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29. Juni 2005, 10:22 Uhr

"Unsere Kinder werden mal fragen, was wir für Afrika getan haben"

Es ist das größte Konzert aller Zeiten. An neun Orten auf der Welt singen und spielen bei "Live 8" die besten Künstler für den vergessenen Kontinent. Der stern sprach mit Herbert Grönemeyer und Bono von U2 über ihren Einsatz für Afrika.

Deutschlands erfolgreichster Rockstar. Herbert Grönemeyer, und Bono, der Sänger der irischen Band U2, trafen sich mit dem stern in Köln zum Interview© Ali Kepenek

Sie treten beide am 2. Juli auf. Sie, Bono, in London. Und Sie, Herbert Grönemeyer, in Berlin. Außerdem engagieren Sie sich beide bei der Kampagne "Deine Stimme gegen Armut". Weshalb reicht es Leuten wie Ihnen nicht, erfolgreiche Sänger mit Millionen Fans zu sein?

GRÖNEMEYER: Für mich begann alles vor zwei Jahren bei der Reise für die Aktion "Gemeinsam für Afrika" nach Ruanda. Afrika war ein Schock für mich. Dort traf ich Menschen wie die 15-Jährige, die sich um ihre drei Geschwister kümmern muss, weil die Eltern beim Völkermord umgebracht wurden. Die Kinder gingen nicht zur Schule - sie konnten die 20 Euro für die Schuluniform nicht auftreiben. Plötzlich stand ich vor der Frage: Was will ich vom Leben noch? Mir wurde klar, dass wir lernen müssen, uns mehr für die Gemeinschaft verantwortlich zu fühlen. Und es reicht nicht, über diese Verantwortung zu reden. Wir müssen anfangen zu teilen.

Rockstars in den Niederungen der Realität?

GRÖNEMEYER: Ich habe schon vor 20 Jahren zusammen mit Wolfgang Niedecken den deutschen Song für das Live-Aid-Konzert geschrieben, "Nackt im Wind". Und ich habe mich in den 90er Jahren gegen Rassismus engagiert. Seit ich in Ruanda war, fühle ich mich verpflichtet, etwas dafür zu tun, dass wir in der Welt zusammenrücken. Und ich habe dort noch etwas gelernt: Du kommst in einem Zentrum für die Witwen des Völkermords an, aufgebaut von einer westlichen Hilfsorganisation. Und was liegt dort? Natürlich eine Bibel. Wir machen es immer noch auf die alte Art. Wir missionieren. Wir helfen nur, wenn wir auch etwas zurückbekommen. Ganz gleich, ob Seelen oder Geld. Und das ist der Wahnsinn.

Sehen Sie das auch so?

BONO: Wenn wir immer nur da bleiben, wo wir herkommen, schmoren wir im eigenen Saft. Du verlierst dich. Vor allem wir Künstler verlieren uns in unseren Ideen, unseren Gefühlen, in unserem ganzen bullshit. Wenn aber plötzlich jemand vor deinen Augen stirbt, und du könntest ihm helfen - was machst du dann? Dann kannst du nicht sagen, ich bin irgendwie nicht in Stimmung. Dann bleibt dir nichts, als die Ärmel hochzukrempeln. Und dann entdeckst du auf einmal, was in dir steckt.

War das Ihre Erfahrung, als Sie vor 20 Jahren unter dem Eindruck des ersten Live-Aid-Konzerts nach Äthiopien gereist sind?

BONO: Ja. Da hat es angefangen. Mit meiner Frau habe ich Waisen in einem Flüchtlingslager mit Liedern und kurzen Theaterstücken unterrichtet. Die Armut dort war so groß, dass wir uns geschworen haben, sie nie wieder zu vergessen. Eines ist doch klar: Künstler sind schwer zu ertragen. Sicher ist nur ihre Unsicherheit. Ein Mensch, dem nicht irgendwas fehlt, würde doch nie Sänger einer Band werden und sein Herz auf einer Bühne öffnen. Ich brauche 50.000 Leute, die "Ich liebe dich" schreien, um mich als normaler Mensch zu fühlen. Ganz schön bescheuert. Drum ist es so wichtig, dass wir uns anderem zuwenden als uns selbst.

Afrika-Hilfe als Selbsthilfe für Leute mit gestörter Persönlichkeit?

GRÖNEMEYER: Nein. Ich bin nicht nach Afrika gegangen, um den Sinn des Lebens zu entdecken. Wir sind nicht wie diese hoch bezahlten Manager, die ihre Mitarbeiter wie Abschaum behandeln und dann für eine Woche nach Tibet zu einem Lama fahren und glauben, dass sie dann wieder eins mit der Welt sind. Wir sind nach Afrika gefahren, um zu helfen. Nicht mehr und nicht weniger. Wir wissen auch nicht mehr als andere, sind auch nicht klüger, sondern nur bekannter. Mit unserer Musik wollen wir mehr Leute für diese Arbeit begeistern.

Der Verdacht bleibt, dass mancher Star solche Aktionen als Werbung für sich benutzt - hungerndes Kind im Arm für den Fotografen. Stört es Sie, wenn Victoria Beckham mal kurz einen Slum besucht? Oder sagen Sie, Hauptsache, ein Promi weckt Aufmerksamkeit für Afrika?

BONO: Ich fälle über niemanden irgendwelche Urteile. Ich kann für mich selbst nur sagen: Als reicher Rockstar zusammen mit den Ärmsten der Armen fotografiert zu werden macht mich verlegen.

Aber solche Auftritte wirken?

BONO: Berühmtheit ist lächerlich. Aber wir leben in einer Zeit, in der Berühmt- sein alles ist. Prominenz ist eine Währung. Die kannst du ausgeben. Zusammen mit der Sängerin Beyoncé war ich mal in Khayelitsha, einem Township am Rande von Kapstadt in Südafrika. Fotografen waren dabei, als wir dort mit den Kindern spielten. Beyoncé hatte ein Baby im Arm. Sie fragte die Frau neben sich: "Was hat die Kleine?" Die Frau sagte ganz ruhig: "Sie wird sterben. Wir können es nicht verhindern." Ich merkte, wie Beyoncé die Luft wegblieb. Ich selbst konnte kaum mehr richtig atmen. Uns war klar, dass dieses Kind eine Chance gehabt hätte. Ein Medikament für 20 Cent hätte verhindern können, dass die Mutter das Aids-Virus auf ihr Kind überträgt. Als die "Sun" das Foto auf die Titelseite packte, ein konservatives Boulevardblatt, das von Leuten in der U-Bahn gelesen wird, waren die Leser elektrisiert. Und das ist es, was wir erreichen wollen.

Deine Stimme gegen Armut So heißt die deutsche Aktion der weltweiten "Globale Kampagne gegen Armut", an der sich neben Herbert Grönemeyer Stars wie Claudia Schiffer, Boris Becker oder Lukas Podolski beteiligen. International unterstützen Schauspieler wie Brad Pitt, Hugh Grant, die Sängerin Kylie Minogue oder das Model Kate Moss die Aktion. Erkennungszeichen ist das weiße Armband. Ziel ist es, ein Bewusstsein für die Probleme Afrikas zu schaffen und öffentlichen Druck auf Politiker auszuüben, etwas für den vergessenen Kontinent zu tun. Das Ganze ist keine Spenden-aktion, auch wenn die Initiatoren nichts dagegen haben, dass sich Hilfsorganisationen mit Sammlungen anschließen. Einer der wichtigsten Aktivisten ist Bono, der Sänger der Band U2. Seit er 1985 beim ersten Live-Aid-Konzert aufgetreten ist, engagiert er sich für Afrika. 2002 gründete er in London dazu die Organisation DATA. Der Name steht für "Debt, Aids, Trade, Africa" und zeigt, worum es Bono geht: Die Schulden (Debt) abzubauen, Aids zu bekämpfen und fairen Handel (Trade) zwischen Afrika und dem Rest der Welt möglich zu machen.

www.deine-stimme-gegen-armut.de

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