Tiefe Ausschnitte, Windmaschinen und Blicke bis zum Slip: Im zweiten Halbfinale des Eurovision Song Contests wurde kein Trick ausgelassen. Doch nicht nur Sexbomben, sondern auch eine mollige Portugiesin machen den Sieg für die No Angels fast unmöglich. Von Jens Maier, Belgrad

Schwarze Walküre, die die Herzen der Zuschauer im Sturm erobert: die Spanierin Vânia Fernandes© Dimitar Dilkoff/AFP
Spannend wie ein Krimi ging das zweite Halbfinale des Eurovision Song Contests zu Ende. Nur noch ein Umschlag war übrig, nur noch einer der insgesamt 19 Halbfinalteilnehmer sollte ein Ticket ins Finale am Samstag bekommen. Für das Publikum der diesmal gut gefüllten Belgrad-Arena war klar, wer das sein sollte. In Sprechchören skandierten sie den Namen eines Landes, den die serbischen Moderatoren noch nicht aus dem großen Korb der Finalisten gezogen hatten: "Portugal, Portugal!"
Vânia Fernandes hatte mit ihrer Ballade "Senhora Do Mar" die Herzen der Saal-Zuschauer im Sturm erobert. Und das, obwohl sie keinen silbernen Minirock anhatte, keinen Blick auf ihr Höschen preisgab und nicht mit ihren Brüsten wackelte. Das wäre bei der korpulenten Frau aus Madeira wahrscheinlich auch unangebracht gewesen. Stattdessen stand sie wie eine schwarze Walküre auf der Bühne, die Windmaschine auf voller Kraft, bereit, mit ihrer Stimme ein ebensolches Getöse zu entfachen.
Ihr Lied hat gewisse Ähnlichkeiten mit dem Siegertitel von Marija Serifovic aus dem vergangenen Jahr. Dramatisch steigert es sich bis zum fulminanten Höhepunkt. Ganz klar, der Song hat das Zeug zum Grand-Prix-Hit. Doch sahen das die Zuschauer zu Hause auch so? Wegen der neuen Regeln durften nur die Länder abstimmen, die im zweiten Halbfinale vertreten waren, sowie England, Frankreich und Serbien. Schützenhilfe aus Spanien und Andorra war für Portugal weit und breit nicht in Sicht.
Doch der Grand-Prix-Gott hatte ein Einsehen. Offenbar hatte er seit 1975 noch etwas gutzumachen. Damals wurde eine Dicke abgestraft, obwohl sie ein fantastisches Lied und einen hervorragenden Auftritt abgeliefert hatte: Joy Fleming kam mit "Ein Lied kann eine Brücke sein" nur auf Platz 17 - angeblich auch, weil den Juroren ihr Aussehen missfiel. Die europäischen Zuschauer waren da objektiver: Auf dem letzten Zettel stand tatsächlich "Portugal". Und damit zieht eine weitere Kandidatin für den Sieg ins Finale ein.
Fernandes hatten die Buchmacher bisher nicht auf dem Zettel. Das hat sich nun geändert. Das Favoritenfeld ist eng wie selten zuvor. Zwei weitere traten in diesem Halbfinale zum Duell an: Ani Lorak aus der Ukraine und Charlotte Perrelli aus Schweden. Perrelli war als Charlotte Nilsson mit "Take Me To Your Heaven" 1999 schon einmal beim Grand Prix angetreten - und hat gewonnen. Ein Erfolg, den sie jetzt wiederholen will. Wäre die eine nicht dunkelhaarig und die andere blond, auf der Bühne wären sie kaum zu unterscheiden gewesen: Beide trugen das gleiche silberne, äußerst kurze Kleid mit Fransen (Lorak dazu: "Wir haben verschiedene Kleider, aber eine Leidenschaft für Silber.") und beide lieferten eine perfekte Bühnenshow mit flotten Tanzeinlagen und reichlich Action.
Ins Finale geschafft haben es Ukraine, Kroatien, Albanien, Island, Georgien, Dänemark, Schweden, Lettland, Türkei, Portugal