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Nach Ghetto und Gangbang

Weil das Schock-Vokabular von Gangster-Rappern wie Sido und Bushido mittlerweile im Mainstream angekommen ist, müssen sich andere MCs noch radikaler geben. Richtig "aggro" geht es deshalb in den Grauzonen des Internets und an den unkommerziellen Rändern der Branche zu. Mit Al-Kaida-Verehrung und Antisemitismus.

Von Johannes Gernert

Ein muskelbepackter Mann tänzelt vor einer rot-schwarzen Flagge mit einem Doppelkopfadler auf und ab, boxt immer wieder in die Luft und stößt dazu holprig, gereimte Flüche aus. Der Rapper nennt sich Bözemann. Er droht, den Arsch eines Gegners und auch dessen Mutter zu ficken, aber damit nicht genug: "Ich teile mit der Axt deinen Kopf in zwei Hälften / Und diese zwei Hälften wieder in zwei Hälften / Zahltag, du Hurenkind, ich will jetzt mein Geld sehen." Am Ende des Videos schaufelt er dem anderen symbolisch ein Grab. Auf dem Kreuz, dass er in den Haufen frischer Erde steckt, steht dessen Name: Massiv. Darüber ist ein Davidstern zu sehen.

Der Rapper Massiv war im Frühjahr von seinem Label Sony BMG als der neue Star am düsteren, deutschen Gangster-Rap-Himmel verkauft worden. Er stammt aus Palästina und präsentiert sich auf seinem Album "Blut gegen Blut" als gläubiger Moslem. Um ihn zu beleidigen, wird er von Bözemann in dessen Clip verscharrt und "als Jude abgestempelt", so lautet die Beschreibung der üblen Inszenierung auf der Videoplattform Youtube, die über 300.000 Mal angeklickt wurde. Ein anderes Bözemann-Video, das kursiert, trägt den Titel "totaler Krieg". Mittlerweile beschäftigt sich der Staatsschutz in Baden-Württemberg mit diesen Clips. Ein Beamter sagt, so etwas Schlimmes habe er bisher selten gesehen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein Verfahren wegen Volksverhetzung eingeleitet wird. Zunächst muss geklärt werden, wer sich hinter Bözemann verbirgt.

Der Stuttgarter kündigt seit einiger Zeit an, ein Album zu veröffentlichen. Der Fall des Mannes mit dem aufgeblasenen Oberkörper zeigt, wie radikal es an den Rändern des Rap-Geschäfts zugeht. Das branchenüblichen Beschimpfungsvokabular, das andere zu "Nutten", "Fotzen" oder zu "Schwulen" macht, ist längst salonfähig geworden seit Bushido und Sido es in die Teenie-Zimmer getragen haben. Mit echten oder eingebildeten Knast-Erlebnissen und einer Vergangenheit als Gelegenheits-Dealer schockt man als angehender Gangster-Rapper heutzutage niemanden mehr, das gilt als Grundvoraussetzung. Die Grenzen haben sich verschoben, wer sie überschreiten will, muss jetzt weitergehen.

Schwulen den Schwanz abschneiden

Ein Berliner namens G-Hot hat das getan, als er in seinem Stück "Null Toleranz" dazu aufforderte, Schwulen ihren Schwanz abzuschneiden. Und auch die Protagonisten des Labels Hirntot kamen in die Schlagzeilen: Sie drohten nicht nur einer Politikerin und Jugendschützern Gewalt an - bei ihnen wurden während einer Razzia auch Waffen gefunden. Zentrum der Aggression ist nicht mehr so sehr die Plattenfirma AggroBerlin, bei der Sido groß herauskam - die warf G-Hot nach dem "Null Toleranz"-Vorfall ziemlich schnell raus und vermarktet in ihrem eigenen Internetradio Versöhnungsgipfel zwischen vormals verfeindeten Rappern. Auch Bushido sagt immer wieder, dass er die Regeln der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien kapiert hat und sie anerkennt. Ab einer bestimmten Einkommensgrenze ist mehr als die übliche Intoleranz (Nutte, Fotze, schwul) schlecht fürs Geschäft. Richtig "aggro" gebärden sich deshalb Kleinstlabel, für die die Kommerzkontrolle keine Rolle spielt, die aber mit ihrem Hass auf die "Bravo-Rapper" bei einer bestimmten Klientel gut ankommen.

Manche versuchen sich dabei der rechtlichen Regulierung zu entziehen. Bözemann hat für seine Homepage keine deutsche Domain freigeschaltet, sondern seinen Internet-Auftritt über einen Privatinvestor angemeldet, der Adressen für die neuseeländischen Tokelau-Inseln vertreibt. Auf das .tk-Länderkürzel enden auch viele illegale Tauschbörsen-Seiten. In manchen seiner Videos trägt Bözemann Patronengürtel und Maschinengewehr, um ihn herum Maskierte und immer wieder im Bild: der Doppelkopfadler der albanischen Flagge.

Er bezeichnet sich als "Albo" und auf seine Homepage hat er ein Interview gestellt, in dem er den Einzug der Albaner in die deutsche Rap-Szene ankündigt: "Der Ausgang steht in den Sternen geschrieben kann aber blutig werden. Ich geh davon aus, dass dieser Beef blutig wird." Er sei 1999 im Kosovo-Krieg an der Front gewesen, rappt er in einem Stück: "Ich hab Massaker erlebt und die Nato hat gebombt."

Dschihad und Gangbang

Auch Bözemann inszeniert sich - wie der Rapper Massiv - als gläubiger Moslem. In den Diskussionsforen zu seinen Videos drohen nicht nur Kosovo-Albaner und Serben damit, sich gegenseitig aufzuschlitzen, einige der Nutzer haben ihre Einträge außerdem mit Bildern des islamistischen Terroristen Osama bin Laden versehen. G-Hot schließlich, der mit seinem Schwulenhass auf sich aufmerksam machte, spricht sich: Dschihad, "heiliger Krieg". Während die erste Generation von Aggro-Rappern den eigenen Kiez zum Ghetto stilisierte, schienen die gerappten Gewalt-Bilder häufiger aus Splatter-Movies oder Pornos als von der Straße zu stammen. Die pornographische Ur-Demütigungs-Szene, der Gangbang, bei dem sich mehrere Männer über eine Frau hermachen, ist genau deshalb zum Synonym für die HipHop-Verrohung geworden.

Keine Verpflichtung für Videoplattformen

Bei einer zweiten Aggro-Generation, die mit dem gleichnamigen Label gar nicht mehr so viel zu tun hat, ist der Dschihad an die Seite des Gangbang getreten. Massiv, der Sony-Star aus der Ghetto-Konservenbüchse, der sich einmal Pitbull nannte, und es mit seinem Album immerhin in die Top-60 der Charts schaffte, tritt mit Palästinenser-Tuch auf und besingt das Schicksal der Shahids, muslimischer Selbstmordattentäter. Auf "Blut gegen Blut" findet sich die Zeile: "Mein Satz ist Sprengstoff, meine Hand am Sprengknopf." Andere, wie die Gruppe Keskin, drohen: "Wenn die Scheiße nicht klappt, dann begeh' ich Selbstmord." Ihr neues Album, bei Dead Game Records erschienen, heißt "terror tape", ein Track "Töten ist nicht schwer." Die Stoffe stammen in diesen Fällen nicht mehr nur aus Pornos oder Horror-Filmen, sondern sind an aktuelle politische oder religiöse Konflikte angebunden. Am deutlichsten wird das bei Bözemann, der sich als bewaffneter, albanischer Freischärler darstellt. Verbreitet werden seine Songs über youtube, myspace oder myvideo. Denn diese Diensteanbieter, so teilt myvideo mit, treffe nach dem Telemediengesetz keine Verpflichtung, die eingestellten Inhalte auf Rechtsverletzungen zu untersuchen. Dafür seien es auch viel zu viele. Bei Hinweisen würden die üblen Stücke allerdings entfernt. So ist es mit Bözemanns antisemitischem Track zumindest bei myvideo dann auch geschehen. Damit ist er jedoch längst nicht aus dem Netz verschwunden.

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