Das alte Rock 'n' Roll-Tier hat wieder zugeschlagen. Doch seine Fans werden sich die Ohren reiben: Sollte Iggy Pop tatsächlich von so was wie Altersweisheit befallen sein? Sagen Sie mal, Herr Pop ...

40 Jahre Bühnenexzesse hinterlassen ihre Spuren. Heute geht es Punk-Rock-Ikone Iggy Pop ruhiger an: "Florida ist ein guter Ort für eine alte Echse wie mich"© Xavier Martin/EMI Music
Manchmal ist ein Hausbesuch bei den Rock-Göttern nicht ganz einfach. Manchmal erweist er sich als unmöglich. Dafür bekommt man dann eine Standleitung in den Olymp. "Iggy Pop ruft Sie unter Ihrer Büronummer an", mailte der Mann von der Plattenfirma. Iggy Pop und Bürotelefon passen ungefähr so gut zusammen wie, sagen wir, Punkrock und französische Hochliteratur. Aber genau diese beiden Welten verbindet Iggy Pop auf seinem neuen Konzeptalbum "Préliminaires".
In seiner kleinen Arbeitshütte auf seinem Grundstück in Miami vertonte der 62-Jährige die Eindrücke, die er bei der Lektüre von Michel Houellebecqs Roman "Die Möglichkeit einer Insel" sammelte. So entstand eine ruhige, schöne Platte, auf der sich das ewig barbrüstige Rumpelstilzchen als überzeugender Crooner zeigt. Wer seine Stimmbänder durch verdrogtes Gebrüll und das Höllenfeuer wütender Punkgewitter gejagt hat, gewinnt in bitter-bösen Balladen eine ganz besondere Überzeugungskraft. Jacques Préverts Chanson-Klassiker "Les Feuilles Mortes" sang Iggy sogar auf Französisch.
Um dieses erstaunliche Paket noch abzurunden, ließ er das CD-Booklet von der Comic-Künstlerin Marjane Satrapi gestalten. Wer plötzlich mit so viel Hochkultur um die Ecke biegt, muss auch mal eine deutsche Büronummer wählen.
Hi, Stephan, hier ist Iggy. Wie geht's?
Haben Sie schon mal was von diesem Burschen gelesen?
Ich kann mir keinen größeren Punk vorstellen als Houellebecq. Er ist ein gottverdammter Motherfucker.
Ja, die Musik ist weicher. Wenn
ich heute auf die Bühne gehe, rocke
ich härter und lauter als in
meiner Jugend. Weil ich bei guter
Gesundheit bin und eine bessere
Technik habe. Aber nicht
auf diesem Album. Wenn du die
Platten alternder Rock ' n' Roller
hörst, kannst du zwei Tendenzen
beobachten: Die einen klingen
ein bisschen müde. Ihre Musik ist
etwas langsamer. Das ist nicht so
schlimm. Andere klingen verwirrt.
Das ist schlimmer.
(Warte einen Moment. Bleib
dran. Ich muss schnell reingehen.
Ich renne hier draußen
nackt herum, und da kommen
gerade die Gärtner. Ich will sie
nicht in Verlegenheit bringen.)
Um diese beiden Probleme zu
verhindern, habe ich ein stilleres
Album herausgebracht. Das Ruhige
kann ich heute besser. Ich
singe einfach besser als mit 30, 40
oder 50. Wahrscheinlich schreibe
ich auch bessere Texte.
Ich hatte immer eine zahme Seite. Aber die habe ich versteckt. Es verlangt mehr Geschick, in deiner Musik Sanftheit auszudrücken. Außerdem fühle ich mich heute sicherer. Ich kann machen, was immer zur Hölle ich will. Heute können mir alle mal den Buckel runterrutschen, verstehen Sie.
Waren Sie mal in einer meiner letzten Shows? Es gibt Leute, die sagen, das ist roh. Vom Rohen habe ich eine ganze Weile so viel gemacht, wie eben ging. Das Rohe verletzt, schafft Aufregung und Aufmerksamkeit. Aber letztlich ist das Rohe immer relativ. Ich weiß nicht, wie viel roher man werden kann als in diesen Zeilen: "Du kannst die Leute davon überzeugen, dass du eine Art Superstar bist, dabei bist du nur ein Arschloch."
Das Wort "Arschloch" hört man nicht allzu oft in einer Ballade.
Abgehoben? Jetzt mal ehrlich: Ich bin ein intelligenter Bursche. Literatur, die so sehr abhebt, dass selbst ich nicht mehr hinterherkomme, taugt schlicht nichts. Houellebecq ist ein Meister der Punchline: "Gott bewahre uns vor Kindern. Sie saugen deine Energie auf, nehmen dir all dein Geld, versauen dir dein Leben, weil sich deine Frau nicht mehr für dich interessiert, und zum Schluss stecken sie dich in ein Altersheim zum Sterben." Hübsch. Sehr, sehr hübsch.
Ja. Aber es ist der einzige Fluch, den wir haben. Machen wir was draus. Ich habe mir schon oft gedacht, was wäre ich doch für ein Superwesen, wenn ich nicht so fluchbeladen herumlaufen würde.
Nur wenn mich das Buch interessiert. Michels Roman ist das einzige Stück moderner Literatur, das ich in den letzten sieben, acht Jahren zu Ende lesen konnte.
Good Old Europe? So kann man es auch ausdrücken! Nun, Good Old Europe hat mich davor bewahrt, den Amerikanern ausgeliefert zu sein. Good Old Europe und seine Bewohner haben mir das Gefühl gegeben, dass ich auch mit anderen Künsten als Rock 'n' Roll arbeiten kann. Bei der Literatur hatte ich das Gefühl allerdings schon vorher. Ich dachte mir: "Hey, da stecken großartige Ideen in Büchern. Die können wir alle stehlen." In Europa wurde diese Ahnung dann stärker. Wissen Sie, als ich die ersten Male durch Europa tourte, habe ich kein Geld verdient. Ich war betrunken, stoned, wie von Sinnen. Ich war ein soziales Problem. Aber das war mir egal. Ich dachte nur: Wow! Das ist so verdammt cool. Ich singe in Rom! Hier hat Nero all die Christen verbrannt! Und ich habe es auch bis hierhin geschafft. Wie verdammt cool ist das denn?
In diesem Falle ist ein Hund einfach die sympathischste Figur in Houellebecqs Roman. Und ich habe selbst Hunde.
Gefunden in ...
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Ausgabe 22/2009