Sie hatten Angst davor, eine "uncoole" Platte zu machen - eine unbegründete Sorge. Die Fantastischen Vier melden sich mit ihrem neuen Album "VIEL" zurück und sprechen erstmals über das Altern und Jugendsünden, verlorene Ideale und gefundene Gelassenheit.

Ihre echten Namen kennt fast niemand - Michael Bernd Schmidt (Smudo), Thomas Dürr (Thomas D), Michael Beck (Michi Beck) und Andreas Rieke (And.Y); v. l.© Die Fantastischen Vier
Von Oliver Link und Hannes Ross
Smudo: Es gab sicherlich die Angst, dass wir eine uncoole Platte machen, von der alle sagen: "Warum machen diese Millionäre da so eine Platte? Die brauchen wir nicht."
Michi Beck: Hätten wir die Platte nicht hingekriegt, dann wäre es das gewesen mit uns. Es war voher eine ganze Weile die Frage, ob wir als Band überhaupt weitermachen können. Wir mussten uns erst mal wieder zusammenraufen...
Thomas D: ... dafür sind wir Ende 2002 für zwei Wochen auf eine Hütte im Vorarlberg gefahren, haben uns da zusammen eingeschlossen und sind jetzt wieder an einem Punkt, an dem wir meiner Meinung nach lange Zeit nicht mehr waren.
Michi Beck: Wir haben uns jetzt wieder sehr gut kennen gelernt. Die ersten drei Tage der Session dachte ich, das wird nichts. Ich war wahnsinnig deprimiert, habe ständig mit meiner Freundin telefoniert und der was vorgeheult. Für mich selbst war klar: Ich mach nicht diese Scheißplatte, nur um eine Platte zu machen.
Smudo: "Freunde" trifft es nicht mehr. Familie passt besser. Wir haben gemeinsam Karriere gemacht, eine eigene Plattenfirma gegründet, Geld verdient, sind gemeinsam mit Blumen und Tomaten beworfen worden. Doch ich mache mit den dreien nicht mehr die Dinge, die ich mit Freunden machen würde. Wir gehen sehr selten gemeinsam einen trinken.
And.Y: Die Individualisierung gab es schon ab 1993. Ab da entwickelte es sich bei uns auseinander. Thomas D: Wenn wir uns treffen, dann treffen wir uns inzwischen, weil wir gemeinsam arbeiten wollen oder müssen.
Michi Beck: Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht. Das ist bei uns ähnlich. Wie gut kennst du deinen Bruder, wenn er fünf Jahre in einer anderen Stadt gewohnt hat? Du kennst seine Vergangenheit, aber inzwischen lebt jeder sein eigenes Leben. Und trotzdem liebt man sich...
Thomas D: ... und verletzt sich auch gegenseitig. Gewalt gab es bis jetzt aber noch keine.
Smudo: Ein fliegender Stuhl in 15 Jahren. Das geht doch noch.
Thomas D: Ich denke da gar nicht so sehr drüber nach. Eigentlich seltsam. Ich weiß zwar: In 16 Jahren ist meine Tochter alt genug, um ihren eigenen Weg zu gehen. Aber ich stelle mir nicht vor, dass ich dann selbst anders sein werde als jetzt. Ich hoffe, dass ich noch ich sein werde. So, als würde meine Alterung nicht stattfinden.
Michi Beck: Mein Schiss vor dem Alter ist, dass ich irgendwann als Berufsjugendlicher ende. In unserem Job gibt es diese Restgefahr, dass du irgendwo reingerätst, wo du eigentlich nicht hingehörst. Bei meiner Soloplatte hat Scorpio von Grandmaster Flash mitgearbeitet. Der ist über 40 und ist mit übergroßen Hosen herumgelaufen, die wie Strampelanzüge aussehen. Ich fand das würdelos. Gruselig.
Thomas D: Coolio ist auch so einer, der seine Würde verloren hat...
Smudo: ... der macht mit Jazzy und Chris Norman einen Song und rennt in die Comeback-Show bei ProSieben mit Arabella Kiesbauer! Der ist oder war eindeutig ein besonderer Künstler mit einer besonderen Stimme. Bei solchen Leuten denke ich: Der kann doch was! Der ist doch was! Und jetzt verhält er sich so bescheuert. Der wird im Fernsehen interviewt und sagt: "Yeah! Mein neues Album kommt raus. Es heißt Return of a Gangsta." Da muss ich ausschalten. Da krieg ich Augenkrebs.
Michi Beck: Mir geht es so, dass ich mich nicht richtig aus dem Discoleben eines Mittzwanzigers verabschieden kann. Gleichzeitig merke ich, dass sich unser Umfeld dramatischer verändert als in den Jahren zuvor. Die Leute heiraten, kriegen Kinder, werden gesetzter.
Thomas D: Ich verspüre eine Liebe zu meiner Tochter, die ich noch nie in meinem Leben gekannt habe. Das lässt mich instinktiv Dinge tun, die ich sonst nie auf mich nehmen würde. Ich würde für sie töten, und ich würde für sie sterben. So einen Satz hätte ich früher nie gesagt. Es gab bei mir einen Wandel vom großen Plan auf den kleinen Plan, der mich und mein privates Umfeld betrifft. Früher war das anders. Früher war ich wirklich davon überzeugt, wir als Band könnten die ganze Welt retten. Das bin ich nicht mehr.
Smudo: Die Welt retten? Was meinst du denn damit?
Thomas D: Früher ging es mir um den Weltfrieden.
Smudo: Das hast du im Ernst geglaubt?
Michi Beck: Das kannst du doch nicht mit ein paar deutschsprachigen Rap-Platten erreichen!
Thomas D: Ich habe eben ein bisschen länger gebraucht, um das zu begreifen. Ich fürchte, unsere Generation wird es nicht mehr schaffen, die Welt zu retten. Ich habe mich da von den stürmischen Idealen meiner Jugend verabschiedet.
Smudo: Ich habe wirklich erst heute erfahren, dass du das damals wirklich ernst gemeint hast.