Die Anti-Lena fährt nach Malmö

15. Februar 2013, 07:24 Uhr

Bumm-Bumm-Pop für Malmö: Cascada und Frontfrau Natalie Horler fahren für Deutschland zum Eurovision Song Contest. Eine Siegerin der Herzen ist sie nicht. Eher eine Entscheidung der Mutlosen. Von Jens Maier, Hannover

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Bumm. Bumm. Bumm. Die Bässe wummern härter als im Berliner Partyclub Berghain. Die Scheinwerfer zucken dazu nervös im Takt. Nach eineinhalb Stunden Show hat sich die Arena in Hannover in ein Tollhaus verwandelt. Es wird mitgetanzt, mindestens aber hektisch mitgeklatscht.

Auf einer großen Showtreppe steht die spätere Siegerin des Abends. Natalie Horler von Cascada hat die Halle fest im Griff. Ihre kräftige Stimme ist so wenig zurückhaltend und dezent wie ihr kurzes und mit viel Glitzer behängtes Kleid. "Glorious", großartig, ruft sie dem Publikum wie einen Schlachtruf entgegen. Ihr Haar weht stürmisch dazu - die Windmaschine macht's möglich. Als wäre das alles noch nicht genug Ausdruck ihres überbordenden Wesens, schleudert sie rhythmisch Arme und Beine durcheinander. Links, rechts, runter, zurück. Es ist ein Auftritt wie eine Dampfwalze - die jetzt über Europa kommt.

Hoher Sieg - und dennoch Zweifel

Cascada mit Frontfrau Natalie Horler fahren für Deutschland zum Eurovision Song Contest. Mit ihrem Auftritt beim deutschen Vorentscheid "Unser Song für Malmö" in Hannover haben sie sich am Donnerstagabend gegen elf Konkurrenten durchsetzen können. Am Ende lag die Band, die 2009 mit "Evacuate The Dancefloor" in mehreren europäischen Ländern einen Nummer-eins-Hit landete, der sich weltweit über vier Millionen Mal verkaufte, beim dreigeteilten Abstimmungsverfahren deutlich vorn.

Insgesamt kamen Cascada nach dem Voting von Radiohörern, Jury und Fernsehzuschauern auf 30 von 36 möglichen Punkten. Doch trotz des hohen Sieges gibt es Kritik und Zweifel an der Entscheidung. Sind Cascada die Richtigen für Malmö?

"Mein Lieblingssong war es nicht, aber ich kann damit leben." Das ist wohl einer der am häufigsten gehörten Sätze an diesem Abend in der Arena von Hannover. Euphorie über den Sieg Cascadas kommt nur selten auf. Die Favoriten der vielen angereisten Grand-Prix-Fans hießen Betty Dittrich mit ihrem Gute-Laune-Retrosong "LaLaLa", Blitzkids mvt. mit der gagaesken Nummer "Heart On The Line" oder Ben Ivory und sein kühler 80er-Jahre Elektrobeat "The Righteous Ones".

Dabei waren die Vorzeichen gut

Aber eben nicht Cascada. Die singe zwar erstaunlicherweise sehr gut live - wird hinter der Hand getuschelt - und habe eine enorme Bühnenpräsenz, aber für Malmö wünsche man sich doch einen mutigeren Song als einen Abklatsch von "Euphoria". Die Frage, ob "Glorious" nicht genauso klinge wie der Siegersong aus dem vergangenen Jahr, kontert Horler zwar: "Das sind beides Dance-Songs. Das war's aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten." Trotzdem glauben viele Fans, dass der Sieg Cascadas ein Sieg der Mutlosen war.

Dabei fing alles so vielversprechend an. "Wir sind heiß", kündigte Moderatorin Anke Engelke die Live-Show an und führte witzig, charmant und spontan durch den Abend. Egal ob sie das komplizierte Wertungssystem erklären ("Das verstehen Sie eh nicht") oder eine lange Pause bei der Wertung überbrücken musste ("Wir warten, das merk' ich") - Engelke stand als Siegerin des Abends bereits im Vorfeld fest.

Dass die folgenden zweieinhalb Stunden kurzweilig wurden, war jedoch nicht allein ihr Verdienst. Vielmehr war es die kuriose, völlig überraschende und teilweise total verrückte Auswahl an Songs und Teilnehmern, die den Vorentscheid in diesem Jahr zu einem Erlebnis machten. Wo sonst gibt es einen Gesangswettbewerb, bei dem singende Priester, fußnackte Bayern, Lena und Loreen auftreten? Trotz aller Kuriositäten drohte der Wettbewerb jedoch nie ins Peinliche abzudriften. Ein Liederabend mit Niveau.

Fast wäre zum ersten Mal in der Geschichte des Eurovision Song Contest Bayerisch gesungen worden. Zum Missfallen der Preußen. "Ich möchte das nicht", zischt eine Zuschauerin auf Hochdeutsch in den Saal, als LaBrassBanda die Bühne betreten. Die Blechbläsercombo aus dem Chiemgau spielt Volksmusikpunk. "Nackert" heißt der Song, von dem Menschen nördlich des Weißwurstäquators aber ohnehin kaum bis nichts verstehen dürften, der bayerischen Sprachbarriere wegen.

Loriot trifft auf Cindy aus Marzahn

Doch nach anfänglicher Skepsis kommt selbst in Hannover bald Stimmung wie im Bierzelt auf. Mit Tuba und Trompete blasen die fünf zum Angriff auf Ohren und gute Laune. Bei der Radiowertung erhält die Band neun Mal zwölf Punkte und sieht schon wie der sichere Sieger aus.

Doch dann macht ihnen die Jury einen Strich durch die Rechnung. Von Mary Roos, Tim Bendzko, Roman Lob, Anna Loos und Peter Urban gibt es nur einen Punkt. Ressentiments gegenüber bayerischem Liedgut sollen dabei allerdings keine Rolle gespielt haben. "Wir haben rein musikalisch entschieden", begründete Lob anschließend die schlechte Bewertung gegenüber stern.de. Und Roos witzelte: "Ich hau lieber ab, bevor die wütenden LaBrassBanda-Fans kommen.

Für die ARD ist der Vorentscheid 2013 eine Feuertaufe. Denn der Erfolgsgarant der vergangenen Jahre fehlte. Zum ersten Mal seit 2009 fand der Wettbewerb ohne die Beteiligung von Stefan Raab und seinem Haussender ProSieben statt. Das Castingshow-Konzept wurde beseitigt. Doch die Abkehr vom alten Konzept haben die Zuschauer nicht mit Mut belohnt. Betty Dittrich wurde vom Fernsehpublikum mit vier Punkten abgestraft, Blitzkids sogar nur mit zwei. Stattdessen lag auch hier Cascada mit zwölf Punkten vorne.

"Eine Lena ist einzigartig, die findet man nicht jeden Tag", sagte NDR-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber auf der Pressekonferenz. Recht hat er. Aber warum muss ihre Nachfolgerin ausgerechnet das komplette Gegenteil sein? Die leibhaftige Anti-Lena: blond statt brünett, drall statt zerbrechlich, laut statt geheimnisvoll. Dort die kokette Hannoveranerin, hier die prollige Rheinländerin. Auf der einen Seite die Feinsinnige mit der frechen Zunge, auf der anderen die Kodderschnauze mit der dreckigen Lache.

Würde man beide mit Humoristen vergleichen, wäre Lena vermutlich Loriot - und Natalie Horler Cindy aus Marzahn. Beide auf ihre Art erfolgreich - doch während die eine die ganze Nation in einen kollektiven Freudentaumel der Glücksseligkeit versetzte, spaltet die andere.

Als Proll-Tussi wird die Siegerin des deutschen Vorentscheids auf Facebook beschimpft. Andere wiederum sehen in ihr eine geniale Live-Sängerin mit Rampensau-Genen.

Egal wie, eine Siegerin der Herzen ist Natalie Horler nicht. Doch nicht der Gemütszustand der Deutschen, sondern der Europas wird am 18.Mai darüber entscheiden, ob dieser Vorentscheid ein Erfolg war. Dann stimmen 120 Millionen im ganzen Kontinent ab. Sollte Horler mit ihrer langen Erfahrung im Popgeschäft und ihren weltweit 1,8 Millionen Facebook-Fans mit einer guten Platzierung reüssieren können, wird sie doch noch eine würdige Lena-Nachfolgerin. Nicht ausgeschlossen, dass die Fans sie doch noch in ihr Herz schließen.

Das Ergebnis des Vorentscheids

Platz 1: Cascada (30 Punkte)
Platz 2: LaBrassBanda (23 Punkte)
Platz 3: Söhne Mannheims (17 Punkte)
Platz 4: Saint Lu (16 Punkte)
Platz 5: Nica & Joe (16 Punkte)
Platz 6: Blitzkids movement (15 Punkte)
Platz 7: Ben Ivory (13 Punkte)
Platz 8: Betty Dittrich (12 Punkte)
Platz 9: Finn Martin (12 Punkte)
Platz 10: Die Priester & Mojca Erdmann (9 Punkte)
Platz 11: Mobilée (8 Punkte)
Platz 12: Mia Diekow (3 Punkte)

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