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Österreichs verkrampfter Umgang mit Conchita Wurst

Nach fast 50 Jahren hat Österreich wieder den ESC gewonnen. Doch nicht alle Österreicher wollen sich über den Triumph von Conchita Wurst freuen. Insbesondere die Politik eiert herum.

Von Carsten Heidböhmer

  Conchita Wursts bei der Ankunft am Wiener Flughafen. Nicht alle Österreicher konnten sich über den Sieg beim ESC freuen.

Conchita Wursts bei der Ankunft am Wiener Flughafen. Nicht alle Österreicher konnten sich über den Sieg beim ESC freuen.

Der Sieger-Sekt war in den Gläsern noch nicht ganz verperlt, da begutachteten die ersten Journalisten schon den Scherbenhaufen. Österreich hatte gerade den Eurovision Song Contest 2014 gewonnen, zum ersten Mal seit 48 Jahren. Doch spontane Freude mochte nicht aufkommen. "Song Contest 2015: Jetzt heißt's schon mal sparen" lautete die Überschrift eines Artikels, der in der Nacht zum Sonntag um 1.51 Uhr auf www.krone.at erschien, dem Online-Portal von Österreichs größter Boulevard-Zeitung. Da war der historische Triumph von Conchita Wurst noch keine zwei Stunden alt. Euphorie sieht anders aus.

Und auch die Leser der Zeitung schien der Erfolg kalt zu lassen. Bei einem Online-Voting auf dieser Seite beantworten 75 Prozent die Frage "Sind Sie stolz auf Conchita Wurst?" mit Nein. Erstaunlich, bei einem Land, das - mit Ausnahme von Wintersport - bei internationalen Großereignissen fast nie eine größere Rolle spielt.

Verkrampfte FPÖ-Politiker

Dennoch zwingt der historische Erfolg einige österreichische Spitzenpolitiker, atemberaubende Kehrtwenden hinzulegen. Etwa Heinz-Christian Strache, den Vorsitzenden der rechtsgerichteten FPÖ: "Ist es jetzt ein 'Es', ein 'Er' oder eine 'Sie'", hatte Strache vor dem Wettbewerb gesagt. Nun sieht er sich zur Gratulation genötigt. Auf seinem Facebook-Account schreibt er: "Ich gratuliere Tom Neuwirth alias Conchita Wurst zur künstlerischen Leistung und zum Sieg beim diesjährigen Song Contest!"

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Ganz so weit wollte dann Harald Vilimsky, Spitzenkandidat der FPÖ für die EU-Wahl, nicht gehen. In der ORF-"Pressestunde" sagte er kühl: "Aus meiner Sicht ist das in Ordnung, wenn da jemand gewinnt und sich die Leute freuen."

Auch der österreichische Kabarettist Alf Poier musste Abbitte leisten. Vor dem Wettbewerb hatte er heftig gegen die Teilnehmerin gestänkert: "Mit dieser verschwulten Zumpferl-Romantik kann ich nichts anfangen", sagte Poier und bezeichnete Wurst als" künstlich hochgezüchtetes Monster". Doch am Montag entschuldigte er sich per Facebook "für die meinerseits wieder einmal übertriebene Wortwahl". Zuvor hatte er an gleicher Stelle artig gratuliert: "Auch wenn Dein Beitrag nicht nach meinem Geschmack war. - Aber Platz 1 für Österreich ist sensationell."

In Deutschland wäre es auch nicht besser

Aus deutscher Sicht ist allerdings jegliche Häme über den krampfigen Umgang unseres Nachbarlands mit der Siegerin unangebracht. Als Deutschland vor vier Jahren den ESC gewann, versank das Land zwar in einen ungetrübten Freudentaumel. Allerdings fiel es nicht schwer, sich mit der knuddeligen Lena zu freuen. Mit einer bärtigen Frau im Abendkleid hätten wohl auch hier viele gefremdelt. Wie die Reaktionen hätten aussehen können, davon gibt der aktuelle Beitrag von "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner eine Ahnung: "Ich persönlich liebe keine Frau mit Bart", schreibt Wagner kühl über den Sieg Österreichs. Für Lena fand er damals ganz andere Worte: "Deutschland ist blind verliebt in Lena."

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