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Auf nach Baku - jetzt erst recht

Menschenrechtsverletzungen und Schwulenfeindlichkeit: Vielen Fans ist die Lust auf Baku vergangen. Warum sie die Reise trotzdem antreten sollten.

Von Jens Maier, Baku

Das wird der beste Eurovision Song Contest aller Zeiten", verspricht Tahir Mammadov vollmundig. Als Pressesprecher des aserbaidschanischen Fernsehsenders Ictimai TV ist es sein Job, solche Sätze zu sagen. Ob die eigens gebaute Halle, die in Deutschland gestaltete Bühne oder die geplante Show mit Licht- und Feuerwerkspektakel - das Beste ist für Baku gerade gut genug. Auch die fein herausgeputze Innenstadt mit ihren prächtigen Fassaden soll Besucher in Bakus Bann ziehen. Das Problem ist allerdings: Vielen ist die Lust auf Aserbaidschan vergangen.

Aus Deutschland werden nur zirka 130 Fans anreisen, schätzt Klaus Woryna, Vorsitzender des Fanclubs OGAE Germany. Die Gründe für die vergleichsweise geringe Zahl sind unterschiedlich. Einige haben abgesagt, weil die Flüge zu teuer sind oder weil sie ihre Suche nach einem günstigen Hotelzimmer entnervt aufgeben mussten. Andere sind abgeschreckt von Horrorgeschichten über Schwulenfeindlichkeit und Menschenrechtsverletzungen in Aserbaidschan und boykottieren aus Prinzip. "Insgesamt überwiegt die Skepsis und die Furcht, sich in Aserbaidschan nicht wohl zu fühlen", sagt Woryna. Das Unwohlsein lässt sich in drei Fragen zusammenfassen: Ist Baku sicher? Auch für Schwule? Und wenn ja, darf ich da überhaupt Spaß haben?

"Wir sind kein schwulenfeindliches Land"

"Jeder Besucher ist hier sicher", wiederholen die Gastgeber gebetsmühlenartig. Doch wie verlässlich sind die offiziellen Angaben? "Wenn ich hier nachts vor die Tür gehe, ist das sicherer als in jedem Winkel Londons", sagt Idris Roberts. Der 37-Jährige Walliser lebt seit einem Jahr in Baku und arbeitet als Architekt für eine britische Firma, die eines der zahlreichen neuen Hochhäuser errichtet. "Ich hatte hier noch nie ein ungutes Gefühl. Es gibt keine Taschendiebe und Überfälle schon gar nicht." Zwar gebe es in den Vorstädten auch Kriminalität, aber in der Innenstadt müsse sich keiner Sorgen machen.

Trotzdem steht das Telefon bei Kamran Razayew derzeit nicht still. Der 39-Jährige lebt offen schwul und leitet die Organisation Gender & Development, die sich um die Belange von Homosexuellen kümmert. "Alle wollen wissen, wie gefährlich es hier für Schwule ist", sagt er. "Denen erkläre ich dann, dass wir nicht der Iran sind. Wir sind kein schwulenfeindliches Land." Zwar sei Homosexualität ein gesellschaftliches Tabuthema, aber es gebe weder Gesetze gegen Schwule noch habe er je Gewalt gegen Schwule beobachtet. Das Auswärtige Amt in Berlin, das noch vor wenigen Wochen auf seiner Homepage homosexuelle Reisende zu besonderer Vorsicht geraten hat, ließ diesen Hinweis inzwischen abschwächen: Von "intimem Umgang in der Öffentlichkeit" wird jetzt abgeraten. Das bestätigt auch Razayew: "Händchen halten geht, küssen nicht."

Weniger Probleme haben die Menschen im muslimischen Aserbaidschan mit dem Alkohol. Getrunken wird offen und gerne. Auch im Euroclub, einer temporär eingerichteten Diskothek am Ende der Prachtmeile Bulvar mit Platz für hunderte Besucher, darf gefeiert werden. Doch so manchem Fan werden beim Tanzen statt Europop die mahnenden Worte des Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung Markus Löning in den Ohren klingen: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Lieder trällern kann, während ein paar Kilometer weiter Leute ohne Grund im Gefängnis sitzen", sagt er. Obwohl Aserbaidschan siebtgrößter Erdöllieferant Deutschlands ist, bedarf es offenbar eines Schlagerfestivals, um die Menschenrechte zum Thema zu machen. So wird der Eurovision Song Contest 2012 zur Gewissensfrage: Darf ich in einem Land Spaß haben, in dem Gefangene misshandelt werden?

Oppositionelle halten von Boykott wenig

"Ja", sagt Sänger Jamal Ali, der nach einem Auftritt mit seiner Band "Bulistan" ins Visier der autoritären Regierung geraten ist. Der 25-Jährige hat in einem Song die Präsidentenfamilie beleidigt und wurde deshalb vorübergehend verhaftet. Im Gefängnis sei er geschlagen worde, berichtet Ali, der inzwischen in den Untergrund abgetaucht ist. Obwohl er die Lieder beim Song Contest für "Scheißmusik" hält, hofft er, dass zahlreiche Besucher nach Baku kommen. "Kommt her, schaut euch das an", sagt er, "aber fahrt auch in die Vororte, guckt euch die Armut außerhalb Bakus an und lasst euch nicht vom schönen Schein blenden." Ein vom Westen diskutierter Boykott, darin ist er sich mit fast allen Oppositionellen im Land einig, würde den Menschen im Land nichts nützen.

Klar sei, dass die aserbaidschanische Führung mit dem Wettbewerb ihr Image aufpolieren wolle, sagt ein hochrangiger europäischer Diplomat. "Das wird ihr aber nicht gelingen", ist er sich sicher, gerade weil Journalisten und Fans vor Ort seien. Bleibt die Frage, was passieren wird, wenn am 27. Mai alle Teilnehmer, Journalisten und Besucher wieder abgereist sind. Die Vorstellung, dass der Wettbewerb Reformen in Gang setzen könnte, scheint utopisch. "Wenn man sich öffnen wollte, hätte man nicht auf den Song Contest warten müssen", sagt der Diplomat.

"Ein Lied kann eine Brücke sein" hat Joy Fleming 1975 gesungen. Obwohl sie damit nur den 17. Platz belegte, ist ihr Lied inzwischen so etwas wie die inoffizielle Hymne des Eurovision Song Contest geworden. Es geht darin um Völkerverständigung und Freundschaft. Ob es gelingen wird, diesen Geist nach Baku zu tragen, ist unklar. Wenn, dann nur dank der vielen Fans aus ganz Europa. Ein Versuch ist es wert.

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