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21. Mai 2008, 07:14 Uhr

"Ostblockmafia" ist geknackt

Irlands Truthahn wurde in Belgrad gerupft. Trotzdem war das erste Halbfinale des Eurovision Song Contests für die klassischen Grand-Prix-Nationen ein voller Erfolg. Erstmals konnten sie sich wieder gegen die osteuropäischen Staaten behaupten. Von Jens Maier

Isis Gee aus Polen hat den Sprung ins Finale geschafft© Dimitar Dilkoff/AFP

Stell dir vor es ist Grand-Prix und keiner geht hin. Das erste Halbfinale des 53. Eurovision Song Contests (ESC) fand am Dienstagabend in Belgrad vor halbleeren Rängen statt. Die 10.000 Zuschauer fassende Belgrad-Arena war bei weitem nicht ausverkauft. Selbst die Kameraschwenks über jubelnde Fangruppen konnten die leeren Sitzplätze nicht verbergen. Das Experiment, erstmals zwei Semi-Finals durchzuführen, ist damit allerdings nicht gescheitert. Im Gegenteil, es war ein voller Erfolg.

Wir erinnern uns: Das Geschrei nach dem letzten Song-Contest-Halbfinale in Finnland war groß. Kaum eines der alt gedienten Grand-Prix-Nationen aus West-, Nord- oder Mitteleuropa hatte den Sprung in die Endrunde geschafft. Von "Ostblockmafia" war deshalb die Rede und davon, dass der Osten sich die Stimmen gegenseitig zuschustern würde. Neue Regeln sollten das jetzt verhindern.

Das scheint geklappt zu haben. Immerhin vier der im ersten Semifinale festgelegten zehn Endteilnehmer stammen aus Nationen, die schon vor dem Fall des Eisernen Vorhangs beim Grand Prix dabei waren: Griechenland, Finnland, Israel und Norwegen. Leer gingen in den Reihen der klassischen ESC-Länder nur Irland, Belgien und Holland aus. Ein Ergebnis, das angesichts der Darbietungen vollkommen in Ordnung geht.

Keine Lust auf Spaß-Nummern

Mit einer Handpuppe wollte Irland an erfolgreiche Zeiten - die Insel hat den Grand Prix so oft gewonnen wie keine andere Nation - anknüpfen. Doch Europa scheint keine Lust mehr auf Spaß-Nummern zu haben. Besonders nicht, wenn sie so wenig originell wie die von Dustin The Turkey sind. Dem Song fehlte eine eingängige Melodie. Für Riverdance wollten sich die Iren mit dem Auftritt entschuldigen. Doch singende Truthähne können noch schlimmer sein als hüpfende Männer.

Belgien trat zum zweiten Mal mit einer Nummer an, die in einer Fantasiesprache gesungen wurde. Für ein Land mit drei Amtssprachen mag das zwar die Lösung vieler Probleme sein, aber kein Grand-Prix-Hit. Die Niederlande hatten sich nach drei erfolglosen Versuchen besondere Mühe gegeben, wieder den Sprung ins Finale zu schaffen. Doch orientalische Klänge und freie Blicke auf die Schenkel von Sängerin Hind Laroussi Tahiri konnten die Zuschauer nicht überzeugen.

Finnland mit Lordi-Trick

Finnland hingegen hat den Einzug ins Finale mit dem Lordi-Trick geschafft. Teräsbetoni (Stahlbeton) ist erneut eine Heavy-Metal-Band - nur ohne Masken. Nachbar Norwegen setzte auf einen klassischen Pop-Song, gepaart mit der norwegischen Antwort auf Mariah Carey. Israel wird am Samstag mit dem erst 20-jährigen Boaz vertreten sein. Keine Überraschung, hatte doch eine alte Bekannte ihre Finger im Spiel: Dana International, Siegerin von 1998, hat den Song "The Fire In Your Eyes" geschrieben. Als so gut wie gesetzt galt von vornherein Kalomira aus Griechenland. Der Grund: Ihre Nummer klingt wie der Siegertitel von Helena-Paparizou aus 2005.

Und was hatte die Konkurrenz aus dem Osten bei diesem Halbfinale zu bieten? Rumänien, Bosnien und Herzegowina, Russland, Aserbaidschan, Armenien und Polen haben den Sprung ins Finale geschafft. Auch diese Zuschauerentscheidung ging im Großen und Ganzen in Ordnung - mit zwei Ausnahmen: Rumänien langweilte mit einer Ballade, vorgetragen von den rumänischen Albano und Romina Power. Und Bosnien und Herzegowina führte auf der Bühne Szenen aus der Balkan-Waschküche vor. Eine Performance mit Wäscheleinen, Röcken mit Äpfeln und einem Mann, der aus einem Wäschekorb springt. Derlei löste neben der Frage nach dem Warum auch Fremdschämen aus.

Aserbaidschan sofort im Finale

Aserbaidschan trat zum ersten Mal beim ESC an und kann sich sofort über einen Finalplatz freuen. Elnur und Samir inszenierten eine Nummer mit Feuerwerk, Kunstblut und Kostüm-Effekten und erinnerten ein wenig an die inzwischen in der Versenkung verschwundene Popstars-Band Nu Pagadi. Polens Final-Bemühungen hatten dank Isis Gee endlich Erfolg. Die sah zwar mit ihren gebleichten Zähnen, ihrer Solarium gebräunten Haut und ihrem blondierten Haar eher aus wie die polnische Antwort auf Donatella Versace, sang jedoch eine schöne Ballade. Armenien setzte auf Folklore, Sängerin Sirusho zudem auf Wackeln mit den Brüsten - mit Erfolg.

Und dann musste da noch einer das Halbfinale überstehen, den die englischen Buchmacher als Favoriten führen: Dima Bilan aus Russland musste sich beim Grand Prix 2006 mit dem zweiten Platz zufrieden geben, dieses Jahr soll es nicht weniger als der erste sein. Sein Titel "Believe" hat durchaus das Zeug dazu, auch wenn die englische Aussprache bei Bilan in den letzten zwei Jahren offenbar keine Fortschritte gemacht hat. Der Song ist ein klassischer Popsong, er ist zudem ein Mädchenschwarm, der sich auf der Bühne das Hemd aufreißt. Das könnte bereits der Sieger-Mix sein.

Allerdings lauern im zweiten Halbfinale noch einmal ein paar starke Kandidaten, die Bilan den Sieg vermasseln könnten. Ani Lorak aus der Ukraine zum Beispiel. Die Frau kann nicht nur gut singen, sondern ist auch noch das, was man einen heißen Feger nennt. Der Titel "Shady Lady" zudem schon nach dem ersten Hören ein Ohrwurm. Und auch die Schwedin Charlotte Perrelli weiß, wie man einen Grand Prix gewinnt: 1999 war sie als Charlotte Nilsson mit dem Hit "Take me to your Heavan" erfolgreich. 2008 tritt sie wieder mit typischem Schweden-Pop an.

Sollten es am Donnerstag neben Schweden noch mindestens zwei weitere alt gediente Grand-Prix-Nationen ins Finale schaffen, kann sich die European Broadcasting Union als Veranstalter endgültig auf die Schulter klopfen - leere Sitzplätze hin oder her. Das Gerede von der Ostblockmafia dürfte dann erstmal verstummen - zumindest bis zum Samstag. Dann könnten sich die verhinderten Ostblockstaaten rächen. Denn im Finale dürfen wieder alle 43 Nationen zum Telefon greifen.

Ins Finale geschafft haben es Griechenland, Rumänien, Bosnien und Herzegowina, Finnland, Russland, Israel, Aserbaidschan, Armenien, Polen, Norwegen

Von Jens Maier
 
 
KOMMENTARE (10 von 20)
 
twister34 (23.05.2008, 21:31 Uhr)
@jedifreund82
Wenn die Türkei der EU nicht beitreten dürfen wird, dann wird es nur wegen ängstlichen und ahnungslosen Leuten sein wie du. Und nicht wegen dieses Landes alleine. Du kannst aber trotzdem froh sein, dass Deutschland in einer Union ist, wo Länder wie Rumänien und Bulgarien, welche viel unterentwickelter sind als die Türkei; und Zypern, welches geographisch überhaupt keine Verbindung zu der EU hat, dabei sind. Glaube mir; Wir, Türken, sind auch so ganz fröhlich.
twister34 (23.05.2008, 21:23 Uhr)
turk-punk, 25 Millionen Türken in Europa?
Lieber turk-punk, übertreib' mal bitte nicht. Es leben 6 Millionen Türken in Europa, davon 2,5 Millionen in Deutschland. Man sollte lieber still bleiben, als ahnungslos solche Zahlen anzugeben.
Außerdem nimmt die Türkei an diesem Wettbewerb teil, weil sie ein Teil Europas ist und nicht weil es so viele Türken in Europa leben. (Die Türkei war sowieso nicht die Frage, das wollte ich nur klären.)
farbklecks (23.05.2008, 17:29 Uhr)
Was???
Mir gefällt Riverdance. Etwas das ich von diesem wirren Artikel nicht
behaupten kann. Zu viel Grand Prix
gehört oder was?
maburay (23.05.2008, 12:43 Uhr)
seltsame Diskussion
Was für eine verschrobene Diskussion, ud das sich das gerade mal wieder an Israel aufhängt, bringt einen sehr faden Geschmack mit.
Auch wenn einein paar Tagen alle mit Deutschlandfähnchen runfahren, die EM ist wie die WM keine uropa- oder Weltmeisterschaft. Sondern ein Turnier der beteiligten Verbände, eben UEFA oder FIFA. Zu diesem Turnier schicken die Mitgliedsverbände ihre Auswahlmannschaften ergo nix Nationalmannschaft, in UK gibt es deren vier. Ganau si ist es bei dem Snageswettbewerb der RBU. Wer dort Mitglied ist, der kann mitmachen. Darum heißt das Ding auch nicht Europa Song Contest sondern eben Eurovision Song Contest. Wer bei der EBU Mitglied ist, ist eben dort nachzulesen, teilweise sind das schon "Erbsünden", gegründet wurde der Verein in den 50ern, da gab es noch eifrig Kolonien, und so kamen auch deren Rundfunkanstalten zum EBU. Alles nachzulesen beim NDR.
grafo (22.05.2008, 12:13 Uhr)
Neues Konzept jetzt schon gescheitert
Die westlichen Grand-Prix-Nationen konnten sich also im ersten Semifinale behaupten? So einen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Schon jetzt ist klar, dass das neue Auswahlkonzept gescheitert ist: Von den 19 Teilnehmern des ersten Semifinals konnten sich nur Norwegen und Griechenland aus dem Westen durchseten.
danov (21.05.2008, 14:42 Uhr)
@axpp
na hallo, was heisst denn hier "schluss mit der Diskussion"? Erstens ist ein Blog-Kommentar genau dafür da, und zweitens wird man doch wohl noch fragen dürfen!?
Ich finde es durchaus erstrebenswert, Wissen zu vermehren, und wer nicht fragt, kann nix lernen! Ich habe bisher nicht verstanden, wieso Israel in Europa "mitspielt", und ich finde es durchaus nicht verwerflich, das in Frage zu stellen.
axpp (21.05.2008, 14:26 Uhr)
Europa undefiniert
Nordafrika und der nahe Osten werden durch das Mittelmeer eben nicht nur von uns getrennt, sondern auch mit uns verbunden. Vom Rest ihrer Kontinente werden sie durch Wüsten eben mehr getrennt als verbunden.
Und spätestens im Kaukasus wird es mit Europa ganz schwierig.
Also Schluss mit der Diskussion. Hier hat NIEMAND etwas gegen Israelis, Araber, Armenier usw. also lasst sie doch mit machen. Beim Fußball haben es die Israelis dadurch nicht gerade einfacher... ;-)
danov (21.05.2008, 13:48 Uhr)
@ schlotti
erstmal Danke für die Erklärung. Was bei mir aber die nächste Frage aufwirft: EUROPÄISCHE Rundfunkunion? Nordafrika und Naher Osten? Wie bitteschön passt das zusammen?
schlotti (21.05.2008, 13:34 Uhr)
@danov
Am Eurovision Song Contest können alle Länder teilnehmen, die der Europäischen Rundfunkunion angehören.
Dies sind zur Zeit 75 Rundfunk- und Fernsehanstalten aus 56 Ländern Europas, Nordafrikas und des Nahen Ostens.
MfG,
Schlotti
danov (21.05.2008, 13:15 Uhr)
Israel
Also ich bin schn auch immer wieder verwundert, dass Israel an Europäischen Wettbewerben teilnimmt. Warum nennt man es dann EUROvision song contest, oder EUROPAmeisterschaft? Ich hab ja nix dagegen, aber verstehen muss ich es nicht. Und das hat bei mir nix mit Antisemitismus sondern vielmehr mit Logik zu tun. Bisher hab ich hier nur noch keine sinnvollen Argumente gelesen, die das erklären könnten! Weiss einer, warum das so geregelt ist, oder wird hier nur Polemik betrieben? Ich würde es wirklich gern verstehen...
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