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Für ein bisschen Frieden singen

Die Staatsmacht gibt alles, damit Baku sich schillernd präsentiert. Die Gruppe "Sing for Democracy" versucht dennoch, die Missstände im Land anzuprangern. Und wenn's in einem Keller sein muss.

Von Jens Maier, Baku

  Mehman Huseynow bei einem Konzert der "Sing for Democracy"-Bewegung Mitte Mai

Mehman Huseynow bei einem Konzert der "Sing for Democracy"-Bewegung Mitte Mai

"Ich möchte hier bleiben und kämpfen", sagt Mehman Huseynow stolz. Der 21-jährige Student lebt in Baku, unweit der Fußgängerzone mit den hübschen Sandsteinfassaden und den über die Straße gespannten Kandelabern, die so bezaubernd aussehen. Doch seine Welt ist eine andere als die, die viele Eurovisions-Besucher derzeit zu sehen bekommen. Huseynow gehört zu den Mutigen im Land. "Menschenrechte für Aserbaidschan", steht auf seinem T-Shirt, mit dem er durch die Innenstadt schlendert. Während auf der anderen Seite der Stadt die Proben für den Eurovision Song Contest laufen, ist er unterwegs zu einem Konzert. Das Motto der Teilnehmer lautet provokant: "Wir brauchen keine Eurovision, wir wollen Demokratie."

Am kommenden Samstag findet in Baku das Finale des Eurovision Song Contest statt. Mehrere hundert Fans und viele Journalisten sind bereits in der aserbaidschanischen Hauptstadt angekommen, bis zu 6000 werden insgesamt erwartet. Insbesondere Touristen aus Deutschland reiben sich verdutzt die Augen. Nach den vielen Berichten über Menschenrechtsverletzungen, die in den vergangenen Wochen zu lesen waren, sind sie mit den schlimmsten Befürchtungen angereist. Eine Art Nordkorea am Kaspischen Meer hatten sie erwartet. Doch Baku ist traumhaft schön.

Kurios, aber nicht schrecklich

Der Bulvar, die Strandpromenade direkt am Wasser, wird von Palmen gesäumt und verbreitet mediterranes Urlaubsflair. Die alten Paläste dahinter sind aufwändig restauriert und lassen selbst die Bucht von Monaco verblassen. Die Altstadt rund um den Jungfrauenturm mit ihren verwinkelten Gässchen bildet einen charmanten Kontrast zu Bakus neuem Wahrzeichen, den sogenannten Flammentürmen. Die drei Hochhäuser, deren Fassaden sich nachts in eine spektakuläre Projektionsfläche für Videoanimationen verwandeln, sind gläserne Zeugen von Aserbaidschans neuem Ölreichtum. Überall in der Stadt wird gebaut. Was hässlich ist oder im Weg steht, wird abgerissen oder hinter auf alt getrimmten Fassaden versteckt. Ein bisschen wirkt das wie die Pappmascheekulissen bei Disneyland. Kurios, sicherlich, aber eben nicht düster oder schrecklich.

Ist es da nicht verständlich, dass die anfängliche Skepsis Begeisterung gewichen ist? "Wenn ich an der Stelle der Besucher wäre, würde ich auch so denken", sagt Mehman Huseynow. "Es ist eine künstliche Welt." Alles sei genau so, wie Aserbaidschan sich gerne der Öffentlichkeit präsentieren wolle, als weltoffen und modern. Die Polizisten seien alle sehr nett, weil ESC sei. "Sie haben ihre Stöcke weggepackt", sagt Huseynow. Wo jetzt die vielen Besucher wie selbstverständlich mit ihren Kameras fotografieren, habe man vor einem Jahr noch nicht mal Aufnahmen mit seinem Handy machen dürfen. Er habe nichts gegen den Eurovision Song Contest, macht Huseynow klar. "Wir freuen uns, ihn in der Stadt zu haben." Er sehe aber die Gefahr, dass nach dem Event alles wieder so wird, wie es vorher war.

ESC als Plattform für die Opposition

"Sing for Democray" heißt die Bewegung, die er zusammen mit anderen Menschenrechtsaktivisten und Oppositionellen im Land unterstützt. Ihr Ziel ist es, den Eurovision Song Contest als Plattform zu benutzen, um auf die Menschenrechtsverletzungen im Land aufmerksam zu machen. In einem kleinen Pub in der Innenstadt haben sie am Sonntagabend zu einem Konzert eingeladen. Mehrere Rockbands spielen Titel, die der Demokratie, den Menschenrechten und der Freiheit gewidmet sind. Doch in dem Lokal haben sich außer rund 40 jungen Männern und vielen ausländischen Journalisten nur wenige Besucher eingefunden.

Die Veranstaltung sollte ursprünglich auf einem Platz in der Innenstadt stattfinden, aber die autoritäre Führung hat entsprechende Anträge abgelehnt. Der Rock für Demokratie muss im Keller abgehalten werden. Stattdessen findet zeitgleich am Springbrunnenplatz, nur wenige hundert Meter entfernt, ein anderes Event statt. Auf einer riesigen LED-Leinwand werden Videos von den vier bisherigen aserbaidschanischen ESC-Teilnehmern gezeigt. Menschen jubeln davor, singen mit und schwenken die aserbaidschanische Fahne. Es ist wieder das Baku, das die Besucher zu sehen bekommen sollen.

"Mir wurde Geld angeboten, wenn ich aufhöre, meine Forderungen übers Internet zu verbreiten", sagt Mehman Huseynow. Das Internet wird in Aserbaidschan, anders als in China, nicht zensiert. Es ist deshalb die Plattform aller Oppositionellen im Land. "Ich spüre ständig Druck", sagt der 21-Jährige. Zwar sei er noch nie verprügelt worden, aber er werde als unpatriotisch und als Verräter beschimpft. Trotzdem will er weiter machen und für ein gerechteres Aserbaidschan kämpfen. Dabei sollen ihm die vielen Besucher des Eurovision Song Contest helfen. Sie sollen der Welt zeigen, "wie es hier wirklich ist".

Opposition braucht die ausländsichen Gäste

Ob das am Ende gelingen wird, daran werden sich die Gäste und anwesenden Journalisten des 57. Eurovision Song Contest messen lassen müssen. Am Fernsehschirm wird am kommenden Samstag eine unpolitische Unterhaltungsshow zu sehen sein. Sie wird Baku, so wie jeder andere Austragungsort das zuvor auch getan hat, von seiner Schokoladenseite zeigen. Es liegt also an allen vor Ort, das Bild von Aserbaidschan zurechtzurücken. Sie sollen von einem spannenden Land berichten, in dem Religionsfreiheit herrscht, in dem Frauen gleichberechtigt sind und das sich nach 70 Jahren Unterdrückung durch die Sowjetunion eher dem Westen als dem Osten zugehörig fühlt. Sie sollen davon erzählen, wie freundlich und neugierig die Menschen hier sind. Sie müssen aber auch sagen, wie ungerecht der Reichtum im Land verteilt ist. Wie mit denjenigen umgesprungen wird, die für Menschrechte kämpfen. Denjenigen, die für Freiheit und Demokratie einstehen, so wie Mehman Huseynow.

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