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Platz 21 - haha!

Cascada katapultiert Deutschland drei Jahre nach Lenas Sieg zurück in die Eurovisions-Steinzeit. Nicht wegen der Platzierung. Sondern weil es wieder in ist, über den ESC zu spotten.

Von Jens Maier, Malmö

  Platz 21 beim Eurovision Song Contest (ESC): Für Cascada war der Abend in Malmö eine bittere Pleite.

Platz 21 beim Eurovision Song Contest (ESC): Für Cascada war der Abend in Malmö eine bittere Pleite.

Vernichtender könnten die Urteile nicht ausfallen. "Sie wirkte, als fühle sie sich nicht wohl in ihrem viel zu engen Goldfummel", ist auf "Süddeutsche.de" einen Tag nach ihrem schlechten Abschneiden in Malmö über Cascada zu lesen. Fast noch harmlos dagegen die "Cascada-Klatsche", von der Bild.de spricht. Doch nicht nur über den Auftritt von Natalie Horler wird in deutschen Medien gelästert, sondern vor allem über den Wettbewerb an sich. "Wer auf biedere 08/15-Nummern steht, wird auch im kommenden Jahr wieder einschalten", schreibt "Spiegel-Online". Und die Online-Ausgabe der "Welt" fordert gar: "Der ESC muss gar nicht mehr abgehalten werden".

Comeback der Lästermäuler

Drei Jahre nach Lenas famosem Sieg in Oslo ist es wieder in, über den Grand Prix zu lästern. Alle sorgsam gepflegten Klischees und Vorurteile werden hervorgeholt. Es sei ein Wettbewerb von miserablen Künstlern, die sich in Glitzerfummel werfen, ist da plötzlich zu lesen. Ein Reigen des schlechten Geschmacks, bei dem kommerziell angepasste Musik zum Besten gegeben werde und sich Länder gegenseitig die Punkte zuschustern würden. Kurioserweise sind es meist die gleichen Journalisten, die vor drei Jahren in Jubel ausbrachen, als "Lovely Lena" erst Deutschland und dann Europa verzauberte, die das schreiben. Alles vergessen.

Sicherlich kann man den Auftritt Natalie Horlers kritisieren. Die Showtreppe auf der sie stand zum Beispiel, die eigentlich im Nebel schweben sollte, die aber am Ende doch wie ein Baugerüst aussah. Oder ihren Song "Glorious", der vielen als Kopie von Loreens Siegertitel "Euphoria" erschien. Man mag auch die Ausreden komisch finden, mit der sich der für den ESC verantwortliche deutsche Sender NDR plötzlich aus der Affäre ziehen will. "Da stand nicht nur Cascada auf der Bühne, da stand auch Deutschland auf der Bühne", sagte NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber und deutet damit an, dass die wenigen Punkte für Deutschland auch eine Abstimmung über die Politik von Angela Merkel gewesen sei. Eine gewagte These. Denn auch die Länder, die nicht unter dem deutschen Spardiktat zu leiden haben, riefen nicht für Deutschland an.

Aber wer den diesjährigen Eurovision Song Contest als angepassten Musikschund zu schmähen versucht, als langweilige Show mit allerlei Kuriositäten, der hat offenbar nicht richtig hingesehen. Da war der fantastische Auftritt des Italieners Marco Mengoni (Platz 7), der ohne Feuerwerk und Windmaschinen-Schi-Schi auskam und sein "L'Essenziale" frech von der Bühne rotzte. Wow! Oder der herrlich unangepasste Song des Brillenhipsters Alex Márta (Platz 10) aus Ungarn, der den Deutschen zwölf Punkte wert war, die Gänsehaut-Ballade "Birds" von Anouk (Platz 9) aus Holland oder der Gute-Laune-Pop von Gianluca (Platz 8) aus Malta. Ganze acht der 26 Titel wurden in Landessprache vorgetragen - ein wichtiger Hinweis darauf, dass eben nicht der Kommerzialisierungshammer zugeschlagen hat.

Mit Loreen und "Euphoria" brachte der Eurovision Song Contest im vergangenen Jahr einen Sieger hervor, der sich in über 20 Ländern Europas in den Charts platzierte und auch in Deutschland über Wochen auf Platz eins der Hitliste stand. Auch das wird gerne vergessen, wenn jetzt in deutschen Feuilletons von der Malmöer Freakshow zu lesen sein wird - fast so als bestünde Deutschland nur aus feingeistigen Musikkennern, die ihre Abende in Jazzkellern, in der Oper oder bei Liederabenden verbringen würden. Die Wirklichkeit heißt Lady Gaga oder Helene Fischer.

Manchmal wird Mut belohnt

Und wie soll es nun nach dem schlechten Abschneiden von Cascada mit dem Eurovision Song Contest in Deutschland weitergehen? Vielleicht nehmen wir uns ein Beispiel an Norwegen. Dort landete Sänger "Tooji" im vergangenen Jahr auf dem letzten Platz. Statt die Abschaffung des ESC zu fordern, schickte Oslo Sängerin Margaret Berger mit einer unangepassten Elektropop-Nummer nach Malmö. Gewagt, aber manchmal wird Mut belohnt. Berger wurde Vierte und beweist: Nach einer Niederlage geht die ESC-Welt nicht unter.

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