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20. Februar 2008, 11:45 Uhr

"'Evita' wird es in 30 Jahren noch geben"

Was fasziniert ein Millionenpublikum an Musicals? Deutschlands Musical-Papst Michael Kunze schreibt seit 20 Jahren Erfolgsstücke wie "Tanz der Vampire", "Elizabeth" oder "Mozart!" Im stern.de-Interview erklärt er, wie viel Drama das Publikum braucht und warum er nicht viel vom Feuilleton hält. Von Ansgar Vaut

Spätestens seit Madonna in der Musicalverfilmung die argentinische Präsidentengattin Eva Peron verkörpert hat, ist "Evita" ein Begriff© Cinetext

Herr Kunze, Sie nennen sich selbst Storyarchitekt. Wie wichtig ist die Story bei einem Musical?

Das kann ich nicht allgemein sagen. Bei einem ABBA-Musical ist die Musik von ABBA wichtig. Bei meinen Stücken dagegen ist die Story alles. Die Musik hat der Story zu dienen. Der Tanz muss die Geschichte weiterspinnen, sonst ist er nur Hopserei. Daher habe ich das Handwerk des Stückebauens gründlich studiert. In Deutschland hat man zuletzt in der Zeit von Richard Strauß Stücke architektonisch gebaut. Später hat man gedacht: Musiktheater ist Unterhaltung, da muss ich nur singen und zwischendurch tanzen - Blödsinn!

Der deutsche "Musical-Papst": Michael Kunze© Alexander Christoph Wulz

Wie viel Ernsthaftigkeit kann man dem Musical-Publikum zumuten?

Viel. Keiner zahlt 100 Euro, nur um einen netten Abend zu haben. Das Publikum will ein tiefes emotionales Erlebnis, das es sonst nur auf einer Reise bekommt oder bei einer ganz besonderen persönlichen Erfahrung.

Wie komplex darf die Story sein?

Vorausetzung ist, dass das Publikum sich mit der Hauptfigur identifiziert. Dann kann die Geschichte so komplex sein, wie sie eben sein muss, damit die Hauptfigur ans Ziel kommt.

Gilt das für Musicals generell?

Das Musical als solches gibt es überhaupt nicht. Der Begriff ist zu weit. Auch eine alberne Revue, in der einfach nur Lieder zusammengestellt sind, nennt sich Musical. Ich meine: Das Udo-Jürgens-Musical und die Inszenierung von "Wicked" in Stuttgart kann man nicht vergleichen. Das sind zwei Welten!

Auch qualitativ?

Ja natürlich, auch qualitativ! Inhaltlich und qualitativ. Würmer und Affen sind beide Tiere. Aber man kann nicht sagen, dass beide auf dem Boden kriechen, oder? Deswegen halte ich von dem Begriff Musical nichts. Im heutigen Musiktheater gibt es sowohl ein hohes Maß an Perfektion als auch ein hohes Maß an Dilettantismus. Wie in jedem anderen Genre.

Sie bezeichnen Ihre Werke auch als "DramaMusicals". Haben DramaMusicals ein anderes Publikum als Disney-Musicals oder vergleichbare Aufführungen?

Absolut. Ich glaube, dass meine Musicals ein Publikum anziehen, das nicht so sehr an leichter Unterhaltung interessiert ist, sondern etwas Ernstes will. "Die Schöne und das Biest" oder "Dirty Dancing" haben ein anderes Publikum.

Anders im Sinne von anspruchsvoller?

Ich würde das nicht werten. Mein Publikum ist wohl mehr an Drama als an Musical interessiert. Ich sehe im Übrigen gar keinen Unterschied zwischen Theater und Musicals. Für mich ist Musical eine Form des Theaters. Die Einschätzung einer gewissen Presse, die Musical als zweitrangiges Theater betrachten, kann ich nicht nachempfinden

Vielleicht ist der Unterschied der kommerzielle Anspruch des Musicals?

Es ist eine Legende, dass Musicals stets kommerziell sind. Die ganz großen Musicals haben ihren Ursprung alle am subventionierten Theater. Auch meine Stücke sind in Wien an einem subventionierten Theater entstanden. Aber über Musicals wird ein Stellvertreterkrieg geführt - von Feuilletonisten, die versuchen, das subventionierte Theater um jeden Preis zu schützen. Und in diesem Krieg ist sich auch eine "Süddeutsche Zeitung" nicht zu schade, ein bestimmtes Musical mit einer hämischen Bemerkung über das ganze Genre abzuqualifizieren.

Wie wichtig ist Ihnen die Anerkennung der Kritiker?

Wenn ich die Wahl habe, ist mir die Anerkennung des Publikums lieber. Aber natürlich lese ich, was die Feuilletons schreiben, und bei negativer Kritik bin ich gekränkt. Leider hört für das Feuilleton das akzeptable Musical bei Bernstein auf. Und den akzeptieren sie nur, weil er Klassik geschrieben hat. Die Zeit wird diese Einschätzung korrigieren. Einige der Stücke, die man heute als bloßes Musical abtut, werden auch in 30 Jahren noch aufgeführt werden. Und dann als Kunstwerke etabliert sein.

Geben Sie einen Tipp ab, welche drei Musicals die nächsten Jahrzehnte überdauern?

"Evita" wird es noch geben. Mein Stück "Elisabeth" wird es noch geben. Es wird "Sweeny Todd" noch geben. Mehr möchte ich nicht sagen. Aber diese drei werden sicher noch in 30 Jahren aufgeführt werden.

Interview: Ansgar Vaut

Zur Person Dr. Michael Kunze gilt als Deutschlands Musicals-Papst. Der 64-Jährige schrieb unter anderem die Musicals "Tanz der Vampire", "Mozart!" und "Rebecca", die in Europa und in Japan aufgeführt werden. Sein bislang erfolgreichstes Stück "Elisabeth" kommt im April 2008 ans Berliner Theater des Westens. Aus Kunzes Feder stammen auch die deutschen Texte zu Musicals wie "Wicked - die Hexen von Oz", "Mamma Mia!" oder "Das Phantom der Oper". Kunze, der selbst ungern im Rampenlicht steht, lebt in Hamburg.

Von Ansgar Vaut
 
 
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