf den Kopf getroffen! Was war das wieder für eine trostlose Veranstaltung. Ralf Siegel, La Fee und Silbermond, jedes Land hat die Prominenten, die es verdient. Jedenfalls musste ich beim Lesen des Artikels schmunzeln - wenigstens kann man hinterher drüber lachen, wenn man sich schon durch die dreineinhalb stunden gequält hat.
tagora-sagittara (26.03.2007, 12:29 Uhr)
Auf diese Schmierenshow,...
habe ich verzichtet,...und siehe da,..ich hab auch nichts verpasst!!
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