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Deutscher Bum-Bum gegen den Balladenbrei

Trickkleider, Ralph Siegel und ein ukrainischer Riese: In Malmö haben die Proben für den ESC begonnen. Bereits jetzt zeichnen sich die ersten Favoriten ab - und eine Überraschung für Cascada.

Von Jens Maier, Malmö

  Wer holt sich die Grand-Prix-Trophäe in diesem Jahr? Die Buchmacher glauben an die dänische Teilnehmerin Emmelie de Forest

Wer holt sich die Grand-Prix-Trophäe in diesem Jahr? Die Buchmacher glauben an die dänische Teilnehmerin Emmelie de Forest

Ob Plätzchen backende russische Omas oder eine Sandmalerin: Der Eurovision Song Contest ist für skurrile Auftritte bekannt. In diesem Jahr sorgt ein 2,58 Meter großer und 200 Kilogramm schwerer Riese für Erstaunen. In Malmö haben die Proben für den Eurovision Song Contest begonnen. Sie geben einen ersten Ausblick auf das, was die Zuschauer im Finale am 18. Mai erwartet. Auch Ralph Siegel tritt wieder an, wie bereits im Vorjahr hat er den Song für San Marino geschrieben. Bei den englischen Buchmachern wird seit Wochen auf den möglichen Gewinner gewettet. Die größten Chancen werden einer barfüßigen Dänin und dem kolossalen Auftritt der Ukrainerin zugeschrieben. Aber auch Russland und Georgien stehen hoch im Kurs. Für eine kleine Sensation könnten Cascada aus Deutschland sorgen. Das sind die Favoriten für Malmö.

1. Dänemark: die Barfüßige mit dem Nachthemd

Sie sieht aus wie die blonde Antwort auf Loreen: Barfuß, mit wildem Wuschelkopf und Nachthemd steht Emmelie de Forest auf der Bühne. Obwohl die dänische Teilnehmerin erst 20 Jahre alt ist, behauptet sie von sich, schon lange vor der Vorjahressiegerin ohne Schuhe und Strümpfe aufgetreten zu sein. "Ich mag keine High Heels", sagt sie und macht damit offenbar nicht nur Orthopäden glücklich. Ihr Song "Only Teardrops" wird bei Fans und in den Wettbüros als aussichtsreichster Kandidat auf den Sieg in Malmö gehandelt. Die Ethnopop-Nummer beginnt melancholisch, um sich dann mit Trommeln und einer Blechflöte bis zum dramatischen Ende zu steigern. Doch nicht nur die Instrumentierung, auch die Stimme der dänischen Interpretin überzeugt. Auf ihr Vibrato, die Veränderung der Stimmfrequenz bei den langen Tönen, wäre selbst die Callas neidisch. Selbstbewusst sagt de Forest denn auch von sich, sie wolle in die Fußstapfen der Olsen Brothers treten, die 2000 den Song Contest mit "Fly On The Wings Of Love" gewonnen haben. "Only Teardrops" ist eine ausgewogene Mischung aus Kitsch und modernem Popsong, so dass es am Ende heißen könnte: Zwölf Punkte für Dänemark.

2. Ukraine: die mit dem weißen Riesen

Er ist 2,58 Meter groß, trägt Schuhgröße 68 und wiegt 200 Kilogramm: Die Ukraine schickt den laut Guinness Buch der Rekorde größten Mann der Erde zum Grand-Prix. Leonid Stadnik singt zwar nicht, aber er darf seine Landsfrau aus Murmansk auf die Bühne tragen: Zlata Ohnewitsch hat ein Gesangsstudium absolviert und behauptet von sich, sie könne deshalb so fantastisch hohe Noten singen, weil sie minutenlang unter Wasser die Luft anhalten könne. Trotzdem brauchte die Apnoe-Expertin drei Anläufe, um sich beim ukrainischen Vorentscheid ihr ESC-Ticket zu sichern. In diesem Jahr hat es mit der Ballade "Gravity" endlich geklappt. Ein Song wie aus einem Disney-Musical: gefühlsduselig und kitschig bis zur Schmerzgrenze. Dagegen wirkt selbst "The Circle Of Life" aus "Der König der Löwen" wie eine Rammstein-Version. Der Text handelt von einem Schmetterling, der zu hoch fliegt und durch die Schwerkraft nun droht, sein Leben auf einer Schwertspitze zu fristen. "Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund", hat die erste deutsche Grand-Prix-Siegerin Nicole einst gesungen. Es könnte durchaus passieren, dass dieser Song die Zuschauer überfordert. Zu Herzen geht er auf jeden Fall.

3. Norwegen: eiskalt gegen den Balladen-Brei

Margaret Berger heißt die Teilnehmerin aus Norwegen, Doch wer aufgrund des bodenständigen Namens eine skandinavische Andrea Berg erwartet hat, erlebt eine Überraschung. Die 27-Jährige singt keinen Schlager, sondern eiskalten Elektropop. "I Feed You My love" heißt ihr Song - "Ich füttere dich mit meiner Liebe". Damit dürfte sie dann wohl eher eine Zwangsernährung meinen. Warm ums Herz wird dem Publikum jedenfalls nicht, wenn die blonde Berger mit streng zurückgebundenem Zopf und in gleißendes Licht getaucht auf der Bühne steht. Ein sehr reduzierter, unterkühlter Auftritt, der mystisch und geheimnisvoll wirkt, es damit aber vor allem im von Windmaschinen und Feuerwerk begeisterten Ostblock schwer haben dürfte. Doch endlich rumst es auf der Malmöer Bühne. Die harten Drums und der bombastische Sound heben sich wohltuend vom restlichen Balladen-Brei ab. Außerdem stammt der Song nicht von Hitproduzenten aus dem Ausland, sondern ist eine norwegische Eigenproduktion von Songwritern, die bereits für Superstars wie Pink oder Justin Timberlake gearbeitet haben. Norwegen schneidet beim ESC immer dann gut ab, wenn Lied und Teilnehmer authentisch wirken. So wie bei Alexander Rybak 2009, dem das Publikum den fiedelnden Troll aus Norwegen sofort abgekauft hat. Ähnlich könnte das bei Margaret Berger sein. Sie kommt kühl und eindrucksvoll wie ein norwegischer Fjord daher. Ihr nimmt man sogar ab, dass sie abends im Wald noch Holz hacken geht. Ihre Glaubwürdigkeit kommt an.

4. Russland: Adele, bist du es?

Nach den singenden und Plätzchen backenden Omas im vergangenen Jahr schickt Russland nun eine Tatarin nach Malmö. Aber keine Angst, die 22 Jahre alte Dina Garipova sieht weder aus wie eine Babuschka, noch macht sie auf Folklore. Im Gegenteil: Die in der Provinz Tatarstan geborene Sängerin singt eine klassische Ballade - und das sogar in akzentfreiem Englisch. In "What if" geht es - wie soll es anders sein - um die große Liebe. Whitney Houston sei ihr großes Vorbild, sagt Garipova. Doch gesanglich und optisch erinnert sie eher an Balladenkönigin Adele - einfühlsam und stimmgewaltig. Dabei wäre aus der Gesangskarriere der Tatarin beinahe nichts geworden. Ihre Eltern sind Physiker, sie wollte eigentlich Journalismus studieren. Doch dann nahm sie im vergangenen Jahr an der russischen Version von "The Voice" teil, begeisterte Jury und Publikum gleichermaßen und wurde prompt vom russischen Fernsehen für den Grand Prix verpflichtet. Fünf Jahre nach Dima Bilan soll Garipova den zweiten russischen Sieg klar machen. Damit das klappt, setzen die Russen auf schwedische Hitproduzenten. "What if" stammt aus der Feder von Gabriel Alares und Joakim Björnberg und ist das, was gemeinhin als Powerballade bezeichnet wird: Langsamer Start, viel Drama im Mittelteil und eine sich explosionsartig entladende Reprise am Schluss. Garipova macht alles richtig. Doch vielleicht ist die Nummer am Ende zu perfekt, das Erfolgsrezept zu durchschaubar, als dass es für das oberste Treppchen reicht. Ein Platz unter den Top Ten sollte ihr aber sicher sein.

5. Aserbaidschan: Hahn im Korb

Allein unter Frauen: Farid Mammadov ist der einzige Mann unter den Favoriten - vom georgischen Duett einmal abgesehen. Den aserbaidschanischen Vorentscheid hat er mit "Hold Me" haushoch gewonnen. Eine eingängige Pop-Ballade, die vor allem deshalb im Ohr bleibt, weil den Refrain jeder mitgrölen kann. Nach der ersten Probe in Malmö sind die Wettquoten des 21-Jährigen bei englischen Buchmachern in die Höhe geschossen. Mammadov zeigt die wohl außergewöhnlichste und aufwendigste Bühnenshow des diesjährigen Jahrgangs. Seine Bewegungen werden von einem Tänzer in einem Plexiglaskasten exakt und synchron gespiegelt. Eine Szene (hier geht's zum Video), die bei der Probe zu spontanem Applaus unter Journalisten geführt hat. Mädchenschwarm Mammadov kann außerdem auf viele Anrufe der jungen Zuschauerinnen hoffen. Das und die Tatsache, dass Aserbaidschan seit seiner ersten Teilnahme 2008 immer unter den Top Ten gelandet ist, machen ihn zum Anwärter auf den Sieg.

6. Georgien: zu zweit geht alles besser

Vom Erfolg wird Georgien beim Eurovision Song Contest nicht verwöhnt. Seit 2007 geht die Kaukasusrepublik an den Start, als beste Platzierung sprang zweimal ein neunter Platz heraus. Dabei sein ist alles? Von wegen! In diesem Jahr wollen die Georgier gewinnen und greifen dafür tief in die Grand-Prix-Trickkiste: Sie haben ihren Song beim Komponisten des Siegertitels 2012 eingekauft. Thomas G:son ist der schwedische Ralph Siegel und hat neben "Euphoria" zahlreiche andere Grand-Prix-Hits geschrieben. Mit "Waterfall" liefert er eine schwülstige Liebesballade, die vor Herzschmerz nur so trieft. Was lag da näher, als ein Duett auf die Bühne zu stellen, das ein perfektes Liebespaar verkörpert? Mit Nodi Tatishvili & Sophie Gelovani war es schnell gefunden. Beide haben Gesang studiert und sind in ihrer Heimat bereits Stars. Mit viel Pathos und übertriebenen Gesten stoßen sie selbst Italiens Al Bano und Romina Power vom ewigen Liebesduett-Thron. "Deine Liebe fließt wie ein Wasserfall auf mich herab", lautet eine Textzeile. Herzzerreißend schön sagen die einen, nervig wie ein turtelndes Liebespaar am Restaurant-Nebentisch die anderen. Falls Europa am 18. Mai in Kuschelstimmung sein sollte, ist ein Sieg möglich.

7. Deutschland: die Unterschätzten

Viel Spott und Hohn musste die deutsche Teilnehmerin Natalie Horler mit ihrer Band Cascada nach dem deutschen Vorentscheid ertragen. Erst wurde über ihr Kleid und ihre Figur gelästert, dann behauptet, ihr Song "Glorious" sei eine dreiste Kopie von "Euphoria". Sogar ein Musikwissenschaftler musste eingeschaltet werden. Der entkräftete den Plagiatsvorwurf zwar, doch befeuert von Boulevardmedien hielt sich das Gerücht vom Songklau weiter hartnäckig. Dabei hätte man ebenso gut behaupten können, "Glorious" sei von Bands wie der Swedish House Mafia oder David Guetta abgekupfert: Eine kommerzielle Dance-Nummer mit viel Bums, wie es sie hundertfach gibt. In Deutschland gilt die dreiköpfige Band als One-Hit-Wonder ("Evacuate The Dancefloor"), Horler als peinliche Proll-Tussi aus dem Ruhrpott, obwohl sie eigentlich aus Bonn stammt. Ein Image, das vielleicht mit ihrem Engagement als DSDS-Jurorin zu tun haben könnte. Doch Horler wird unterschätzt. Wie gut sie live singen kann, stellte sie unlängst bei ihrem A-Cappella-Auftritt im Morgenmagazin (hier geht's zum Video) unter Beweis. Außerdem könnte der Song vor allem aus Westeuropa, Großbritannien und Skandinavien viele Punkte einheimsen, denn dort sind Cascada unter Discogängern sehr beliebt. Auf über 1,9 Millionen Fans kommt die Band auf Facebook, fast drei Millionen Mal wurde das Video von "Glorious" im Internet abgerufen. Das sind Werte, wie sie zuletzt Lena mit "Satellite" erreicht hatte. Wie sie könnten Cascada als Außenseiter in den Wettbewerb starten - und am Ende die Überraschungssieger sein.

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