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8. März 2007, 12:27 Uhr

Zu zahm für Europas Musikzirkus

Heute Abend streiten Heinz Rudolf Kunze, Roger Cicero und Monrose um das Ticket zum Eurovision Song Contest in Helsinki. Egal wer gewinnt - über brave Handwerkskunst kommen die deutschen Bewerber nicht hinaus. Von Carsten Heidböhmer

Grand-Prix-Vorentscheid

Professionell, aber glatt: Die Girlband "Monrose" möchte Deutschland beim Eurovision Song Contest in Helsinki vertreten© Roland Magunia/DDP

"Wie sie geh'n und steh'n / Wie sie dich anseh'n / ... Frau'n regieren die Welt": Zu sattem Big-Band-Sound schmettert Swing-Sänger Roger Cicero seine Hommage an das vermeintlich schwache Geschlecht - es ist schließlich Weltfrauentag. Heute findet aber auch der Vorentscheid zum Grand Prix statt. Und Cicero ist einer von drei Bewerbern um das deutsche Ticket nach Helsinki. Was liegt da näher, als sich mit einem Song beim weiblichen Teil des Publikums einzuschmeicheln - denn jede Stimme zählt.

Heinz Rudolf Kunze versucht es da lieber mit einem Lied über den gegenwärtigen Zustand unserer Nation. Kein anderer ist so gut darin, Nachdenklichkeit vorzutäuschen. "Vom Meer bis an den Alpenrand/ ein ausgelassnes Lockerland", singt er. Und dann im Refrain: "Die Welt ist Pop, die Welt ist gut". Natürlich meint er das gar nicht so. Ist doch - zwinker, zwinker - alles nur Spaß, Ironie. Das könnte die Akademiker unter den Zuschauern an die Telefone treiben. Diejenigen, die sich zu gut abgehangenen Rock-Klängen aus der Zeit ihrer Jugend immer wieder ihrer kritischen Intelligenz vergewissern.

Zwei nachvollziehbare Strategien, um in Deutschland Stimmen zu sammeln. Doch was macht Herr Cicero am 12. Mai in Helsinki? Dann ist der Weltfrauentag schon lange vergessen. Wird sich Europa dann für eine handwerklich solide Musik begeistern, die ihre Blütezeit vor 70 Jahren hatte?

Und werden sich Studienräte aller Länder spontan für Heinz Rudolf Kunzes nationale Zustandsbeschreibung vereinigen, die im musikalischen Gewand eines Rolling-Stones-Songs der späten 60er Jahre daher kommt?

Wohl kaum.

Bleibt als dritte Möglichkeit immer noch Monrose. Das aus der Casting-Show "Popstars" hervorgegangene Mädchen-Trio hat auf den ersten Blick noch die besten Chancen, europaweit zu bestehen. Mit "Even Heaven Cries" haben die Drei eine solide produzierte R&B-Ballade im Gepäck, wie sie seit den 90er Jahren zum festen Radiorepertoire gehört. Musik, mit der Destiny's Child bereits vor zehn Jahren Welterfolge feierte.

Glatt und professionell

Als einzige der drei Bewerber verfügen sie über eine eigene Choreografie, ihr Bühnenbild ist aufwendig gestaltet, dazu tragen die drei geschmackvolle Kleider. Wer befürchtet hatte, dass Monrose die Erotik-Karte spielen, wird eines Besseren belehrt. Trotz ihres jugendlichen Alters geben sich Monrose durch und durch professionell und gereift.

Gerade darin liegt aber auch das große Manko des Trios. Von ihrem Management zu einem perfekten Produkt designt, verheißen Monrose soviel Aufregung und Abenteuer wie das Nachmittagsprogramm eines Formatradios. Zu wenig, um europaweit zu bestehen.

Schaut man sich die Wettbewerbe der letzten Jahre an, glichen diese eher einem bunten Zirkus, in dem sich die wildeste Kreatur durchsetzte - im vergangenen Jahr gewann mit Lordi sogar ein veritables Monstrum. Daneben wirken die deutschen Bewerber wie zahme Pudel. Die Veranstalter beim NDR könnten im nächsten Jahr ruhig etwas mehr Mut aufbringen. Dass die deutsche Musiklandschaft durchaus aufregende Acts zu bieten hat, beweist Stefan Raab seit Jahren mit seinem Bundesvision Song Contest.

Abstimmung

Wer soll für Deutschland nach Helsinki fahren?

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Von Carsten Heidböhmer
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
oldewurtel (09.03.2007, 23:31 Uhr)
gruselige show!
2007 heisst es für germany nur: 0 points. diese titel waren für diesen event unakzeptabel. wo bleibt frische gutelaunemusik mit pepp?
Freyja79 (08.03.2007, 17:52 Uhr)
nichts dazugelernt
Der Sieg Finnlands im letzten Jahr hat gezeigt, dass Retortenmusik und nackte Haut nicht reichen und der Zuschauer nicht zum millionsten Male ein belangloses Geträller hören möchte, das sich von den anderen nicht unterscheidet.
Mit Monrose droht uns genau diese substituierbare Musik ohne Wiedererkennungswert, die uns schon zahlreiche Male Platzierungen im hinteren Mittelfeld bis Schlusslicht beschert hat.
Feigheit der Macher muss eben bestraft werden.
ganzweitvorn (08.03.2007, 16:02 Uhr)
Kunzes Teilnahme ist eine Farce
Der NDR konnte wohl keinen dritten Bewerber mehr finden neben MONROSE und Cicero? Wie sonst ist es erklärbar, dass es den Teilnahmetitel von Herrn Kunze namens "Die Welt ist Pop" gar nicht als Single zu kaufen gibt.
Auf Nachfrage meines Händlers erklärte Kunzes Plattenfirma, dass es keine Singleveröffentlichung von "Die Welt ist Pop" geben wird.
Was soll das? Will sich hier nur jemand publikumswirksam zurückmelden?
a-ok (08.03.2007, 15:54 Uhr)
Irrelevant
Dieser Artikel ist irrelevant. Es ist immer leicht im sich im Windschatten der Computer Tastatur über Künstler wie Heinz-Rudolf Kunze lustig zu machen. Wäre es nicht interessanter, althergebrachte Oberlehrer-Analogien wegzulassen und stattdessen mal ein wenig nachzudenken? Oder Roger Cicero – schon mal mit dessen Arbeit und seiner grandiosen Stimme wirklich befasst? Soulounge, After Hours, Julia Hülsmann, klingelt da was? OK, Monrose ist ein Produkt und wahrscheinlich haben sie heute Abend die besten Chancen. Aber das liegt eben auch daran, dass sich Medien wie der Stern und andere dem einfallslosen Diktat der Märkte unterwerfen und nur über die Musik schreiben und sprechen, die sowieso von Formatradios rauf und runter gespielt wird. Brave Handwerkskunst – wohl nur bei Carsten Heidböhmer. Aber wer in der Redaktion sitzt, hat die Macht des Wortes, auch wenn er nichts zu sagen hat. Schade.
UweB (08.03.2007, 15:12 Uhr)
Schon traurig....
Ein Land wie Deutschland ist eines der Länder, das durch seine HOHEN Zahlungen (mal wieder...) ständig an der Eurovision teilnehmen kann - und von daher sicher nicht viele Sympathien auf sich zieht a la "Können sowieso teilnehmen".
Bei dem was an künstlerischem Potential in Deutschland vorhanden ist, auch erfolgreich in den Charts, ist es schon traurig, was man da für eine Vorentscheidung inszeniert und zumn internationalen Wettbewerb schicken will.
Monrose sind sicher nicht schlecht, aber ihr Album hört sich an wie am Reißbrett schnell zusammen gehauen und hat eine sehr geringe Halbwertezeit.
Kunze kocht gar den WM Sommer 2006 in seinem Lied auf und nutzt die ganze Show wohl mehr zur CD Promotion (neues Album). Cicero ist sicher nicht schlecht und ich freue mich für seinen Erfolg, aber seine Sachen gibt es als Original-Klassiker im Swingbereich schon wesentlich besser (Frank Sinatra etc).
Man muss ja mit den Vorentscheidungen nicht gleich so übertreiben wie in Schweden, aber ein Land, dessen Musikindustrie eine der größten der Welt ist, mit solch einer Vorentscheidung abzuspeisen, ist eine Frechheit.
Das modernste Lied ist meiner Meinung nach das von Monrose; international wird man damit aber allerhöchstens im Mittelfeld liegen - die Songs der anderen Länder kommen wesentlich frischer und flotter daher.
catchme (08.03.2007, 14:20 Uhr)
Germany - one Point !
Es gäbe eine Lösung, wie die erneute Blamage verhindert werden könnte - nicht teilnehmen ! Warum melden wir nicht, dass Deutschland keinen Song und keinen Interpreten hat, der im europäischen Songcontest auch nur den Hauch einer Chance hätte ... !!
Raknarak (08.03.2007, 14:14 Uhr)
Deutsche Witzveranstaltung
Wenn wir irgendwann mal wieder gewinnen möchten, dann sollten wir auch mal gestandene Misiker zum Grand Prix senden.
Polliertes Fallobst hilft und da bestimmt nicht!
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