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Mittepunkt der Welt

Coole Läden, schöne Menschen, schräge Outfits: In Berlin-Mitte steigen die besten Elektropartys der Welt. Eva Padberg und Niklas Worgt sagen, warum die Hauptstadtszene trotzdem schlechter ist als ihr Ruf.

Frau Padberg, Herr Dapayk, Sie veröffentlichen als Dapayk & Padberg bereits die zweite CD. Wegen Frau Padbergs Modelkarriere wird ihre Musik aber von vielen bestimmt gar nicht ernst genommen, oder?

Eva Padberg: Viele Leute, die da zunächst mit einer eher ablehnenden Haltung rangegangen sind, waren positiv überrascht. Wir hören oft, dass es gar nicht so schlimm ist, wie sie es erwartet hätten. (lacht) Außerdem ist es für das Projekt auch ein Vorteil, dass ich bekannt bin. Die Leute sind deswegen erst mal neugierig. Niklas Worgt: Elektro ist auch eine Musikrichtung, die die Leute gar nicht erwarten. Wir machen Clubmusik, die nicht darauf abzielt, in den Charts große Erfolge zu landen. Das hat man ja bei einem Model normalerweise als Erstes im Kopf: Ach, jetzt will sie damit auch noch Geld verdienen. Darum geht es uns aber nicht. Es ist einfach ein Spaßding. Wenn da etwas Geld übrig bleibt, ist es schön, wenn nicht - dann ist das auch scheißegal.

Man kann den Leuten ihr Vorurteil aber nicht wirklich zum Vorwurf machen, wenn man an die vielen hochpeinlichen Musikversuche von Models denkt.

Padberg: Bei mir ist es ja aus einem Hobby heraus entstanden, als zweites Standbein war die Musik nie wirklich angedacht. Nebenbei bemerkt gibt es auch Models, die gute Musik machen. Carla Bruni ist wohl das beste Beispiel. Wenn sich jemand schon immer für Musik interessiert und einen Background hat, dann funktioniert das auch ganz gut. Natürlich gibt es Models, die einfach einen Produzenten treffen, der dann zu ihnen sagt: Du Mädel, dir mach ich eine heiße Scheibe, und wir ziehen dir Hotpants an im Video. Ganz bestimmt wird damit auch sehr viel Geld verdient. Man ist eh schon in der Entertainmentbranche, da finde ich es eigentlich ganz legitim, wenn man auch die verschiedenen Möglichkeiten durchspielt.

Vom Coolnessfaktor der Clubszene zu profitieren, ist eine dieser Möglichkeiten. Ist man in den wirklich angesagten Läden deswegen nicht besonders misstrauisch und arrogant gegenüber Promis?

Worgt: Ach, das kommt immer darauf an, in welche Richtung du dich bewegst. Ich habe nichts gegen Giulia Siegel, ich kenne sie persönlich nicht. Aber sie ist eben für immer so ein Beispiel, wo die Leute schon eher wegen des Namens hingehen und sagen: Das kann nichts werden, das ist gruselig, sieht aber gut aus. Wir bewegen uns aber in einer ganz anderen Nische. Und selbst wenn die Leute damit nichts anfangen können, haben wir zumindest nie gehört, dass wir Scheiße machen. Ich hab letztens gelesen, dass Berliner Clubs alles an der Tür abweisen, von deutschen Soap-Opera-Stars bis zu Britney Spears. Das ist schon bitter! Wir hatten das Problem bisher noch nicht, Eva hat ja direkt mit der Szene zu tun. Wenn es in der Clubszene eine Arroganz gibt, dann hat die vor allem mit musikalischen Dogmen zu tun.

Bei ihrer Tour zur ersten Platte sind dann aber trotzdem vor allem promigeile Klatschspaltenleser gekommen.

Worgt: Deswegen hat es danach auch keine weitere Tour gegeben. Da hast du den coolsten Undergroundclub, den es seit zehn oder 15 Jahren gibt, und selbst der verkauft dann für 50 Gäste mehr seine Seele und macht auf Promibooking. Dann hast du vorne drei Reihen mit Leuten, die mit ihren Handykameras knipsen - und keiner tanzt. Okay, irgendwo hinten gibt es doch noch Leute, die versuchen, von der Musik etwas mitzubekommen. Deswegen spielen wir zum neuen Album nur fünf ausgewählte Gigs in Clubs, die wir kennen und bei denen wir uns darauf verlassen können, dass auf ihren Flyern das Wort Supermodel nicht auftaucht, schon gar nicht in überdimensionaler Größe.

Frau Padberg, Ihr Beruf als Model hat sehr viel mit Körperdisziplin zu tun. Beim Clubbing geht es ja eher ums Gegenteil, um Entgrenzung. Sind elektronische Musik und Clubkultur für Sie ein Ausgleich?

Wenn man in dem Modeljob richtig gut arbeitet und weiterhin gebucht werden will, dann muss man diszipliniert sein. Man darf sich nicht ständig gehenlassen, nachts weggehen und einen über den Durst saufen. Die Musik ist schon ein krasser Gegensatz zum Modeln. Musiker sind immer gut drauf, haben Spaß, sie machen ganze Nächte durch, gerade in der Musikbranche, in der wir uns bewegen. Aber es ist nicht mein Ziel, einen krassen Gegensatz in meinem Leben aufzubauen, ich will nicht aufbegehren. Bei unserer letzten Tour haben sich Musik und Modeljobs teilweise schon etwas überschnitten. Dann passen wir besonders auf, dass man zwischendurch mal schlafen kann und auch ein paar Tage frei hat.

Fällt der Verzicht nicht oft auch schwer? Oder ist die Berliner Clubszene gar nicht so aufregend, wie immer behauptet wird?

Worgt: Was in Berlin abgeht, wird von außen immer als das Nonplusultra betrachtet. Mit Sicherheit ist Berlin auch die Welthauptstadt der elektronischen Musik. Man merkt das alleine daran, dass jeden Monat Musiker und DJs aus aller Welt für immer nach Berlin ziehen. Einerseits bringt das natürlich viele nette Menschen mit denselben Interessen zusammen. Andererseits erwartet man immer, dass etwas Neues entsteht - und es passiert gar nichts. Alle, die nach Berlin kommen, passen sich der Szene an. Es gibt hier lediglich eine bestimmte Spielart von Minimal, die auch nur in Berlin so gespielt wird. Unsere ganze Clique geht eigentlich in Berlin kaum weg, weil du genau weißt, was dich erwartet. Du hast dann auf zwei Floors sechs DJs - und alle klingen gleich. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich dreimal lieber in einer anderen Stadt spiele. Da weiß ich, dass ich auch mal ein Breakbeatbrett spielen kann, ohne dass die Leute gleich an die Bar gehen. Wenn du frisch nach Berlin kommst, ist es natürlich ein großes, neues Ding, aber nach einer Weile bemerkst du diese Monotonie. Padberg: Trotzdem gibt es natürlich ein paar echt gute Clubs in Berlin, die aufgrund der Location interessante Sachen bieten. Einen Club wie das OstGut hat man mit Sicherheit woanders noch nicht gesehen. Wenn du da das erste Mal reinkommst, fällt dir die Kinnlade runter. Der Laden sieht einfach so grandios gut aus. Worgt: Das OstGut ist meines Erachtens immer noch der beste Club der Welt. Aber es passiert auch da nichts mehr, seit drei Jahren stagniert alles.

DJs wie Hans Nieswandt schwärmen deswegen von semiprofessionellen Clubs im Osten, mit Veranstaltern, die nicht auf Profit aus sind, sondern ihre Partys noch mit Leidenschaft und Idealen organisieren.

Worgt: Das ist bestimmt schon drei oder vier Jahre her. Im Osten merkt man schon, dass die Musikentwicklung anders vorangeht als in den Zentren. Der Sound ist in der Regel wesentlich härter. Die Partys mit alten Sofas und viel Herzblut sind inzwischen auf einem anderen Niveau. Das ist eine Parallelentwicklung, die weniger über zeitgenössischen Minimal geht, sondern eher über Techhouse. Da ist auch wichtig, dass ein Headliner da ist, sonst kommt keiner. Im Osten brauchen sie Namen, Namen, Namen. Und da ist es dann auch egal, ob die Gast-DJs aus Berlin, Rio oder der nächstgrößeren Stadt kommen. Hauptsache, sie sind angereist. Das ist eine andere Kultur, die funktioniert anders. Padberg: Diesen Idealismus, einen geilen Abend mit cooler Musik zu machen, die vielleicht noch niemand gehört hat, den haben wir selbst kaum noch so erlebt. Man steckt aber auch viel zu tief in der Szene drin!

Gleichzeitig müssen Sie wegen Ihres Modeljobs auch ganz oft auf Partys, die mit der Szene nicht besonders viel zu tun haben…

Padberg: Ich muss schon mal ab und zu auf irgendwelche Events, aber das sind dann meistens keine Clubs, sondern irgendwelche anderen Locations. Da spielen dann eben die üblichen DJs, die immer bei Promievents gebucht werden. Aber das ist auch okay. Das passt da ja hin. Die ganze Nacht muss ich mir das aber nicht geben. In Berlin gibt es auch den einen oder anderen schicken Club, aber da gehen wir eigentlich gar nicht hin.

Selbst in den abgefucktesten und coolsten Clubs ist das Styling der Leute inzwischen ja wieder sehr wichtig geworden.

Padberg: In Berlin ist das gerade total ausgeflippt. Wenn du am Sonntag in die Bar 25 gehst, dann siehst du zwar nur Freaks, aber die haben alle Stil. Outfits, die Niklas heute getragen hat, kamen schon an diese Sachen ran. Momentan ist es wieder sehr cool, wenn man sich ein paar Gedanken macht. Man zieht Sachen an, die man sonst vielleicht nie anziehen würde: verrückte Farben, komische Schnitte. Es ist gerade alles irgendwie sehr avantgardistisch in Berlin. Das ist das, wozu man liebevoll Mittechic sagt. Sonnenbrillen, Leggins, alles ist dabei.

Dabei war es doch eigentlich ein Vorteil, dass Outfits bei House und Techno in den letzten Jahren nicht mehr so wichtig waren!

Padberg: Ich finde es heute auf jeden Fall erst mal gut. Das ist nicht so albern wie die orangefarbigen Westen und die weißen Handschuhe in den 90ern. Damals war das Styling eher nach dem Motto: Ich gehe jetzt auf eine Technoparty und ziehe mir dafür ein Kostüm an. Jetzt ist es ja nicht so, dass die Leute sich kostümieren. Worgt: Für mich ist das eine Gegenbewegung zu diesen Techno-Großveranstaltungen, bei denen alle ihre Hoodies anhatten. Alle trugen Kapuzenpullis, Schlabberhosen und maximal noch ein Trägershirt. Und bald wird es bestimmt auch wieder eine Gegenbewegung geben, dann kommt wieder was Düsteres, Simples, Dreckiges. Padberg: Momentan muss man zu der superreduzierten Musik wohl ein bisschen mehr Outfit bringen, damit nicht mehr alles so minimal ist. Man tanzt ja auch nicht mehr so ausgelassen, sondern schwoft nur noch ein bisschen.

Können Sie selbst denn überhaupt noch entspannt und unerkannt durch die ganz normalen Clubs ziehen?

Padberg: Entspannt schon, unerkannt nicht immer. Die Berliner interessiert das aber nicht. Die sind es schon gewohnt, dass da vielleicht mal jemand rumläuft, den man schon im Fernsehen gesehen hat. Ich denke, diejenigen, die dann aufgeregt gucken, das sind eher die Leute, die auf Besuch in Berlin sind. Manchmal kommt schon einer und fragt, ob ich denn wirklich Eva Padberg sei. Aber das blieb immer ganz entspannt. Es war noch nie so, dass wir irgendwo fliehen mussten.

Aber müssen Sie nicht ständig Angst haben, dass am nächsten Tag ein Partyfoto von Ihnen in der Zeitung auftaucht? Die Firmen, mit denen Sie Verträge haben, würden das sicher nicht so witzig finden...

Padberg: Das gab es noch nie. Ich habe eigentlich immer meinen Radar an. Wenn ich mal nicht so wachsam bin, dann habe ich immer noch Niklas oder andere Freunde, die aufpassen. Und wenn da jemand mit der Kamera oder mit dem Handy steht, dann können wir das meistens ganz gut abwehren. Ich drehe demjenigen den Rücken zu, oder es tanzt jemand dazwischen. Irgendwie klappt das immer. Das versuche ich schon immer zu handeln. Ich will niemanden vor den Kopf stoßen, vor allem nicht die Kunden, mit denen ich arbeite. Worgt: Aber es gibt ja auch nichts, wobei sie dich filmen könnten. Sie können dich dabei filmen, wie du einen Jägermeister an der Bar trinkst. Oho. Das wird Mercedes oder Nike auch nicht schocken. Hier geht es ja nicht um Kate Moss. Wir gehen ganz normal weg, meist ins OstGut. Da juckt das keinen. Du darfst auch gar keine Kamera mit reinnehmen. Die verprügeln dich und brechen dir vermutlich die Beine, wenn du da mit 'ner Kamera auftauchst. Du kannst ohne Ende Drogen mit reinnehmen, aber mit einer Kamera sieht es ganz schlecht aus. (lacht)

Interview: Carsten Schrader
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