Für ihr neues Album "Enfants d'Hiver" hat Sängerin und Schauspielerin Jane Birkin erstmals selbst getextet und zeigt Schnappschüsse aus dem Familienalbum. Im stern.de-Interview spricht sie über die Kraft der Bilder, Ex-Mann Serge Gainsbourg und ihr Leben als Legende. Von Ingo Scheel

Die Wände meiner Wohnung sind dicht gepflastert mit Fotos. Meine Eltern, Großeltern, meine Kinder, meine Ehemänner - und das in jedem Alter. Neulich habe ich überlegt, ob ich den Leuten, die mich besuchen, zeigen möchte, wie großartig, wie interessant meine Familie ist. Dann fiel mir jedoch auf, dass ich eher selten Besuch habe und das sie letztlich nur für mich an der Wand hängen. Meine Mutter hatte früher ständig ihren Fotoapparat dabei und ich dachte oft: "Gute Güte, Maman, kannst du die Kamera nicht einmal zu Hause lassen?" Heute bin ich so dankbar dafür. Nach ihrem Tod habe ich mehr als 20 Alben auf dem Dachboden gefunden und sie dokumentieren meine ganze Kindheit und Jugend. Bild für Bild, Album für Album.
Das ist sehr gut möglich. Gerade, wenn wir die Dinge ein wenig aus den Augen verlieren und Phasen der Unsicherheit haben, dann setzt ein Bild die Fantasie wieder in Gang. Fotos sind das Schwungrad der Erinnerung.
Ganz genau. Und zwar immer wieder! Ich muss an meinen letzten Film "Boxes" mit Michel Piccoli und Geraldine Chaplin denken. Es geht um dieses Mädchen, deren Eltern gestorben sind. Sie zieht in ein neues Haus, die alten Kartons werden geliefert und sie sind voll mit Erinnerungsstücken. Briefe, Milchzähne, Zeitungsausschnitte, Puppen - und sie wird zurück geworfen in die Vergangenheit und das ist sehr, sehr traurig und schwer. Letztlich ist das aber auch eine Typfrage. Mir passiert das genauso, es gibt aber auch genügend Menschen, die nichts, aber auch gar nichts aufbewahren. Sie leben in der Gegenwart. Sie kämpfen für die Zukunft. Die Vergangenheit ist ihnen gleich. Gerade, wenn sie einfach keine guten Erinnerungen haben. Ich bin da ganz anders.
Mit 20 Jahren hat er beinahe Selbstmord begangen, weil er davon ausging, es würde nie wieder so schön werden wie in der Kindheit. Damals hatten wir eine so enge Beziehung, eine so intensive Zeit, fast wie ein kleines Liebespaar. Er hatte Angst, das Beste bereits hinter sich zu haben. Heute hat er selbst Kinder und weiß, wie töricht dieser Gedanke war.
Nicht wirklich. Ich empfand mich nie als schön, daher hatte ich keine Angst davor, eines Tages nicht mehr in den Spiegel schauen zu mögen. Alt werden und auch danach aussehen - das ist nicht das Problem, aber das Leben als solches verändert sich. Ich kann anderen Frauen nur Mut zusprechen und sagen: Wir sind nicht allein in diesem merkwürdigen Dasein als Mutter, Frau, Geliebte. Die Dinge ändern sich erst dann, wenn wir anfangen, abends allein nach Hause zu kommen: Wenn dort niemand mehr ist. Aber auch das geht mit der Zeit. Und dann ist es ganz leicht.
Zur Person Jane Mallory Birkin wurde am 14. Dezember 1946 in London geboren, Vater David ein Lieutenant-Commander, ihre Mutter Judy Campbell eine erfolgreiche Schauspielerin. Aus der Ehe mit dem Komponisten John Barry ging Tochter Kate hervor. In zweiter Ehe lebte sie mit dem Musiker und Schauspieler Serge Gainsbourg zusammen, Tochter Charlotte, selbst Sängerin und Aktrice, stammt aus dieser Beziehung. Auch mit ihrem dritten Lebensgefährten, dem Regisseur Jacques Doillon hat sie eine Tochter, Lou. Als Schauspielerin spielte sie in Klassikern wie "Blow Up" von Michelangelo Antonioni und "Die schöne Querulantin" mit Michel Piccoli. Auch als Sängerin hat die 61-Jährige Glanzpunkte gesetzt, ihr erotisch aufgeladenes Duett "Je t’aime, moi non plus", zus. mit Serge Gainsbourg, ist ein echter Pop-Klassiker. Auf ihren Solo-Alben arbeitete sie mit Künstlern wie Johnny Marr (The Smiths), Bryan Ferry und Brian Molko (Placebo) zusammen.