. .
Musik-News
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
31. Mai 2009, 04:36 Uhr

"Ich bin ein leicht ramponierter Witz"

Das alte Rock 'n' Roll-Tier hat wieder zugeschlagen. Doch seine Fans werden sich die Ohren reiben: Sollte Iggy Pop tatsächlich von so was wie Altersweisheit befallen sein? Sagen Sie mal, Herr Pop ...

Iggy Pop, Rock 'n' Roll, Ikone, Punk-Rock, Michel
Houellebecq

40 Jahre Bühnenexzesse hinterlassen ihre Spuren. Heute geht es Punk-Rock-Ikone Iggy Pop ruhiger an: "Florida ist ein guter Ort für eine alte Echse wie mich"© Xavier Martin/EMI Music

Manchmal ist ein Hausbesuch bei den Rock-Göttern nicht ganz einfach. Manchmal erweist er sich als unmöglich. Dafür bekommt man dann eine Standleitung in den Olymp. "Iggy Pop ruft Sie unter Ihrer Büronummer an", mailte der Mann von der Plattenfirma. Iggy Pop und Bürotelefon passen ungefähr so gut zusammen wie, sagen wir, Punkrock und französische Hochliteratur. Aber genau diese beiden Welten verbindet Iggy Pop auf seinem neuen Konzeptalbum "Préliminaires".

In seiner kleinen Arbeitshütte auf seinem Grundstück in Miami vertonte der 62-Jährige die Eindrücke, die er bei der Lektüre von Michel Houellebecqs Roman "Die Möglichkeit einer Insel" sammelte. So entstand eine ruhige, schöne Platte, auf der sich das ewig barbrüstige Rumpelstilzchen als überzeugender Crooner zeigt. Wer seine Stimmbänder durch verdrogtes Gebrüll und das Höllenfeuer wütender Punkgewitter gejagt hat, gewinnt in bitter-bösen Balladen eine ganz besondere Überzeugungskraft. Jacques Préverts Chanson-Klassiker "Les Feuilles Mortes" sang Iggy sogar auf Französisch.

Um dieses erstaunliche Paket noch abzurunden, ließ er das CD-Booklet von der Comic-Künstlerin Marjane Satrapi gestalten. Wer plötzlich mit so viel Hochkultur um die Ecke biegt, muss auch mal eine deutsche Büronummer wählen.

Hi, Stephan, hier ist Iggy. Wie geht's?

Ganz gut. Aber ich mache mir Sorgen um Iggy: Für Ihr neues Album haben Sie sich von dem Roman "Die Möglichkeit einer Insel" des Franzosen Michel Houellebecq inspirieren lassen. Was ist aus dem Paten des Punkrock geworden?

Haben Sie schon mal was von diesem Burschen gelesen?

Ja.

Ich kann mir keinen größeren Punk vorstellen als Houellebecq. Er ist ein gottverdammter Motherfucker.

Auf jeden Fall ist Ihre Musik sanfter geworden. Ihr Album besteht zur Hälfte aus Balladen.

Ja, die Musik ist weicher. Wenn ich heute auf die Bühne gehe, rocke ich härter und lauter als in meiner Jugend. Weil ich bei guter Gesundheit bin und eine bessere Technik habe. Aber nicht auf diesem Album. Wenn du die Platten alternder Rock ' n' Roller hörst, kannst du zwei Tendenzen beobachten: Die einen klingen ein bisschen müde. Ihre Musik ist etwas langsamer. Das ist nicht so schlimm. Andere klingen verwirrt. Das ist schlimmer.
(Warte einen Moment. Bleib dran. Ich muss schnell reingehen. Ich renne hier draußen nackt herum, und da kommen gerade die Gärtner. Ich will sie nicht in Verlegenheit bringen.) Um diese beiden Probleme zu verhindern, habe ich ein stilleres Album herausgebracht. Das Ruhige kann ich heute besser. Ich singe einfach besser als mit 30, 40 oder 50. Wahrscheinlich schreibe ich auch bessere Texte.

Ist das "Real wild child", wie einer Ihrer Songs heißt, nun endlich zahm geworden?

Ich hatte immer eine zahme Seite. Aber die habe ich versteckt. Es verlangt mehr Geschick, in deiner Musik Sanftheit auszudrücken. Außerdem fühle ich mich heute sicherer. Ich kann machen, was immer zur Hölle ich will. Heute können mir alle mal den Buckel runterrutschen, verstehen Sie.

Sie sprechen von Geschick und Technik. Was ist mit dem rohen Iggy?

Waren Sie mal in einer meiner letzten Shows? Es gibt Leute, die sagen, das ist roh. Vom Rohen habe ich eine ganze Weile so viel gemacht, wie eben ging. Das Rohe verletzt, schafft Aufregung und Aufmerksamkeit. Aber letztlich ist das Rohe immer relativ. Ich weiß nicht, wie viel roher man werden kann als in diesen Zeilen: "Du kannst die Leute davon überzeugen, dass du eine Art Superstar bist, dabei bist du nur ein Arschloch."

Zeilen aus Ihrer neuen Ballade "I want to go to the beach" .

Das Wort "Arschloch" hört man nicht allzu oft in einer Ballade.

Was suchen Sie eigentlich bei abgehobenen französischen Literaten?

Abgehoben? Jetzt mal ehrlich: Ich bin ein intelligenter Bursche. Literatur, die so sehr abhebt, dass selbst ich nicht mehr hinterherkomme, taugt schlicht nichts. Houellebecq ist ein Meister der Punchline: "Gott bewahre uns vor Kindern. Sie saugen deine Energie auf, nehmen dir all dein Geld, versauen dir dein Leben, weil sich deine Frau nicht mehr für dich interessiert, und zum Schluss stecken sie dich in ein Altersheim zum Sterben." Hübsch. Sehr, sehr hübsch.

Würden Sie Houellebecq zustimmen, dass das sexuelle Verlangen der Fluch der Moderne ist?

Ja. Aber es ist der einzige Fluch, den wir haben. Machen wir was draus. Ich habe mir schon oft gedacht, was wäre ich doch für ein Superwesen, wenn ich nicht so fluchbeladen herumlaufen würde.

Ist Iggy ein geduldiger Leser?

Nur wenn mich das Buch interessiert. Michels Roman ist das einzige Stück moderner Literatur, das ich in den letzten sieben, acht Jahren zu Ende lesen konnte.

Wie ist Ihre Beziehung zu Good Old Europe?

Good Old Europe? So kann man es auch ausdrücken! Nun, Good Old Europe hat mich davor bewahrt, den Amerikanern ausgeliefert zu sein. Good Old Europe und seine Bewohner haben mir das Gefühl gegeben, dass ich auch mit anderen Künsten als Rock 'n' Roll arbeiten kann. Bei der Literatur hatte ich das Gefühl allerdings schon vorher. Ich dachte mir: "Hey, da stecken großartige Ideen in Büchern. Die können wir alle stehlen." In Europa wurde diese Ahnung dann stärker. Wissen Sie, als ich die ersten Male durch Europa tourte, habe ich kein Geld verdient. Ich war betrunken, stoned, wie von Sinnen. Ich war ein soziales Problem. Aber das war mir egal. Ich dachte nur: Wow! Das ist so verdammt cool. Ich singe in Rom! Hier hat Nero all die Christen verbrannt! Und ich habe es auch bis hierhin geschafft. Wie verdammt cool ist das denn?

Auf "Préliminaires" gibt es zwei Lieder über Hunde. Eines heißt "King of the Dogs" und beginnt mit den Zeilen: "Ich habe ein stinkendes Hinterteil, ich habe eine dreckige Schnauze." Spürt Iggy immer noch das Tier in sich?

In diesem Falle ist ein Hund einfach die sympathischste Figur in Houellebecqs Roman. Und ich habe selbst Hunde.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 22/2009

  zurück
1 2
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
stern-Interview Iggy Pop huldigt "Punk" Houellebecq

Das ewig barbrüstige Rock'n'-Roll-Urgestein Iggy Pop hat neues Terrain betreten. Inspiriert durch die Lektüre eines Houellebecq-Romans entstand das Album "Préliminaires". Dem stern verriet der Punkrocker, was ihn mit dem Skandalautoren verbindet und wie er heute lebt. mehr...

Iggy Pop Der Urvater des Punk wird 60

Niemand verkörpert das Motto "Sex and Drugs and Rock'n'Roll" so sehr wie Iggy Pop. Nun feiert er einen Geburtstag, der seinem Ruf als Urvater des Punk gerecht wird. mehr...

Mutter gegen Bestseller-Autor Abrechnung mit dem "miesen Arschloch"

Skandal-Autor Michel Houellebecq ("Elementarteilchen") hasst seine Mutter so sehr, dass er sie schon für tot erklärt hat. Nun rächt sich die 83-jährige Lucie Ceccaldi in einem eigenen Buch. "Lügner und Aufschneider" nennt sie ihn darin. Der Mutter-Sohn-Krieg sorgt in Frankreich für Schlagzeilen. mehr...

 
stern testen, Serie sichern

Jetzt den stern inklusive der aktuellen Gesundheits-Serie testen! Jetzt sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (7/2012)
Unser täglich Fleisch