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Interview

Das dämonische Kind

John Malkovich tritt in der Hamburger Elbphilharmonie als Diktator auf. Ein Gespräch über Macht, Schläge - und das todbringende Recklinghausen.

Mr. , in dieser Woche feiern Sie als größenwahnsinniger Diktator Weltpremiere in dem Theaterstück "Just Call Me God". Außerdem haben Sie eine neue Modekollektion entworfen und eine Jacke nach dem afrikanischen Despoten Mobutu benannt. Sind Sie gerade auf einem Powertrip?

Die Inspiration für die Jacke kam von einem Buch mit dem Titel "Dictator Style" . Darin war ein Foto von Mobutu in einem lustigen Outfit mit Ozelothut, das gleichzeitig auf schräge Art elegant war. Einige dieser Leute sind in modischen schon immer wagemutig gewesen.

Gibt es ein bestimmtes Vorbild für Ihre Rolle als Diktator?

Natürlich gibt es Anleihen an den Sturz von Gadhafi oder , also relativ aktuelle Ereignisse. Aber vor allem geht es mir darum, dass wir mittels der Figur des Diktators etwas über Macht und das Wesen der Macht sagen wollen.

Nämlich?

Dass gute Menschen nie nach der Macht streben, niemals. Punkt. Die Leute werden Ihnen was anderes erzählen, aber ich glaube ihnen nicht.

Im Skript von Autor Michael Sturminger werden auch Namen wie Trump, Putin und Sarkozy genannt und als "lächerliche Pseudo-Machos" verspottet.

Das Stück ist noch in Bewegung, und ich glaube, Namen wie Trump, Putin und Sarkozy werden wir wieder rausnehmen.

Warum?

Weil mir nicht klar ist, was die Passage, in der auch diese Namen vorkommen, zum Verständnis der Hauptfigur beitragen soll.

Beschäftigt Sie Donald Trump?

Nicht besonders. Es ist doch sinnlos. So viele Leute dozieren darüber, ich kann dazu überhaupt nichts beitragen. Ich lese keine Zeitungen und sehe kaum . Wie Paul Simon sagte: "Ein Mann hört, was er hören will, und ignoriert den Rest."

Ihre Exfrau sagte über Sie: "Wäre er nicht zum Theater gegangen, hätte ein großer Armeeführer aus ihm werden können."

Hat sie das gesagt? Ich bin nie in der Armee gewesen, hatte also nie die Gelegenheit, das auszuprobieren.

Was wäre aus Ihnen geworden, hätten Sie nicht den Weg ins Theater gefunden?

Ich denke oft darüber nach, je älter ich werde. Vielleicht Lehrer? Was wäre passiert, wenn ich im College nicht zufällig ein paar jungen Typen begegnet wäre, die die bescheuerte Idee hatten, ein Theater mit dem Namen "Steppenwolf" in aufzumachen. Dort habe ich alles gelernt, was ich brauchte, um später alles Weitere zu lernen.

Sie strahlen in Ihren Rollen eine seltene Mischung aus Sanftheit und bedrohlicher Intensität aus. Wo kommt das her?

Wenn ich überhaupt einen Funken Talent habe - was ich nie von mir behaupten würde -, dann liegt er in der Fähigkeit, dort zu sein, wo ich bin, und das zu tun, was ich gerade tue. Wenn ich auf einer Stoffmesse in Paris bin, dann bin ich dort und nirgendwo anders. Das Gleiche ist es, wenn ich eine Rolle spiele.

Sie wuchsen mit vier Geschwistern in Benton, Illinois auf, einem Bergarbeiterkaff im Mittleren Westen der USA. Ihr Vater soll Sie oft verprügelt haben.

Wobei die Abreibungen, die ich bekam, allesamt wohlverdient waren. Aber mein älterer Bruder Danny hackte immer auf mir herum, und ich fand nicht, dass ich das verdient hatte.

Warum hat er sie schikaniert?

Vielleicht war er neidisch auf mich, weil ich der Zweitgeborene war. Oder war ich so nervig, dass man mich einfach schikanieren musste? Allerdings mochte ich ihn sehr und er mich auch, glaube ich. Vielleicht war es eine Art Kindheitsdämon. Wir waren ziemlich dämonische Kinder.

Haben Sie sich gewehrt?

Ich habe ihn mehr als einmal mit einem Schlachtermesser in der Hand gejagt. Man hat es irgendwann satt, tyrannisiert zu werden.

Auch als Erwachsener haben Sie sich handgreiflich zur Wehr gesetzt. Einmal haben Sie in New York mit der Faust die Tür eines Busses eingeschlagen, weil der Fahrer Sie nicht mitnehmen wollte.

Das tat weh, aber ich war so wütend, dass ich es kaum gespürt habe. Schon der New Yorker Ausdruck auf dem Gesicht dieses Typen. New York ist nicht mein Lieblingsort, ich bin zu sehr vom Mittleren Westen geprägt.

Dort sind die Menschen für gewöhnlich höflicher als an der Ostküste. Einen Stalker im Central Park haben Sie mal mit einem Bowie-Messer verfolgt.

Das war ein Verrückter, der jeden beleidigte, der ihm über den Weg lief - sogar ältere Damen, und das mag ich nicht besonders. Aber das ist schon 30 Jahre her, und ich wäre heute wohl nicht mehr in der Lage zu so was. Ich bin zu alt, um mich zu prügeln. Außerdem rege ich mich selten so sehr über irgendetwas auf, dass es sich lohnen würde, deswegen jemanden zu verletzen.

Sie haben sich auf der Bühne über gehässige Kritiker lustig gemacht. Ist so ein klassischer Verriss nicht harmlos im Vergleich zu dem Hass, den Prominente wie Sie im Internet auf sich ziehen können?

Wenn du bekannt bist, dann gibt es immer Leute, die dich hassen. Sie hassen, was du tust, sie hassen, wie du aussiehst, sie hassen was auch immer. Wenn man in die Öffentlichkeit tritt, darf man nicht erwarten, dass einen jeder liebt. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, etwas im Internet zu kommentieren, weil es mir nicht gefällt. Es ist gefährlich, eine Menge Zeit mit Hassen zu verschwenden.

Haben Sie schon einen Shitstorm erlebt?

Der lustigste, an den ich mich erinnern kann, war völlig unbeabsichtigt. Mein verstorbener Freund, der Filmkritiker Roger Ebert, fragte mich am Rande eines Interviews, wie ich mich als Provinzler beim Filmfestival in Cannes fühle, wenn ich Leute wie Elizabeth Taylor an mir vorbeigehen sehe. "Na ja", sagte ich, "sie sieht inzwischen George Hamilton ziemlich ähnlich …"

… der zu dieser Zeit Taylors Partner war …

… und genauso braun gebrannt wie sie. Es war schrecklich peinlich, als Roger das druckte. Wir wurden dann auch nicht zur Hochzeit eingeladen, als Elizabeth Taylor ihren siebten Mann Larry Fortensky heiratete.

Bevorzugen Sie Komödien oder Tragödien?

Wahrscheinlich Komödien, aber beide sind so eng miteinander verwandt. Mit der Menschheit ist es doch so: Wenn jemand anderem etwas zustößt, ist es super lustig, aber wenn es mir selbst passiert, dann ist es eine Tragödie. So sind die Menschen. Manche glauben, dass nie etwas Schlimmes passieren werde. Ich bin mir da nicht so sicher.

Warum nicht?

Stefan Zweig hat das wunderbar in "Die Welt von Gestern" beschrieben: Noch im Sommer vor dem Ersten Weltkrieg waren das Gemetzel und der Wahnsinn vollkommen unvorstellbar, die bald folgen würden. Die Lektion: Denke immer daran - alles ist möglich! Wir glauben gern, dass so etwas nicht möglich ist und die Welt weiter den Pfad von Aufklärung und Fortschritt beschreitet.

Was war das Schlimmste, das Ihnen je passiert ist?

Ich habe innerhalb von fünf Jahren mehrere Familienmitglieder verloren. Jedes Mal, wenn ich in der Stadt Recklinghausen auftrete, scheint jemand aus der Familie zu sterben. Das war schlimm, aber man kann es nicht ändern, und anderen Menschen geht es so viel schlechter.

Ihr Vater starb im Alter von 53 Jahren an einem Herzinfarkt. Fragen Sie sich manchmal, wie Sie sterben werden?

Natürlich, oft genug. Am schönsten wäre es natürlich, eines Tages einfach nicht aufzuwachen. Aber das geht den wenigsten Leuten so. Leider geht das Sterben oft mit Qualen einher. Aber Sterbehilfe ist heutzutage anerkannter als noch vor ein paar Jahren.

Haben Sie über Sterbehilfe nachgedacht?

Nur beiläufig. Ich weiß nicht, ob ich zehn Jahre lang in einem Altersheim sitzen möchte, ohne zu wissen, welches Jahr wir haben. Auf der anderen Seite bin ich vor zwei Jahren auf dem Begräbnis des portugiesischen Regisseurs Manoel de Oliveira gewesen, mit dem ich mehrfach zusammengearbeitet habe. Er war 106, als er starb, und hat bis zum letzten Tag gearbeitet. Man weiß nie im Leben.

Was ist schlimmer: Sein gesamtes Geld wie John Cleese bei der dritten Scheidung zu verlieren oder wie Sie an den Betrüger Bernie Madoff?

Für ihn war das sicher schlimmer. Ich verlor zwar alles, was ich in meinem Leben verdient hatte. Aber was ist das verglichen mit Menschen, die 50 Jahre lang eine Autowerkstatt betrieben haben - und dann ist auf einmal alles weg und sie müssen Tüten an der Supermarktkasse packen.

Sie nehmen so einen Millionenverlust gelassen?

Für mich bedeutete das eben, dass ich nicht nur Musiktheaterstücke mache wie jetzt in der Elbphilharmonie, sondern auch den einen oder anderen Film. Du nimmst halt mal den Billigflieger, und wenn du Hunger hast, kauf dir ein paar Erdnüsse und halt die Klappe. Niemand kümmert es, wenn dein Geld weg ist, und das ist auch gut so. Schließlich war es ohnehin Geld, das normale Leute nie verdienen können.

Apropos normale Leute. In einem Werbespot für Ihre Modekollektion streiten Sie sich mit einem unbekannten John Malkovich, der den Namen für einen Angelblog benutzt, um die Domäne johnmalkovich.com. Gibt es den tatsächlich?

Nein, aber wir hätten fast meinen Cousin John Malkovich für den Spot genommen. Wenn ich Zeit habe, schaue ich immer noch gern bei ihm vorbei. Als wir jung waren, gingen wir in dieselbe Klasse und spielten im selben Football-Team.

Sie wurden mehrmals für den Oscar und die Golden Globes nominiert, haben einen Emmy gewonnen. Was ist die größte Ehre, die Ihnen jemals zuteil wurde?

Als das Londoner Edelkaufhaus Liberty mich vor ein paar Jahren bat, einen Stoff für sie zu entwerfen. Das war einfach unglaublich.


Das Stück "Just Call Me God" feiert am 8. 3. Weltpremiere in der Elbphilharmonie in Hamburg. Weitere Termine: 9. und 10. 3., gegebenenfalls wenige Restkarten an der Abendkasse

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