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18. März 2009, 10:42 Uhr

Pop-Panther im Windkanal

Eine 60-Jährige im Stringtanga lässt auf der Bühne einen Hula-Hoop-Reifen kreisen und zeigt, was Erhabenheit bedeutet. Grace Jones ist auf Tour - und hat Deutschlands coolstes Publikum durchdrehen lassen. Von Sophie Albers

Grace Jones, Tourauftakt, Hurricane

Grace Jones ist auf dem Planeten Erde gelandet© Michael Gottschalk/DDP

Es ist anders als sonst. Da liegt ein Knistern in der Luft. Die militant coolen Berlin-Mitte-Vertreter sind nervös. Fast meint man, sie mit den Füßen scharren zu hören. Vereinzeltes Johlen, weil sich auf der Bühne so lange nichts tut. Als im Tempodrom dann endlich das Licht ausgeht, schreit die Masse erleichtert auf. Als hinter einem schwarzen Vorhang Lämpchen zu glühen beginnen, in rot und weiß, droht die Anspannung in Hysterie zu kippen. Die Leuchtpunkte bewegen sich, sie steigen immer höher. Atemlos folgen ihnen hunderte Augenpaare. Als der Vorhang fällt, und eine riesige Frau mit meterlangen Beinen auf einer Hebetribüne das macht, was man vor 20 Jahren "Voguing" nannte, dreht die Halle durch. Und da hat Grace Jones das Mikrofon noch nicht einmal an die Lippen gehoben.

Am Dienstagabend feierte auf der Berliner Bühne eine Legende Auferstehung. Und diese Rückkehr einer Popikone hatte wirklich etwas Religiöses. Wobei die Tochter eines Predigers von Anfang an klar machte, dass es sich um einen Götzendienst handelt.

60-Jährige mit Hula-Hoop-Reifen

Es ist kaum möglich, über Grace Jones zu schreiben, ohne in Superlative zu verfallen. Sie war die schönste der Wahrhol-Musen und das beste der bösen Bond-Girls. Sie hat bereits vor 35 Jahren Zukunftsmusik gemacht, war Supermodel und Drogenskandalnudel zugleich. Und im Jahr 2009 schafft sie es nicht nur nach 19 Jahren Pause künstlerische Kontinuität und Progressivität in einem brillanten Album namens "Hurricane" zu vereinen, Grace Jones steigt außerdem im Alter von 60 Jahren mit nicht mehr als einer Corsage und einer Katzenmaske bekleidet auf die Bühne, lässt singend einen pinkfarbenen Hula-Hoop-Reifen kreisen und verströmt trotzdem die Erhabenheit einer Gottheit des Pop. Aber weil es eben keine Götter gibt, ist dieser Pop-Panther im Windkanal der Musikgeschichte tatsächlich fleischgewordene Kunst.

Diese Frau, die seit den 70er Jahren als Model, Musikerin, Muse und Schauspielerin wirkt, deren nackter Körper in seiner Perfektion mehr beeindruckt als jede Designerrobe und deren eigenwilliger Charakter zuweilen einfach nur angsteinflößend ist, lebt in einem ganz eigenen Koordinatensystem. "Es gibt die Mitteleuropäische Zeit, es gibt die Pazifik Zeit, und es gibt die Grace-Jones-Zeit", hat einmal ein PR-Agent gesagt, als Jones sich um Stunden für ein Interview verspätete. In Berlin ist sie fast pünktlich. Nach knapp eineinhalb Stunden steht sie für gut eineinhalb Stunden auf der Bühne und bereitet einen Abend, den niemand hier vergessen wird.

Pop-Göttin im Stringtanga

Zeitlosigkeit ist die Erklärung dafür, warum die One-Woman-Show, die sich nicht großartig von denen in den 80ern unterscheidet, moderner wirkt als die letzte iPhone-Applikation. Jones ist wohl die einzige 60-Jährige auf der Welt, bei deren Anblick man das Gefühl hat, die Zukunft zu sehen. Und die außerdem einen Stringtanga tragen kann, der perfekt sitzt, selbst wenn sie ihren Hintern im prallen Scheinwerferlicht vibrieren lässt - auf beiden Seiten der Bühne. Keine Ahnung, welche Drogen Grace Jones nimmt, aber die sollte man vielleicht mal verteilen.

Grace Jones, Tourauftakt, Hurricane

"Jemand ist in meinen Armen gestorben"© Tobias Schwarz/Reuters

Mit ihrer drohend tiefen Stimme reanimiert sie ihren Hit "Slave to the Rhythm" und scheint ihn gleichzeitig neu zu erfinden. Kurz darauf zelebriert sie mit wunderschöner, mädchenhafter Singstimme "La vie en rose". Zu jedem Song gibt es ein anderes Kostüm, mal ein goldenes Hutungetüm à la geplatzte Auster und dann wieder nur ein Meter lange Teufelswimpern, die Jones direkt aus den Augen zu wachsen scheinen - "Devil's Eyes" eben. Und während die 1,80-Meter-Frau die Bühne, die Stadt, die Welt beherrscht, tanzt in der Saalkuppel der Schatten eines futuristischen Nosferatu, der manchmal plötzlich zur Cyber-Josephine-Baker wird. Ab dem zweiten Song ist das Publikum nicht mehr auf den Sitzen zu halten. Zum Kostümwechsel gibt es jeweils ein kleines Grace-Jones-Hörspiel aus dem Backstage-Bereich: "Ich brauche kein Glas, ich brauche eine Flasche Wein" oder auch "Habt Ihr schon Angst?". Raubtierlachen.

"Ich liebe dich zum Leben"

Wenn der Laser, unter dem sie tanzt, ihre Haut trifft, scheint es kleine weiße Explosionen zu geben. "Die ist nicht echt", raunt ein Mann mit kahl rasiertem Schädel. Doch dann sagt Jones plötzlich: "Jemand ist in meinen Armen gestorben. Um das aus mir rauszukriegen, habe ich ein Lied schreiben müssen." Es folgt das gar nicht traurige "Love you to Life" (Ich liebe Dich zum Leben). Grace Jones ist einer der wenigen Menschen auf dieser Erde, der keine Angst vor dem Leben hat. Dem Universum sei Dank, dass sie sich entschlossen hat, wieder ins Scheinwerferlicht zu treten. Zwei Begegnungen der dritten Art sind in Deutschland noch möglich: am 25. März in Frankfurt am Main und am 26. März in Düsseldorf.

Von Sophie Albers
 
 
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