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Als die Volksmusik den Pop versenkte

Welche Veranstaltung schafft es, uncharmantes Chaos zu feiern, obwohl Showgrößen wie Depeche Mode und U2 mit dabei sind? Richtig, der Deutsche Musikpreis Echo. Gut, dass es die Kastelruther Spatzen gibt.

Von Sophie Albers

Jetzt ist es passiert! Nach all den Jahren des traditionellen wie wohlverdienten Lästerns über die Gala zur Verleihung des Deutschen Musikpreises hat das heimische Popgeschäft beim Echo 2009 sein wahres Gesicht gezeigt. Weder die megalomanische O2-Arena noch die Auftritte von Überbands wie U2 und Depeche Mode oder der fröhliche Anarchismus der Moderatoren konnten vertuschen, wo Deutschlands wahre musikalische Show-Stärken liegen: nicht im Schüler-Pop von Silbermond, nicht im Betroffenheits-Punk der Toten Hosen und auch nicht im Wohlstands-Rap eines Bushido. Nein, es sind der Schlager und die Volksmusik.

Der Augenblick der brutalen Wahrheit war gekommen, als Ex-Heidi-Klum-Dramaqueen Bruce Darnell der Sängerin Helene Fischer nicht nur zwei Echos überreichte, sondern auch noch auf die Knie ging und ihre Füße küsste. Sie wissen nicht, wer Helene Fischer ist? Die 24-Jährige ist Deutschlands erfolgreichste Schlagersängerin und die Lebensgefährtin von Volksmusik-Yuppie Florian Silbereisen.

Der war natürlich auch im kalten Berlin, denn es ist nur als groß angelegtes Täuschungsmanöver zu verstehen, dass der Echo 2009 als Pop-Show daherkam und mit großen Namen und Leinwänden einen auf dicke Hose machte. Die war in Wahrheit so tot wie im Bandnamen von Campino.

Schrille Tröten

Dabei hatte es ganz poppig wild und gefährlich angefangen: Mit Barbara Schöneberger und Oliver Pocher ließ die ARD die schrillsten Tröten als Moderatoren auf das Publikum auf beiden Seiten der Mattscheibe los. Doch aus welchen Gründen auch immer waren Augenblicke der flüssigen Unterhaltungsdienstleistung, die diese Show ja nun letztlich ist, die große Ausnahme. Die Witze funktionierten so bescheiden, dass Pocher am Ende eingeschnappt schien und sich sogar in neue Sachlichkeit flüchtete.

Diversen Gewinnern - von "DSDS"-Spross Thomas Godoj bis Seeed-Frontmann Peter Fox auf Solowegen - schien es fast peinlich zu sein, den Metallklotz der Phono-Akademie entgegenzunehmen: "Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll" war der verschämte Satz des Abends, dem auch tatsächlich kaum etwas folgte.

Da war es Florian Silbereisen, der erstmals im Namen der Volksmusik klar machte, wer die Profis sind: "Toi toi toi, du schaffst das heute Abend", wünschte er Pocher, bevor er souverän den Newcomer National verkündete. Thomas Godoj eben, der mit einem dahingenuschelten "Womit habe ich das verdient. Ganz schön schwer das Ding hier. Äh, scheiße..." seiner überbordenden Freude Ausdruck verlieh.

Gut, dass Schöneberger als nächstes bei den Kastelruther Spatzen saß. Die sieben Volksmusiker aus Südtirol unterhalten ihr Publikum seit Anfang der 80er Jahre und sammeln Musikpreise wie andere Leute Schwimmbad-Jahreskarten. Sie waren zum zwölften Mal für den Echo nominiert - und haben natürlich ganz entspannt gewonnen.

Vorher übergaben aber noch CDU-Politiker und gelangweilte Musik-TV-Moderatoren Echos an "Rock-Pop-Künstler International (Paul Potts) und das Video des Jahres National (Rosenstolz): "Damit hat jetzt keiner so wirklich gerechnet. Äh, bedanken sollte man sich vielleicht auch, schönen Abend noch." Abgang Anna R.

Lorielle London ist auch da

Während David Gahan von Depeche Mode aus einem Pappbecher Cola trank und der großen Geschichte des ersten schwarzen Musiklabels Motown gedacht wurde, wanderte plötzlich die Dschungelcamp-Transsexuelle Lorielle London durch die Journalisten-Reihen. So bekam man von der Stellvertreter-Ehrung für Lionel Richie nur noch Pochers Satz mit, dass der 20. April - Richies Tourbeginn - "für uns ein besonderer Tag" sei. Richie verstand die Anspielung auf Hitlers Geburtstag natürlich nicht, und die aufgebaute Spannung entluden Schöneberger und Pocher sogleich durch spastisches Rumzappeln, was sie Überbrückung nannten, bis Richie am Klavier sitze. Wo ist der Schlager, wenn man ihn braucht?

Überspringen wir lieber Jeanette Biedermann und auch den seltsamen Sprecher aus dem Off, der in Sportschau-Manier in unregelmäßigen Abständen das Geschehen kommentierte: "Peter Fox (Echo in der Kategorie HipHop) freut sich, weil es ein Küsschen von Jeanette gibt". Unbedingt vorgespult werden muss auch der Auftritt von Alex swings Oscar sings mit "Miss Kiss Kiss Bang", der Deutschland beim diesjährigen Eurovision Song Contest repräsentieren wird. "Ich hatte schon immer 'ne masochistische Ader", sagte Juror Scooter unerwartet weitsichtig. "Germany 2 points", fügte Pocher schnell hinzu.

Und damit das Publikum auch wirklich endlich begriff, was es an den Kastelruther Spatzen hat, wurde die Laudatio zu deren Sieg von der Casting-Band Monrose gehalten. In "Manga-Dirndln" (Schöneberger) und mit dadaistischem Gejodel. Einziger Fels in der surrealen Brandung war der professionelle Dank der Gewinner. Dem Durchatmen folgte allerdings sogleich der völlige Absturz in die Peinlichkeit, der im Publikum für vors Gesicht geschlagene Hände sorgte: schon wieder Michael Mittermeier, der es schon im vergangenen Jahr nicht gerissen hatte, dessen Kalauer in diesem Jahr allesamt kläglich absoffen, was den Comedian nur noch aggressiver macht. Laudator Tim Mälzer fand trotzdem, dass es "der geilste Echo seit zehn Jahren" war.

Lagerfeld der Popmusik

Der neu eingeführte Kritikerpreis ging wieder an Peter Fox (insgesamt drei Preise), hob das Niveau aber nicht um einen Milimeter. Denn es folgte eine Videoeinspielung über die "Besten Trennungen" des Vorjahres - von Madonna bis Sarah Connor. Letztere durfte live im Saal zugucken.

Dann tanzte noch der Karl Lagerfeld des deutschen Pop auf die Bühne: Udo Lindenberg holte sich den Echo für den Künstler National Rock/Pop, und Bushido sorgte sich um das seelische Wohl von Stefanie Heinzmann (Künstlerin National Rock/Pop). Als Katy Perry ("I kissed a Girl") im gelben Kleid mit Gitarre auftrat und sang, als sei sie die kleine Schwester von John Mayer, meinte man für einen Augenblick, die Idee der Musik atmen zu können, aber dann wehte auch schon Uwe Ochsenknecht herein.

Da glich der eigene Gesichtsausdruck dem von Helene Fischer, die geradezu schockiert in das Unsinn stammelnde Gesicht ihres Laudators Bruce Darnell starrte, nachdem sie einen einwandfreien Schlager-Auftritt absolviert hatte. Profi, der sie ist, hielt sie nach der Füßeküsserei trotzdem die einzige Gala-taugliche Dankesrede des Abends. Wenn diese Verleihung das Schaulaufen der deutschen Musik-Branche war, ist diese Frau unsere größte Hoffnung.

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