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Amoklauf zu bayerischer Musik

Die Lieder heißen "Totmacher" oder "Untermensch", die Texte sind menschenverachtend, die Musik aggressiv. Auch der finnische Amokläuder Matti Juhani Saari hörte den Horror-Rock von Wumspcut. Dahinter steckt ein dubioser Musiker, der Kontakte zur rechten Szene hat und dessen Band mit einem Mord in Verbindung stand.

Von Malte Arnsperger

  • Malte Arnsperger

Ratzinger. Dieser Name hat im niederbayerischen Gangkofen einen guten Klang. Schließlich liegt Marktl, der Geburtsort von Papst Benedikt, nur wenige Kilometer entfernt. Auch Reiner Hermann, der Sprecher der verschlafenen Marktgemeinde Gangkofen, berichtet mit sichtlichem Stolz, dass er den Bruder des Heiligen Vaters kenne.

Doch Hermanns Miene verdüstert sich, wenn er auf einen Sohn der 7000-Einwohner Gemeinde Gangkofen angesprochen wird, der ebenfalls den Nachnamen Ratzinger trägt. Rudy Ratzinger. "Wenn man sich anschaut, was der macht, wird einem schlecht", sagt Hermann und schüttelt den Kopf. "Wer so etwas betreibt, kann nicht ganz richtig sein."

Amokläufer und Satansmord

Szenenwechsel: Rund 1600 Kilometer nördlich von Gangkofen liegt das finnische Städtchen Kauhajoki. Am 23. September tötete hier der 22-jährige Matti Juhani Saari zehn Menschen in seiner Berufsschule. Im Internet-Videoportal "Youtube" hatte der Amokläufer seine Tat zuvor angekündigt. Saari hatte sich den Namen "Wumpscut68" gegeben. "Wumpscut" ist das Musikprojekt eines Niederbayers mit prominentem Nachnamen. Rudy Ratzinger.

Rückblende: Sommer 2001. Das Ehepaar Daniel und Manuela Ruda tötet im westfälischen Witten ihren Bekannten, den 33-jährigen Frank Hackerts mit 66 Messerstichen. Die Tat geht als "Satansmord von Witten" in die Kriminalgeschichte ein. Auf der Wohnungstür und dem Auto der beiden Gothic-Fans finden Ermittler Aufkleber mit der Aufschrift "Bunkertor 7" - ein Albumtitel der Band "Wumpscut". Einige Monate nach dem Mord erscheint ein Wumpscut-Song dem Titel "Ruda", grotesk unterlegt mit Stimmen von Prozessbeteiligten und TV-Berichten über den Fall.

Der Rebell aus dem Dorf

Wer ist dieser Rudy Ratzinger, dessen Musik von einem Massenmörder verehrt wird, wer ist dieser Mann, der seinerseits einem Stück die Namen eines mörderischen Pärchens gibt? Rudolf Ratzinger wurde 1966 in Gangkofen geboren. Sein bereits verstorbener Vater betrieb jahrelang das Postamt im Teilort Hölsbrunn, seine Mutter war Lehrerin in der Dorfschule. Die Familie beschreiben ehemalige Nachbarn als unauffällig, die Ratzingers seien "Leute von uns" gewesen.

Heute lebt die Mutter mit ihrem Sohn Rudy im rund 30 Kilometer entfernten Landshut in einem fünfstöckigen Mietshaus an einer lauten Durchgangstraße Tür an Tür. "R. Ratzinger" steht am Klingelschild des Musikers. Nur kurz lässt sich der 42-Jährige an der Wohnung blicken. "Kein Kommentar", raunt der untersetzte Mann mit schwarzen Haaren und schwarzen Kleidung und schlägt die Tür hinter sich zu.

Ein scheuer, eigenwilliger Rebell: Schon zu Schulzeiten habe er den Sonderling gegeben, sagt ein ehemaliger Nachbar in seiner Heimatgemeinde. Der Junge habe lange Haare getragen und sich dunkel gekleidet – ein Tabubruch in der konservativen niederbayerischen Dorfidylle. Ein früherer Freund dagegen meint, als Teenager sei Ratzinger "ganz normal und friedlich gewesen". Man sei zusammen Motorrad gefahren und habe Rockmusik gehört. Erst mit Anfang 20 habe sich Ratzinger verändert. "Er hat abgedrehte Musik gemacht, schwarze Kleidung getragen und ist in andere Kreise abgerutscht", erzählt sein alter Kumpel. Zu diesem Zeitpunkt hat Rudy Ratzinger Hölsbrunn bereits verlassen, um in Landshut eine Ausbildung zum Industriekaufmann zu machen. Jahrelang legt er als Gothic-Diskjockey in München auf, teilweise nennt er sich "Kardinal Ratzinger". Anfang der 90er Jahre fängt er an, unter dem Namen "Wumpscut", einem Fantasiewort, selbst Musik zu machen.

Seite 2: Wumspcut, Gewalt und Kontakte nach Rechts

"Elektro-Industrial" wird genannt, was Ratzinger mit Hilfe des Computers zusammen mixt. Manche bezeichnen diese Stilrichtung des melancholisch-düsteren Gothic-Rock als "Endzeit-Industrial". Warum, ist kaum zu überhören: Die Musik ist monoton, hart und aggressiv. Sporadisch streut Ratzinger Textzeilen wie "Tot tot tot, ich mach dich tot, tot tot tot, von Blut alles Rot" ein. Seinen Alben gibt Ratzinger Namen wie "Cannibal Anthem" (das im Jahr des zweiten Gerichtsverfahrens gegen den Kannibalen von Rotenburg erschien), "Music for a Slaugthering Tribe" oder "Blutkind". Die Lieder heißen "Untermensch" oder "Totmacher", die CDs zieren Bilder von schrägen Comicfiguren, aber auch Verbrechern, Leichen oder Skeletten.

Die Gothic-Szene wehrt sich

Bluttriefende Texte und hämmernder Bass. Reicht das alleine aus, um aus einem jungen Menschen einen Mörder oder gar einen Amokläufer zu machen? Nein, sagen übereinstimmend Soziologen, Musikexperten und Gothic-Fans. "Man kann dafür nicht die Musik oder die Musiker verantwortlich machen", sagt Philip Akoto, Autor einer soziologischen Untersuchung über die Gothic-Szene und selbst Rock-Musiker. Es sei wie bei Gewalt-Computerspielen, meint Akoto. "Bei einer solchen Tat stecken andere psychische Störungen dahinter." Ähnlich argumentiert Torsten Schäfer vom Szenemagazin "Sonic Seducer". "Die allermeisten Gothic-Fans sind ganz normale friedliche Menschen. Die Musik alleine wird niemanden zu Gewalttaten anstiften." Aber der Soziologe und Akato gibt zu: "Die Musik und die Texte von Bands wie Wumpscut sind darauf angelegt, missverstanden zu werden. Und das muss nicht sein."

Dem Magazin "Zillo" sagte Ratzinger nach dem Satansmord von Witten: Er könne "nichts oder nur sehr wenig dafür,“ wenn sich Fans wie das Paar von Witten "derartig versteigt". Auch seine Anhänger wollen keinen Zusammenhang zwischen der Wumpscut-Musik und den Gewalttaten sehen. "Alle Schwarzträger, Gothics und Metalfreaks sind potentielle Amokläufer. Ich kanns nicht mehr hören", schrieb ein Fan einige Tage nach dem Zehnfachmord von Finnland auf der Myspace-Seite von Wumpscut. "Weiter so und fuck the Mainstream" schreibt ein anderer.

Verbindungen ins rechte Milieu

Rudy Ratzinger kann sich auf das Verständnis seiner Anhänger verlassen. Eine Unterstützung, die allerdings einem Mann gilt, der offen mit Neonazi-Symbolik kokettiert. So hat Ratzinger mit der Band "Blutharsch" zusammengearbeitet, die nach einem Urteil des Landgerichtes Frankenthal als Neonazi-Band bezeichnet werden darf. Auch hat Ratzinger nach Angaben des Magazins "Sonic Seducer" für seine Lieder Sprachausschnitte von NS-Richtern verwendet. In einem Wumpcut-Song sagt eine Kinderstimme deutlich hörbar: "Eines Tages werden wir die ganzen dreckigen Nigger und Juden töten und dann wird alles sauber sein." Einem seiner Alben hat Ratzinger den - auf Menschen bezogen - historisch belasteten Namen "Schädling" verpasst, eine andere Wumpscut-CD heißt "Music for a german tribe".

Worte, die bei Rechtsextremismus-Experten die Alarmglocken klingeln lassen. "Was Herr Ratzinger betreibt, riecht nach Verherrlichung des Nationalsozialismus. Das geht in den Bereich der Volksverhetzung", sagt Anton Maegerle, der seit vielen Jahren die rechte Szene beobachtet. Auch der Name "Wumpscut" ist Maegerle ein Begriff. Unter den bekennenden Fans seien Neonazis aus Deutschland und Großbritannien.

Ratzinger selber ließ auf seinen CDs verlauten: Wumpscut sei weder faschistisch noch rassistisch und auch sein Freund aus der Jugendzeit sagt: "Rudy ist ganz bestimmt nicht rechts." Doch das reicht dem Magazin "Sonic Seducer" nicht, sagt Thorsten Schäfer: "Wir boykottieren Ratzinger, weil er sich nie wirklich glaubwürdig von der Band Blutharsch und den Rechtsextremismus-Vorwürfen distanziert hat."

Überhaupt scheint Ratzinger nichts von offensiver Öffentlichkeitsarbeit zu halten. Eine Interview-Anfrage von stern.de ignorierte der Wumpscut-Macher. Fragen beantwortet Ratzinger grundsätzlich nur per email, heißt es in der Szene. Unangenehme Nachfragen schließt er so aus. In den email-Interviews liebt es Ratzinger aber, das Ekel zu geben: Auf die Frage des Webmagazins "ragazzi.com" warum er denn gerne mit einem Präparator in der Pathologie sein Frühstücksbrötchen essen will, antwortet er: "Weil geronnenes Blut eine ähnliche Konsistenz wie Nutella hat".

Derweil spukt der schreckliche Rudy weiter durch Gangkofen, wenn auch nur virtuell. Auf der Wikipedia-Seite, die Gangkofen gewidmet ist, wird unter der Rubrik "Söhne und Töchter der Stadt" ein einziger Name aufgeführt: "Rudolf Ratzinger, *1966, Musiker"

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