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Rotbäckchen fährt nach Oslo

Eine Überraschung blieb aus, Favoritin Lena Meyer-Landrut machte bei "Unser Star für Oslo" das Rennen. Knapp wurde es dennoch. Vielleicht auch, weil Jennifer Brauns Song merkwürdig vertraut klang.

Von Ingo Scheel

  • Ingo Scheel

Eine neue Nicole?" fragte stern.de am Tag nach der ersten Show vor einigen Wochen, jetzt ist diese Frage von der Siegerin selbst mit "Ja, verdammte Scheiße!" beantwortet worden. Lena Meyer-Landrut, die sich bereits damals "so hart freute", konnte sich in der Finalshow von "Unser Star für Oslo" kaum wieder einkriegen, als feststand, dass sie Deutschland mit dem Song "Satellite" beim Eurovision Song Contest vertreten wird.

In der Entscheidungsshow, die zum Abschluss der Vorentscheid-Sause in der ARD 4,5 Millionen Zuschauer guckten, wurde den Finalistinnen Lena und Jennifer einiges mehr abverlangt als in den Sendungen zuvor. Nicht nur der vermeintliche "Star für Oslo" sollte gefunden werden, sondern dazu auch gleich noch der passende Song. So gab es diesmal weder zerspielte Cover-Classics von Frau Braun noch abseitiges Indie-Zeug von Lena Meyer-Landrut, stattdessen wurden ganz neue Kompositionen gesungen.

Oslo oder Stockholm - Hauptsache Norwegen

Die Juryplätze neben Stefan Raab, auf der Zielgeraden seines Unternehmens "USFO" fast aufgeregter als die Kandidaten, besetzten Jennifer-Double Stefanie Kloß von Silbermond und der deutsche "Godfather of Soul", Xavier Naidoo. Der zeigte sich ähnlich eso-emotional wie seine Vorgängerinnen Nena oder Anke Engelke und wollte vor allem eins: berührt werden. Während die Jury ihren Job also leidlich souverän erledigte, griff Sabine Heinrich gleich zu Beginn daneben, verlegte die Moderatorin den Ort des Finales Ende Mai doch mal eben nach Stockholm. Was soll's? Oslo oder Stockholm - Hauptsache Norwegen. Das dachten sich auch die beiden Finalistinnen und lieferten, Ex-Juror König Boris hätte seine Freude gehabt, im Dienste der Sache gewohnt "geil" ab.

Schien der erste Song "Bee", ein sommerlicher Popsong, aus dem ohrwurmigen Koordinatensystem "Lemon Tree", Jack Johnson und Biene Maja, noch Lena auf den Leib geschrieben, wurde das Rennen mit dem zweiten Song, "Satellite", dann wieder offener. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er von beiden in jeweils verschiedenen Versionen "performt" wurde. Das kam dann dem "Approach" und der "Appearance", wie der beseelte Sohn Mannheims es nannte, durchaus entgegen und bot Raum für individuelle Stärken. So brachte Jennifer Braun das Stück als groß angelegte Power-Ballade anglo-amerikanischer Prägung, während sich Lena den Song in einer schnelleren Version flugs zu eigen machte und ihn mit Sprechgesang und Tonverbiegungen in eine Reihe mit ihren Coversong-Beiträgen stellte.

Mit Track Nummer drei gab es dann, so das Prozedere, unterschiedliche Songs. Lena trat mit Raabs Eigenkomposition "Love me" an, zu dem die Hannoveranerin selbst den Text verfasst hat. Jennifer Brauns Wahl fiel auf "I Care for You", einen treibenden Funktrack mit großem Refrain, an dem Max Mutzke mitgearbeitet hatte. Das anschließende erste Zuschauervoting bestimmte dann den jeweiligen Siegersong. Für Lena wurde es "Satellite", komponiert vom Dänen John Gordon und der US-Amerikanerin Julie Frost.

Jennifer Braun punktete mit ihrem eigenen Favoriten, der beim Publikum beinahe so euphorische Reaktionen hervorrief wie sonst nur Lena-Ausführungen über Lippenstift mit Mezzomix-Geschmack. Vielleicht auch deshalb, weil er nicht nur eingängig, sondern auch merkwürdig vertraut klang. Mag es für Jennifer Braun noch so schade sein, der ARD bzw. Raab bleiben durch ihre Niederlage möglicherweise Komplikationen erspart. Man weiß nicht, wie viel Spaß der Songschreiber von Earth, Wind & Fires "September" wohl versteht, sollte ihm jemals "I Care for You" zu Ohren kommen.

Lena völlig aufgelöst

Verstehen konnte auch Lena nicht, die Welt nämlich, als nach dem zweiten Zuschauervoting des Abends feststand, was sich seit Wochen abgezeichnet hatte: Die 18-jährige Abiturientin aus Hannover vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest in Oslo. Völlig aufgelöst, mit knallroten Wangen und Tränen im Gesicht, versuchte sie am Ende Haltung zu bewahren, was ihr kaum gelang. Und dann musste sie zum Abschluss auch noch singen. Vergass Textzeilen des Siegersongs, improvisierte wirr und machte im Instrumentalteil ihrem Herzen endlich Luft: "Verdammte Scheiße!" brachte sie ihr Gefühlsleben lautstark auf den Punkt. So funky-fäkal ist Deutschland wohl noch nie zum Grand Prix gefahren.

"Wunder gibt es immer wieder" sang Katja Ebstein einst und warum sollte es 2010, gegen "Scha-La-Lie"-Käse aus Holland, Trachtenmurks aus der Slowakei und segelohrige Ross-Anthony-Doubles aus der Schweiz nicht mal wieder für eine einstellige Platzierung reichen. Die letzte Lena, die für Deutschland startete, hieß mit Nachnamen Valaitis und belegte 1981 mit "Johnny Blue" den zweiten Platz. So "verdammt derbe" weit oben muss es ja vielleicht nicht gleich sein, aber "Germany: Twelve Points. L'Allemagne: Douze Points. Deutschland: Zwölf Punkte" würde man nicht zuletzt Fräulein Meyer-Luftsprung das eine oder andere Mal wünschen.

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