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29. August 2002, 15:51 Uhr

"Man ist Mensch und macht vieles falsch"

Als seine Frau Anna vor vier Jahren starb, zog sich Herbert Grönemeyer völlig zurück. Der Sänger über Verzweiflung und Zuversicht, über die Stärke seiner Kinder und die Kraft der Musik.

Drei Jahre arbeitete Grönemeyer in London an der neuen CD »Mensch«© Foto: Horst Diekgerdes

Von Sven Michaelsen und Hannes Ross, Fotos: Horst Diekgerdes

Herr Grönemeyer, vor vier Jahren starben binnen einer Woche Ihre Frau Anna Henkel und Ihr Bruder an Krebs. Fürchteten Sie, nie wieder Musik machen zu können?

Ja, denn wenn man so eine Katastrophe erlebt, ist man völlig hysterisch, zerrüttet und ängstlich. Musik ist für mich eine Form von Begeisterung und ein Ventil, das mein Leben in Balance hält. Sie ist mein privater Hochsicherheitstrakt. Mein Geheimnis, das mich überallhin begleitet und das mir keiner nehmen kann. Ich dachte: Wenn du dieses Zentrum deines Lebens auch noch verlierst, ist Schluss.

Ihr neues Album "Mensch" ist Ihr erstes seit damals. Wie lange war Ihre Kreativität gelähmt?

Nach einem Jahr habe ich sehr zaghaft erste Gehversuche unternommen. Die waren mühsam. Die Musik war sehr traurig und sehr balladig. Ein Jahr später habe ich mit meinem Koproduzenten Alex Silva in London einen kleinen Raum gemietet. Da haben wir uns 14 Monate lang in sehr langsamen Schritten vorgetastet, Takt für Takt. Oft haben wir auch gar nichts gemacht, nur zusammengesessen und geraucht und gequatscht. Letzten Sommer merkte ich endlich: Es wird etwas luftiger, so langsam kommt die Energie zurück, ich kenne mich wieder aus, ich sehe eine Ecke meiner alten Schatztruhe. Da habe ich zugepackt. Es war wie nach Hause kommen.

Wie findet Ihr 15-jähriger Sohn Felix Ihr neues Album?

Er geht an Musik energetisch ran. Balladen fand er schon immer relativ öde, weil sie keine Dynamik vermitteln. Er mag schnelle Nummern wie "Neuland" und "Viertel vor". Er sagte ganz nüchtern und cool zu mir: "Dein Song 'Zum Meer' ist sehr in Ordnung. Das ist die ultimative Nummer deines neuen Albums."

© Foto: Horst Diekgerdes

Hören Sie auf das musikalische Urteil Ihrer Kinder?

Der Song "Der Weg" ist extrem traurig. Da habe ich die Kinder gefragt, ob das vielleicht zu viel sei. Ihre Antwort war: "Du hast das so geschrieben, also musst du es auch gefälligst so singen." Ihre Mutter kam aus Hamburg und hatte diese hanseatische Nüchternheit. Ich höre meine Frau in meinen Kindern und denke: "Das klingt sehr nach dir, Anna. Auch du hast oft zu mir gesagt: 'Jetzt zöger hier mal nicht rum, Herbert, wenn es so ist, dann ist es eben so.'"

Als Ihre damals neunjährige Tochter Marie vom Tod ihrer Mutter erfuhr, war ihr erster Satz: »Papa, du hörst jetzt aber nicht auf zu singen!«

Dieser Satz war für mich sehr verblüffend. Ich denke, meine Musik repräsentiert für meine Kinder Lebensenergie. So sehen sie ihren Vater, so kennen sie ihn: Solange der singt, ist alles halbwegs okay. Solange der Musik macht, lebt der. Sie haben auch ganz genau geguckt, was für Lieder ich singe. Meine Angst war, ein Album zu machen, das ausschließlich aus Balladen besteht. Das hätte eine zu massive Trauer gezeigt, die für meine Kinder nicht auszuhalten wäre.

Können Sie Stimmungen Ihrer Musik erzwingen?

Ich hätte mich gern selber ausgetrickst nach dem Motto: Jetzt geht's wieder, ich blicke heiter nach vorne. Aber ich merkte, es ist nicht machbar. Eine Platte erzählt mir viel radikaler, wo ich stehe, als meine Selbstanalysen. Ich kann mich und andere belügen, meine Platten können das nicht. Ich weiß bei jedem Album, wie blasiert ich zu der Zeit war oder wann ich einen Neuanfang gesucht habe.

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