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Der Zivi der Nation

Er ist 24 und hat Groupies im Seniorenheim: Florian Silbereisen ist der Gottschalk der Volksmusik. Wie konnte das passieren? Porträt eines Überzeugungstäters.

Von Alexander Kühn

Es gibt Menschen, denen wird übel von so viel Zuckrigkeit. Kulissen wie aus Marzipan, die Moderationen honigsüß, drei Stunden Volkstümlichkeit mit der Wucht einer Sahnetorte.

Und es gibt Menschen, die möchten am liebsten einen Schmatzer auf den Mund drücken oder einen Zehner in die Hand. Weil der Bub so gut erzogen ist und so herzlich - wo gibt's das noch!

Eine dritte Gruppe steht all dem fassungslos gegenüber. Ein 24-Jähriger, der mit seinen "Festen der " regelmäßig um die sieben Millionen Zuschauer beglückt, deren Altersschnitt bei 65 liegt? Ist da was schief gelaufen?

Messehalle Erfurt, ein Freitag im Februar. Herein strömen ältere Damen mit Goldbroschen und ältere Herren mit Krawatte unterm Pulli. Ein Meer von Glatzen und frisch gelegten Dauerwellen. Heute gastiert hier das "Überraschungsfest der Volksmusik", die Tour zur Fernsehshow. Eine Papp-Schneelandschaft dient als Kulisse. Hinter der Bühne läuft Florian Silbereisen auf und ab und sagt: "Ich bin ein bissel aufgeregt. Und erkältet bin ich auch." Durch den Vorhangspalt lugt er in den Saal, schickt ein stummes Gebet zum Himmel, wie jeden Abend.

Er wird heute wieder DJ Ötzi ansagen, das Naabtal Duo und das Fernsehballett; er wird auf seiner Harmonika spielen und dazu das blondgesträhnte Haar schütteln; und er wird sich eine Perücke aufsetzen, in ein Dirndl schlüpfen und um die Wette jodeln mit der 86 Jahre alten Maria Hellwig, was in der Tat höchst unterhaltsam ist, er selbst wird bei all dem riesig Spaß haben, und Frau Hellwig wird später, auf der Fahrt zum Hotel, schwärmen: "Der Bua is ja so tüchtig!"

Seit November ist die Truppe - mit Unterbrechungen - auf Tour. Fahrt zur nächsten Halle, Soundcheck, Warten, Auftritt, Hotel. Nächster Tag, nächste Stadt. Silbereisens Geburtsort wird am 15. Mai die letzte Station sein.

Musik. Stimme aus dem Off: "Hier ist Deutschlands jüngster Showmaster!" Jubel. Applaus. Silbereisen spaziert im weißen Anzug die Showtreppe herab und ruft: "Vielen, vielen herzlichen Dank!" Sagt, dass es schön ist, in Erfurt zu sein, und bei "Erfurt" reckt er die Faust in die Höhe. Er kündigt an, dass Patrick Lindner seine größten Hits "heute nur für Sie" singen werde, und deutet ins Publikum.

Der Höhepunkt jedes Abends: Silbereisen sagt, "Mein lieber Freund!", da seien ja nur schneidige Damen im Saal; zwei von ihnen bittet er auf die Bühne, sie legen eine Federboa um, tanzen mit ihm Samba, singen "Du bist so heiß wie ein Vulkan". In Erfurt heißen sie Waltraud und Gisela. In Zwickau Helga und Birgit. In Stuttgart Margot und Doris. In Straubing Erika und Rosa. Der Saal kreischt vor Vergnügen. Ist die Show vorbei, gibt Silbereisen Autogramme, und keine Hand bleibt ungeschüttelt und keine Oma ungedrückt.

Leute verarschen? Kann der Raab besser. Harmlose Mitbürger beleidigen? Soll der Pocher machen. Interessiert Silbereisen nicht. Könnte er auch gar nicht. Sein Vorbild ist Peter Alexander.

Nach dem Erfurter Auftritt sitzt Silbereisen an der Hotelbar vor einem Glas Rotwein, weil Weißwein ihm Sodbrennen macht, und steckt sich eine Marlboro Medium an. Das Rauchen möchte er sich auf der Tour abgewöhnen. Und abnehmen. Aber wenn dann nachts wieder der DJ Ötzi mit einer Tüte von McDonald's ankommt wie neulich, wird das schwierig.

Die Bedächtigkeit seiner Bühnensprache ist einer jugendlichen Lockerheit gewichen, und er gibt sich auch nicht mehr so viel Mühe mit dem Hochdeutschen. Er lacht über Witze, die gar nicht rentnerfrei sind, und wenn ihn etwas erstaunt, sagt er nicht "Mein lieber Freund!", sondern ruft: "Leck mi nieder!" Er erzählt vom Tauchen und vom Tennisspielen, und irgendwann hat man das Gefühl, einem ganz normalen 24-Jährigen gegenüberzusitzen. Wenn man ihm dann aber sagt, dass viele junge Menschen angesichts einer jodelnden 86-Jährigen schreiend davonlaufen würden, kann er das nicht so richtig nachvollziehen. Silbereisen würde sich auch nie abfällig über sein Publikum äußern, nicht einmal nach dem dritten Wein. "Es ist schön, wenn man einen guten Draht hat zu älteren Leuten", sagt er. "Ich hab großen Respekt vor ihnen."

Stellt man sich die ARD als Altersheim vor und die Zuschauer als Bewohner, dann ist Silbereisen der Zivildienstleistende, der den bunten Abend veranstaltet. Bevor er zum Zivi der Nation wurde, war er Zivi im niederbayerischen Vilshofen, im Haus der Senioren. Morgens las er den Bewohnern aus der Zeitung vor - und dachte sich bei öder Nachrichtenlage auch mal einen Banküberfall aus.

Das Haus der Senioren ist aus Backstein, dahinter liegt ein Park. In einem Rollstuhl auf dem Flur sitzt Therese Niedermaier, 78; ihr Aschenbecher quillt fast über. Zivi Silbereisen und sie, das war wie Omi und Enkel. "Schön war er!", sagt die Frau Niedermaier, und dass er mit ihr einkaufen gegangen ist. Das Sprechen bereitet ihr Mühe, aber ihre Augen glänzen. Zweimal hat er ihr auf der Harmonika ein Konzert gegeben, nur ihr, auf ihrem Zimmer. Ein weiterer Bewohner schaltet sich ein: "Der Silbereisen hat an' Charakter! Der kann den Leut' in d' Augen schaun! Aber er hat sich hier lang nimmer sehen lassen." Und der Heimleiter, der Herr Lechner, sagt, das müsse man verstehen, "der ist jetzt nicht mehr unser Florian, der gehört jetzt vielen".

2003 kaufte das ZDF der ARD

Carmen Nebel weg, die Moderatorin der beliebten "Feste der Volksmusik". Programmdirektor Günter Struve, also so was wie der Heimleiter der ARD, gab die Parole aus: Nachfolgen müsse eine wie Nebel: Frau, blond, aus dem Osten. Stefanie Hertel zum Beispiel. Udo Foht, Unterhaltungschef des für die Show zuständigen MDR, schlug Silbereisen vor. Wen?, fragte Struve. Na, den Jungen mit der Harmonika. Ach der, sagte Struve, ohne zu wissen, von wem die Rede war.

Manche sagen, nicht mal Silbereisens damaliger Manager Hans R. Beierlein sei von der Wahl überzeugt gewesen. Was der freilich bestreitet. Beierlein, 76, hat Udo Jürgens groß gemacht und Gilbert Bécaud nach Deutschland geholt. Heute produziert er noch Silbereisens Platten, das Management hat Michael Jürgens, 38, übernommen, der Erfinder der "Feste der Volksmusik". Bei ihm fühlt Silbereisen sich besser aufgehoben.

Jürgens schreibt die Moderation, und er denkt sich Kunststückchen für seinen Schützling aus. Silbereisen studiert die Nummern ein, mit einem Perfektionismus, wie man ihn allenfalls von Rudi Carrell kennt. Über ein Hochseil gelaufen ist Silbereisen in der Show und auf einer Kuh geritten; mit Mireille Mathieu hat er gesungen, und er ist händchenhaltend mit Dagmar Koller über die Bühne spaziert; all das muss man sich erst mal trauen.

Tiefenbach bei Passau. Der Ortskern besteht aus der Kirche und dem Edeka, und man nennt den Nachnamen vor dem Vornamen. Hier ist der Silbereisen Florian aufgewachsen, als jüngstes von fünf Kindern, Vater Bauhofleiter, Mutter Hausfrau; die beiden sind inzwischen getrennt. Hier hat er Rainhard Fendrich aufgelegt und dazu seine erste Freundin geküsst. Hier hat er sich ein Haus gebaut, direkt neben dem Elternhaus.

Für andere mag das Kleinbürgerliche, Bodenständige Grund sein zur Rebellion - für Silbereisen war es das Nest, in dem er sich eingerichtet hat. Doch, eine Pubertät habe er schon durchlebt, sagt er. Pickel. Auch Zoff mit den Eltern. "Aber im Nachhinein muss ich zugeben: Sie hatten fast immer Recht", sagt er. Dass er die Volksmusik verflucht hätte, das gab es nie. Nach der mittleren Reife hat er kurz überlegt, eine Banklehre zu machen - die Liebe zur Harmonika war stärker.

Vielleicht fühlt Silbereisen sich in der volkstümlichen Szene so wohl, weil sie nicht viel größer als Tiefenbach ist: eine Ansammlung vertrauter Gesichter, ein Ort ohne große Überraschungen. Es gibt 20, 30 Größen in der Branche. Die dicken Wildecker gehören dazu, das Naabtal Duo, Patrick Lindner. Man kennt sich. Selbst sein "Schatzl", die Michaela, hat er in der Szene kennen gelernt: Ihre Schwester ist die Frau von Andy Borg, dem künftigen Moderator des "Musikantenstadls".

In Tiefenbach gibt es eine Franz-Silbereisen-Straße, benannt nach Florians Opa. Der war Bürgermeister, ein angesehener Mann. Enkel Florian hat ihn sehr gern gehabt. Von ihm bekam er seine erste Harmonika, mit der er bei Geburtstagen auftrat und in Bierzelten. Und weil er die Quetschn spielte, also Harmonika, hieß er bei seinen Kumpels "der Quetschi". Mit zehn nahm Silbereisen seine erste CD auf, und Karl Moik lud ihn ein in seine Nachwuchssendung "Wie die Alten sungen". Weil das Publikum so aus dem Häuschen war, durfte Silbereisen bereits eine Woche später in Moiks "Musikantenstadl" aufspielen. Mit 21 moderierte er im MDR seine erste Sendung, "Mit Florian, Hut und Wanderstock", in der er singend den Rennsteig überquerte.

An diesem Samstag

präsentiert der Quetschi live aus Chemnitz das "Frühlingsfest der Volksmusik". Am Ende der Show wird er wieder Kusshände ins Publikum werfen und sagen "Bleiben oder werden Sie gesund!". Am Freitag darauf zeigt die ARD Silbereisens ersten Spielfilm, "König der Herzen", schnulzig-kitschig, happy endend.

Es gibt Leute, die möchten Silbereisen aus der Schunkelecke ins normale Leben holen. "Sie wollen ihn aus einem Gefängnis befreien, das er nicht als solches empfindet", sagt sein Manager Michael Jürgens. Eines Tages standen geschäftstüchtige Menschen in dessen Büro und sagten, wenn sie Silbereisen managten, wäre der in drei, vier Jahren reif, "Wetten, dass ..?" zu übernehmen. Mit allem hatten sie gerechnet, nur nicht damit: dass Silbereisen daran gar kein Interesse hat.

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