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Mario Rispo, der Über-Türke

Er ist Deutscher. Und er singt türkische Lieder. Nach seinen Konzerten haben die Menschen Tränen in den Augen. Mario Rispo ist gefühlte und erlebte Integration. Ein Porträt.

Stefanie Rosenkranz

"Integration ist keine Einbahnstrasse". Dieser schöne deutsche Satz darf bei keiner Islam-Konferenz und keinem Einwanderungs-Gipfel fehlen. Was er so genau bedeutet, weiß kein Mensch, aber offenbar soll man sich darunter einen regen Austausch zwischen Schlachtplatte und Döner, Kopftuch und Kehrwoche, zwischen Kultur und Kültür vorstellen. Wobei schon klar ist, dass weniger Kültür und mehr Kultur wünschenswert wäre, denn schließlich soll sich ja der Einwanderer an den Eingeborenen anpassen, und nicht umgekehrt.

Manchmal allerdings geht das alles auf das Schönste schief. Das beste Beispiel hierfür ist Mario Rispo, Kaufmann von Beruf und Sänger aus Berufung. Rispo singt nicht irgendwas, er singt "Türk sanat muüsigi" (gesprochen müsihi), klassische türkische Musik.

Die ist schwer wie ein Brokatvorhang, handelt von unglücklicher Liebe, unerfüllter Sehnsucht, Herz und Schmerz. Außerdem ist sie monophon und daher für die allermeisten deutschen Ohren schon nach kürzester Zeit monoton.

Gelegentlich singt Rispo auch melancholische Balladen der türkischen Diva Sezen Aksu, von einer Traurigkeit, die einen sofort an Bleisärge denken lässt. Oder Weisen von Ibrahim Tatlisses , dem König des so genannten "Arabesk"; Lieder, bei denen musikalisch gesehen die Brokatvorhänge noch mit türkischem Honig beklebt sind, der daran heruntertropft.

Sofort gefühlt und geliebt

Wie konnte das passieren? Rispo, der sein "gefühltes Alter" mit 39 angibt, hat einen ziemlich dürftigen Migrationshintergrund: Er verfügt über einen einzigen ausländischen Großvater, und der war Italiener, nicht Türke.

"Ganz einfach", so Rispo. "Ich bin aufgewachsen am Osdorfer Born, Ghetto nennt man das heute, Ghetto nannte man das schon damals." Die Hochhaus-Siedlung im Hamburger Westen ist ein so genannter "sozialer Brennpunkt", in dem ziemlich wenige Deutsche auf sehr viele Ausländer treffen.

Mario, der Deutsche, war 14, als er dort auf die türkischen Brüder Savas und Baris traf, was übersetzt Krieg und Frieden bedeutet. Die lebten zusammen mit ihrer allein erziehenden Mutter Halime in einem benachbarten Plattenbau. "Die Jungs hörten AC/DC, ich hörte Abba, und Halime hörte auf ihrem Kassettenrecorder diese unglaubliche Musik. Ich habe sie sofort gefühlt und geliebt. Halime, mit der ich nicht kommunizieren konnte, denn sie sprach kaum Deutsch, und ich kannte nur ein paar türkische Schimpfworte, hat das auch gleich gemerkt."

Zeki Müren statt AC/DC

Alsbald besaß Mario die größte Sammlung türkischer Musik im weiten Umkreis, regelmäßig alimentiert von Savas und Baris, die während ihrer Ferien in der Türkei Kassetten für ihn kauften. Um ihn herum dröhnten die Neue Deutsche Welle oder Heavy Metal; Rispo hörte unbeirrt Lieder von Zeki Müren oder Bülent Ersoy, ehemals Mann, heute Frau und in der Türkei der absolute Super-Star der "Türk sanat musigi".

"Ich habe meine Mutter damit terrorisiert", so Rispo. "Einmal hat sie sogar meinen Kassettenrecorder an die Wand geschmissen. Sie fand diese Musik einfach zu anstrengend."

Zunächst machte er brav seinen Realschulabschluss und eine kaufmännische Lehre, anschließend wurde er, weniger brav, einer der Mitbegründer des schrägen Schmidt Theaters auf der Hamburger Reeperbahn. Inzwischen hatte Rispo Istanbul bereist, sich in die Stadt verliebt, und sang türkische Lieder vor sich hin, aber nur, wenn er alleine war, oder unter der Dusche. Sein "Coming Out" hatte er auf einer türkischen Hochzeit. Nach seinem Auftritt waren die Gäste so begeistert wie gerührt.

Der deutsche Über-Türke

Es kam der Tag, als er sich sagte, dass er aus seiner Berufung einen Beruf machen sollte. Da hatte er das Schmidt Theater schon verlassen und stattdessen das "Freudenhaus" aufgemacht, ein Restaurant auf Sankt Pauli.

Auch ansonsten war er ziemlich beschäftigt mit allerlei Events rund um die Reeperbahn. Gleichwohl wurde er eines Tages am einzigen türkischen Konservatorium auf deutschem Boden vorstellig, in Berlin-Kreuzberg. "Sie haben mir dort gesagt, für einen Deutschen sei ich nicht schlecht, und auch sonst ziemlich gut", so Rispo.

Zwei Jahre lang lernte er schmachten, stöhnen und tremolieren wie ein Anatolier; aus dem Hamburger wurde ein Über-Türke. "Ich habe noch nie einen so disziplinierten Schüler erlebt", schwärmt seine Gesangslehrerin Halime Karadenizli noch heute.

Integration maßlos dramatisiert

Nun steht Rispo wieder auf der Bühne, singt in perfektem Türkisch, erzählt auf Deutsch Geschichten aus seinem Leben. Sein Publikum, so ungefähr: zwei Drittel Türken, ein Drittel Deutsche, Cem Özdemir, Parteivorsitzender der Grünen war auch schon da. "Der hat das gehört und fand es klasse", sagt Rispo. "Und ich fand es klasse, dass er es klasse fand."

Nach den Konzerten strömen die Zuhörer zu ihm, die Türkischstämmigen haben oft Tränen in den Augen: Wann hat jemals ein Deutscher ihre Kultur mit so viel Leidenschaft und Wärme intoniert, wer hat ihnen jemals diesen Respekt erwiesen?

"Wir reden immer nur über diese beknackten Jugendlichen, die Busfahrer überfallen", sagt Rispo. "Es wird maßlos dramatisiert." Zu seinem Freundeskreis gehören Architekten, Versicherungsmakler und Arbeiter. Sie haben eine Eigentumswohnung in Deutschland und ein Häuschen in Südtürkei. Über diese Menschen, sagt Rispo, werde zu wenig gesprochen.

Er ist im Gespräch, manchmal hängt sich auch eine falsche Sehnsucht an seine Weste. Eine alte Dame fragte ihn mal: "Wie heißt Du wirklich?" Er sagte: Mario. "Jetzt im Ernst, wie heißt Du als Türke?" Ich bin kein Türke.

Da habe sie geweint.

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