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"Zu viele Künstler lassen die Hosen herunter"

Seit Jahren feiern Sänger Max Raabe und sein Palastorchester mit deutschen Retro-Liedern große Erfolge - und das weltweit. Im stern.de-Interview erzählt der Sänger von seinen Konzerten in der New Yorker Carnegie Hall - und was er auf Marilyn Mansons Hochzeit gemacht hat.

Sie haben Ihr neues Album live in der berühmten New Yorker Carnegie Hall aufgenommen. Was war das Besondere an diesem Ort?

Die Carnegie Hall ist der Hohe Tempel der klassischen Musik. So weit ich weiß, sind wir die ersten deutschen Unterhaltungskünstler, die dort gespielt haben. Der Saal war ausverkauft und die Zuschauer gaben uns stehende Ovationen. Das ist schon etwas Großes. Schließlich muss man den Amerikanern nicht das Entertainment vorbeibringen.

Für einen Musiker kommt nach der Carnegie Hall nicht mehr viel, oder?

Doch, danach kommt Lübeck und Kiel. Und das Publikum erwartet die gleiche Leistung und den Glanz wie in New York zwei Tage zuvor. Wir können dort ja nicht mit halber Kraft auftreten, nur weil wir in einer unglamourösen Mehrzweckhalle spielen.

Reagieren die Menschen auf Ihre Darbietung weltweit unterschiedlich?

Mittlerweile sind wir so globalisiert, dass es höchstens noch Mentalitätsunterschiede gibt. Der größte Unterschied besteht für mich in den Wochentagen. Der Montag zum Beispiel ist der schwierigste Tag für uns. Das sind die Leute etwas muffig, weil die Arbeitswoche wieder angefangen hat. Am Freitag stehen sie mehr unter Strom, schließlich soll unser Konzert der perfekte Start ins Wochenende sein. Der Samstag ist schwierig. Den Abend haben die Menschen für besondere Anlässe freigehalten, also wollen sie auch etwas Geniales erleben.

Sie wirken stets perfekt gekleidet und bewahren die Haltung. Was bringt Sie wirklich aus der Fassung?

Missgeschicke sind mir schon häufiger auf der Bühne passiert. Ich muss dann zwar lachen, aber als Kontrollfreak finde ich das furchtbar. Es lassen zu viele Künstler die Hosen herunter, da finde ich es gut, wenn es mal einer nicht tut, sondern nur durchs Handwerk glänzt.

Ihr Repertoire umfasst mittlerweile etwa 500 Lieder. Wie merkt man sich so viele Songs?

Die Stücke, die ich sorgsam einstudiere, behalte ich auch. Das Gehirn aber arbeitet nach ganz komischen Gesetzen und lässt einen manchmal hängen. Dass passiert mir aber nicht häufig. Trotzdem könnten Sie uns einen Song zurufen, und wir spielen ihn aus dem Stand.

Welche Lieder fordert das Publikum immer wieder?

Wir wollen bei jedem neuen Konzert in einer Stadt das Publikum mit anderen Stücken verblüffen. Wenn ein Lieblingslied nicht gespielt wird, dann schleichen die Menschen traurig nach Hause. Den Song "Mein kleiner grüner Kaktus" spielen wir immer, weil da Glückshormone beim Publikum frei werden, die auf die Bühne schwappen. Ansonsten gibt es bei uns Gott sei Dank keine Zwischenrufkultur. Und so etwas funktioniert in diesem Rahmen auch gar nicht. Wir sind ja kein Musikautomat.

Welche Songs können Sie nicht mehr ertragen?

Bevor uns ein Stück Schmerzen bereitet, nehmen wir es aus dem Repertoire. Es gibt Lieder, die auch nach Jahren noch frisch klingen - und Titel, die einem irgendwann auf die Nerven gehen. In der Regel finden sie den Weg jedoch zurück. Es gibt aber auch Songs, die wir zu Grunde geritten haben und nie wieder spielen.

Sie sollen Ihre Lieder in Archiven und auf Flohmärkten finden. Stöbert Max Raabe kopfüber in Kisten nach raren Juwelen?

Leider sind die Zeiten mit den Flohmärkten und Schellackplatten vorbei. Daran bin ich selbst Schuld, denn ich habe alles aufgekauft. Anders ist die Situation in den Archiven von Musikhandlungen. Hier findet man, wenn auch selten, gutes Material. Das ist Fleißarbeit - wir sind wie Detektive unterwegs, um unentdeckte musikalische Perlen aufzuspüren. Dazu kommt, dass sich Sammler bei mir melden und manchmal schon am Telefon ihre Schallplatten vorspielen. So kann ich sofort entscheiden, ob das Stück mir zusagt.

Wer setzt die Stücke für das Orchester um?

Der wichtigste Mann für unser Orchester ist Günther Gürsch. Der 85-jährige Arrangeur zerlegt die Aufnahmen Stück für Stück in Noten und setzt sie fürs Orchester um. Ein Mann mit Ohren wie ein Luchs.

Sie haben 2005 auf der Hochzeit von Marilyn Manson gespielt. Was verbindet Sie mit dem Schock-Rocker?

Er hat genauso wie ich eine Form für die Bühne gefunden - wir beide schlüpfen in eine Figur. Seine fällt dabei wesentlich grimmiger aus als meine. Ich schätze an Manson seine sehr intelligente Äußerung in dem Film von Michael Moore "Bowling for Columbine". Mit einer klugen Betrachtung seiner Sicht auf die Welt zeigt er sein wahres Gesicht.

Marilyn Manson bewundert Ihren musikalischen Stil. Wie verhält es sich umgekehrt?

Wenn ich bei einem Video Einfluss darauf habe, die Lautstärke selbst zu regulieren, kann ich seiner Sache eher folgen. Sonst ist es mir zu krachig. Es ehrt uns natürlich sehr, dass Manson unsere Arbeit so schätzt. Manson als Fan von uns zu bezeichnen wäre auch zu vermessen. Er mag die alte Zeit und das, was dort künstlerisch passierte.

Neuer Popmusik sind Sie nicht unbedingt zugeneigt. Gibt es dennoch jemanden, den Sie verehren?

Amy Winehouse begeistert mich momentan sehr. Sie verfügt über eine Wahnsinns-Stimme, zudem sind Texte und Musik so klar und sauber. Was mir als Popmusik einleuchtend erscheint verkörpert Amy Winehouse auf perfekte Weise.

Der Lebensstil von Amy Winehouse passt aber gar nicht in Ihre beschauliche Welt.

Ich habe sie anfangs nur über ihre Musik wahrgenommen, die ganzen Drogengeschichten habe ich gar nicht direkt mit ihr in Verbindung gebracht - ich fand sie einfach toll! Erst bei einem Essen mit Freunden wurde mir dann klar, dass es sich um die Person handelt, die ständig in der Klatschpresse auftaucht. Bitter, aber wer so begabt ist und so brennt, verbrennt auch leicht. Ich hoffe, sie bekommt noch die Kurve.

Würden Sie gerne mit ihr zusammen singen?

Wie soll das aussehen? Die tickt ja auch ganz anders. Aber wenn sich so etwas ergeben sollte, warum nicht. Es lohnt sich immer, über Dinge nachzudenken.

Man kennt Sie als stets gepflegten Mensch. Was bedeutet Stil für Max Raabe?

Stil darf nicht so in den Vordergrund treten. An einem Menschen interessieren mich eher andere Dinge. Was nützt mir jemand, der viel Stil hat, aber einen ganz unangenehmen Charakter besitzt? Da ist mir der schludrige Typ mit Herz wirklich lieber. Ich schätze zwar Stil, suche mir darüber aber nicht mein Umfeld aus.

Wie sieht Ihr Stil im Alltag aus? Fahren Sie einen englischen Sportwagen und ist Ihre Wohnung ein Art-déco-Museum?

In meiner Bude weht schon ein bestimmter Wind; Bequemlichkeit wird bei mir so groß geschrieben wie Partytauglichkeit. Sie werden aber nichts Verchromtes finden. Bei Max Raabe herrscht kein Art-déco-Terror!

Kurze Hosen: ja oder nein?

Eigentlich nur bis zum 16. Lebensjahr. Alles, was nicht übers Knie geht, ist bedenklich. Für einen Ausflug aufs Land geht es gerade noch, innerhalb der Stadtmauern sollten nur Pfadfinder auf kurze Hosen zurückgreifen.

Sie besitzen kein Handy. Warum?

Ein Handy stört fast überall und geht auf die Nerven. Ich brauche nicht immer erreichbar sein. Wenn ich schon telefonieren muss, geht das auch prima über öffentliche Telefonzellen. Kommissar Derrick musste in den 70ern auch mit dem Peterwagen an der Telefonzelle halten, wenn es mal brenzlig wurde. Übrigens nutze ich auch keine E-Mail oder das Internet. Ich habe eine Faxgerät und einen Anrufbeantworter - das reicht!

Eine Songzeile von Max Raabe lautet "Mein Herz ist ein Salon für schöne Frauen". Ist der schon voll? Und wer wohnt darin?

Er wird bewohnt und das schon seit langer Zeit, das steht fest. An einen Ausbau des Salons denke ich nicht. In meiner Wohnung wohne ich jedoch alleine.

Interview: Thomas Soltau

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