15. Mai 2011, 14:29 Uhr

Ausgerechnet Aserbaidschan

Es geht um Show, Musik und Trickkleider - und nicht um Politik. Der Sieg Aserbaidschans beim Eurovision Song Contest hinterlässt bei Fans trotzdem einen bitteren Beigeschmack. Von Jens Maier, Düsseldorf

Eurovision Song Contest 2011, Aserbaidschan, ESC 2011, Lena Meyer-Landrut, Eldar und Nigar

Fans feiern am Samstag beim Public Viewing in Hannover den Sieg von Aserbaidschan©

Blau-rot-grün waren die Farben des Abends. Unter den Flaggen mit dem kleinen Halbmond lagen sich Dutzende Fans in den Armen. Einige weinten sogar vor Glück. Aserbaidschan hat den Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf gewonnen. Erst zum vierten Mal hat die Kaukasusrepublik an dem Wettbewerb teilgenommen, immer war sie sehr erfolgreich. Nach einem achten, einem dritten und einem fünften Platz jetzt also der Sieg. Er ist verdient. Aber dennoch hinterlässt er einen faden Beigeschmack.

Das Duo Eldar und Nigar hat ganz Europa mit dem Liebessong betört. Auch wenn es in der Arena, die lieber den Schweden Eric Saade als Sieger gesehen hätte, vereinzelt Buh-Rufe gab, den beiden sei der Sieg gegönnt. Unkompliziert und sympathisch gaben sich der 21-jährige Sänger und die 30-jährige Sängerin aus Aserbaidschans Hauptstadt Baku während der Probenwoche in Düsseldorf. Vor allem Eldar hatte es den zahlreichen Fans und Journalisten vor Ort angetan. Fröhlich plauderte er in Interviews auf Deutsch drauflos, war nie genervt und immer freundlich.

Die größte Unterhaltungsshow der Welt

Kritiker mäkeln, der Erfolg sei zu durchgestylt. Drei Erfolgsautoren aus Schweden hatten die Aserbaidschaner engagiert, um den Sieg in Düsseldorf perfekt zu machen. Mit "Running up scared" kam eine Popballade dabei heraus, die aus einem Disney-Film stammen könnte. So wunderschön schnulzig, dass sie sofort verfängt. Dazu ein perfekt inszenierter Auftritt mit Windmaschine und einem mächtigen Feuerregen am Schluss. Doch machen wir uns nichts vor: Natürlich geht es darum, zu gewinnen. Eldar und Nigar hat man das Liebespaar jedenfalls so gut abgenommen, dass sie in Düsseldorf ständig gefragt wurden, ob sie auch privat liiert seien.

Das Problem ist eher ein anderes: Die größte Unterhaltungsshow der Welt findet im kommenden Jahr in einer Quasi-Diktatur statt. Seit der Präsidentenwahl 1992 verlief praktisch jede Wahl in Aserbaidschan undemokratisch. Der ESC läuft Gefahr, für die Zwecke des Präsidenten Ilham Aliyev missbraucht zu werden. Das Problem ist nicht neu. Als 1969 Spanien den Contest ausgerichtet hat, war Diktator Franco noch an der Macht. Viele Länder blieben dem Wettbewerb deshalb fern.

Die Probleme weglächeln

Das ist auch fürs nächste Jahr zu befürchten. Die armenische Delegation hat hinter vorgehaltener Hand in Düsseldorf bereits wissen lassen, dass sie nicht an einer Teilnahme in Baku interessiert sei. Auch zahlreiche Fans winken bereits ab. "Ich fahre in kein Land, das auch wegen der Anfeindung von Homosexuellen regelmäßig in den Menschenrechtsberichten von Amnesty International auftaucht", sagte ein Fan am Sonntagmorgen in Düsseldorf.

Die Sieger versuchten, diese Probleme bei der Pressekonferenz wegzulächeln. Alle seien in Aserbaidschan willkommen und jeder solle sich ein Bild davon machen, wie es dort wirklich zugehe, sagte Eldar. Auf den Veranstalter des Wettbewerbs, die European Broadcasting Union, wird trotzdem viel Arbeit zukommen. Zum einen, um zu verhindern, dass zahlreiche Länder ihre Teilnahme im kommenden Jahr zurückziehen, zum anderen, um einen Missbrauch des Wettbewerbs für politische Zwecke zu verhindern. Die ersten Gespräche dazu finden im Juni in Genf statt. Sie werden spannend.

 
 
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