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Pullern am Broadway

Er gilt als einer der talentiertesten Violinisten weltweit - und er sieht verdammt gut aus. Im stern-Interview spricht David Garrett, 27, über sein Leben als Wunderkind, Pullern am Broadway und darüber, wie man Frauen mit Musik rumkriegt.

David Garrett tritt in zerrissenen Jeans und Totenkopf-Pullover in das Foyer seines Hauses im New Yorker Stadtteil Hell's Kitchen. Er hat die Nacht durchgemacht. Es ist 12 Uhr mittags. Sein Blick ist verschlafen, der Gang schleppend.

Puh, was für eine Nacht.

Was war los?

Party. Das ganze Pensum. Mary Kate Olson hat mich kurz angerufen, die kenn ich gut. Wir sind durch drei Bars gezogen, Schauspieler sind echt hart im Nehmen. Dann ging es zur Afterparty, von einer zur anderen, da hab ich mir gesagt:, jetzt mache ich die Nacht durch.

Klingt anstrengend.

Nö, das ist momentan meine Ruhepause. Ich bin zehn Monate im Jahr für Konzerte unterwegs und habe nur drei Wochen in meiner eigenen Wohnung in New York. Heute wollte ich mal in meinem eigenen Bett schlafen, aber dann wurde es ein fremdes Bett.

Aha.

Es ist unglaublich aufregend. Ich arbeite viel, da muss man auch mal verantwortungslos sein dürfen. Ich lebe sehr intensiv. Wenn ich einen Tag lang gar nichts mache, ist mir schon langweilig.

Kann so ein Leben nicht zur Sucht werden?

Ja, mir fällt auf, wenn man ne Tour macht, bist du am ersten Ruhetag völlig unruhig und denkst, du musst doch was machen. Letztes Jahr hab ich 120 Konzerte gespielt, davon 90 klassische, der Rest war Material von meiner neuen CD. Sie läuft gut in Asien, in China auf Platz 3, auch in Deutschland ist sie schlagartig explodiert, ich war sehr überrascht.

Wir auch. Sie ist nicht besonders gut.

Es ist kein Gesangs-Album, also musst du mit deinem Instrument jedes mal wieder überraschen. Die Plattenfirma hat gesagt: Mach es entweder nur romantisch oder nur schnelle Sachen. Aber ich habe echt mein Ding durchgezogen, daher geht jede Kritik auch an mich.

Sie bringen es fertig, Metallica, Carmen und Gypsy-Dance auf einer CD zu spielen.

Die CD ist als Einstieg für ein junges Publikum gedacht, etwas Einfaches zum Verdauen. Da runzelt sicher der eine oder andere die Stirn, aber das sind auch dieselben Leute, die sich beschweren, dass keine jungen Leute ins Klassikkonzert gehen.

Verletzt die Kritik Sie nicht?

Gar nicht, das ist Motivation, um es besser zu machen. Ich kann eines sagen: Das Geigenspiel ist absolut top. Ob man die Arrangements mag, ist eine andere Sache. Raten Sie mal, wie viele Leute mir vor der CD gesagt haben: Um Himmels Willen, mach es nicht. Von 100 Leuten waren das 99.

Vielleicht hatten sie ja auch einfach Recht?

Die Leute sagen: Der vergeudet sein Talent, der soll klassische Sachen aufnehmen, der ist zu kommerziell. Natürlich ist es das, aber ich habe auch einen kommerziellen Geschmack. Mozart war auch kommerziell, der hat auch Sachen gemacht, für die er bezahlt wurde.

Es riecht eher nach einer Vermarktungsidee: Der Wundergeiger zeigt sich in zerrissenen Jeans, Totenkopfpullover, Sonnenbrille - und spielt Metallica.

Ja, klar auch Vermarktung, aber das ist sekundär. Gerade die klassische Musik sieht man nicht mehr im Fernsehen, da öffne ich eine Tür, um Leute für die normale Klassik begeistern.

Also so was wie Andre Rieu?

Andre Rieu find ich nicht so toll. Oder Nigel Kennedy. Die Leute denken ja, das sind große Virtuosen. Kennedy kann ja noch einigermaßen Geige spielen, bei Vanessa Mae ist das nicht der Fall. Die Leute kennen ja die großen Legenden des Violinenspiels nicht: Nathan Milstein, Jascha Heifetz, David Oistrakh, meinen Lehrer Itzhak Perlman.

Sie haben mit den ganz großen Dirigenten gearbeitet, Zubin Mehta, Claudio Abbado. Wer beeindruckt Sie am meisten?

Man merkt als Solist, ob jemand das Heft in die Hand nimmt oder ob man nur Beilage ist. Es gibt Dirigenten mit einer festen Vorstellung, von der sie nicht einen Millimeter abweichen. Mehta ist immer großartig, nicht nur wie er einen begleitet, sondern wie er seine eigenen Ideen mit einbringt, das ist das Optimum. Abbado war nicht leicht. Da kommt so ein 13jähriger an wie ich damals und spielt ein Mozartkonzert. Da hat er natürlich seine Vorurteile. Ist ja auch ein ganz großer Musiker, der will nicht Kompromisse machen.

Es gibt Kritiker, die sehen Sie als derzeit besten Geiger. Sehen Sie das auch so?

Selber sieht man das nicht so. Es ist unglaubliche Arbeit, gerade wenn du jung bist, musst du sechs, sieben Stunden am Tag arbeiten. Talent hilft, aber nur Arbeit bringt dich ans Ziel. Klar kann ich mich einordnen, ich weiß, dass ich da oben mitschwebe.

Das hatte einen hohen Preis: Ihre Kindheit.

Es war sicher eine anstrengende Kindheit. Wenn ich gewusst hätte, dass meine Freunde Fußball spielten, während ich übte, wäre mir das vielleicht unangenehm gewesen. Aber ich kannte es ja nicht anderes.

Sie haben nicht gewusst, dass Ihre Freunde Fußball spielten?

Ich hab nur Privatunterricht gehabt. Bis zur 10.Klasse war ich ausschließlich zu Hause mit Privatlehrern, ich hatte keinen sozialen Kontakt. Es war ein Leben im goldenen Käfig.

Wie haben Sie das verkraftet?

Das kann so oder so ausgehen. Wenn Geige nicht meine Sache gewesen wäre, hätte ich mich geärgert. Ich kann die Vergangenheit abhaken, ich sehe sie als Fundament für das, was ich heute mache.

Würden Sie das mit Ihren Kindern auch so machen?

Garantiert nicht so wie mein Vater. Nicht weil es nicht gut ausgegangen ist, sondern weil die Chancen so gering sind. Von 1000, die durch so was gehen, enden 999 todunglücklich. Das Risiko ist schon verdammt hoch, das will man seinen Kindern nicht antun.

Wie groß war das finanzielle Interesse Ihrer Eltern?

Ich will das meinen Eltern nicht unterstellen. Es gab ja große Ausgaben, die Reisen der Eltern, Geigenbögen, Versicherungen, ich habe gut verdient, hatte aber große Ausgaben.

Wie viel haben Sie als Kind verdient?

120.000 D-Mark im Jahr, ich habe das Geld aber auch wieder ausgegeben. Und andere haben sich natürlich bedient, klar.

Wie viel verdienen Sie heute?

Mal spiele ich für 500 Dollar am Abend, mal für 30.000.

Wann sind Sie ausgebrochen aus dem goldenen Käfig?

Wenn du 16 bist und ein Bewusstsein für all das entwickelst, sitzen Ziegelsteine auf deinen Schultern. Du bist als Künstler für alle verantwortlich, die Eltern, das Publikum, Manager, Plattenfirma und dafür, dass der Dirigent zufrieden ist. Als kleines Kind ist dir das egal, aber wenn du 14, 15 bist, ist es vorbei mit der kindlichen Leichtigkeit. Da muss man dagegenhalten, das ist ein sehr schwieriger Prozess.

Was haben Sie getan?

Ich habe es durchgezogen, aber ich war unglücklich, es hat mir nicht viel Spaß gemacht. Dann bin ich kurz nach London gezogen, aber das ging nach hinten los, ich habe die Schule geschwänzt und nur abgehangen und bin vom Royal College of Music geflogen. Für mich war immer klar, ich wollte nach New York.

Allein?

Ja. Mit 19. Meine Eltern wollten es nicht, meinem Bruder haben sie das Studium bezahlt, mir nicht. Ich habe das klammheimlich vorbereitet, die Bewerbungen abgeschickt, bis meine Eltern den Brief der Juilliard School aufmachten: Lieber Herr Garrett, finden Sie sich bitte dann und dort zum ersten Semester ein. Da waren die natürlich schockiert.

Gab es Krach?

Klar, du gehst nicht dahin, hieß es, du hast doch hier einen Vertrag mit der Grammophon, du spielst mit Abbado, du kannst du doch nicht wieder Musik studieren, wie kommt denn das rüber, die Leute nehmen dich nicht ernst.

War es die richtige Entscheidung?

Absolut. Ich hätte wohl sonst das Geigespielen aufgegeben. Es musste erst meine Sache werden.

Sehen das Ihre Eltern auch so?

Ich glaube, sie wissen es, haben aber Probleme, das zuzugeben. Sie haben mich hier erst einmal in sieben Jahren besucht.

Das klingt wie eine große Wunde in Ihrem Leben.

Man ist immer Kind, da kommt man nicht raus. Ich habe immer noch das Bedürfnis, dass meine Eltern mich positiv sehen. Der Anspruch durchzieht mein ganzes Leben.

Aber wären Sie ohne diese ehrgeizigen Eltern so gut geworden? Wäre Steffi Graf ohne ihren fanatischen Vater je Profi geworden?

Mozart wäre ohne seinen Vater auch nie Mozart geworden. Oder Haydn. Das ist doch immer so.

Brauchen solche Genies Tyrannen im Nacken?

Da ist was Wahres dran, Talent ist wichtig, du musst Instinkt, Musikalität, die Physis, die Nerven, das Gedächtnis haben - aber ohne jemanden, der drückt, auch wenn es weh tut, kannst du eine gewisse Schwelle nicht überschreiten. Gott sei Dank ist einem das als Kind nicht bewusst.

Wir alle als Gesellschaft profitieren also von diesen Tyrannen, die uns den Mozart schenken, den Garrett, die Wunderkinder.

Für mich ist das eine interessante These. Der Begriff Wunderkind ist ja nur Vermarktung, damit es nach außen schöner wirkt. Eine Plattenfirma kann ein Kind nicht auf die Bühne schicken und sagen: Dieses Kind arbeitet acht Stunden am Tag, dann sagt jeder: Oh Gott, das arme Kind. Also wird der Name Wunderkind gewählt, damit die Zuschauer kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie die Tickets kaufen. Das Leben ist schon sehr hart. Sehr hart. Stellen Sie sich mal vor, ich hätte das nicht geschafft.

Was dann?

Allein die Rechnungen für Psychotherapie.

Was war Ihre Rettung? New York?

Ja, hier hat jeder Träume, die mögen bescheuert sein, total unrealistisch, aber diesen Drive finde ich geil, die versuchen es einfach, das vermisse ich in Deutschland.

Sie vermissen die Heimat nicht? Aachen?

New York ist für mich die Hauptstadt Europas, es gibt unheimlich viele Leute aus verschiedenen Ländern, die hier ihr Glück versuchen. Keiner fragt dich, wo du herkommst, wenn du einen ausländischen Akzent hast. Man fragt dich das nur, wenn du keinen hast. Für mich ist New York Ruhepol, hier habe ich Abstand von den Leuten, die ich sonst so kenne.

New York ein Ruhepol?

Ja, was ich geil finde in New York, du bist vier Monate weg und meldest dich plötzlich und alles ist o.k.: Hey, wie geht's, ziehen wir heute Abend los? In Deutschland heißt es dann: Du meldest dich nicht, das ist doch keine Freundschaft, was ist denn los? Das mag oberflächlich sein, aber sehr entspannend, man hat einfach nur Lebensfreude.

Und keiner kontrolliert Sie hier?

Ja, das ist auch gut, dass der Manager in Europa ist und meine Familie, dass du das Telefon ausschalten kannst und weißt, dass die nicht auf einmal vor der Tür stehen und einen abfangen: Sohn, wieso gehst du nicht ans Telefon! Sohn, was sollen die Nacktfotos!

Nacktfotos?

Ich habe Nacktfotos gemacht für meine Website mit Geige zwischen den Beinen, das hat denen gar nicht gefallen. Das waren gute Fotos, richtig Rock'n Roll. Das spricht ja auch gewisse Leute an.

Frauen?

O ja, Frauen. Machen wir das alles nicht für Frauen? Musiker werden Musiker, weil sie Frauen erobern wollen. Ich lade sie in die Oper ein, hier in die MET, da schmelzen sie dahin, etwas Besseres kannst du gar nicht machen.

Sie spielen Geige, um Frauen abzuschleppen? Das wird man Ihnen als sexistisch auslegen.

Was soll's. Man lebt nur einmal. Es ist wichtig, dass man bewusst lebt, dass man Spaß hat, dass man auch Sinn findet im Leben. Ich könnte nie total absacken. Für mich ist das Zentrum die Musik. Ich mache viel Scheiße, und das muss auch sein, ich habe meine Kindheit ganz eingeengt gelebt, das macht nicht glücklich. Du brauchst den Ausgleich, um einen klaren Kopf zu haben. Du kannst mir nicht sagen, dass so ein Beethoven oder Mozart nicht raus gegangen ist, um das Leben zu erleben. Musik ist ne super Sache, aber das Tragische fehlt doch: Wenn du eine Frau toll findest und es mit ihr nicht klappt. Wenn du abends raus gehst und einen über den Durst trinkst und den größten Scheiß machst, am Broadway sternhagelvoll einfach mal pullern. Diese Lebenserfahrung will man doch nicht missen.

Pullern am Broadway?

Na ja, das war während meiner College-Zeit und so eine Nacht mit Freunden. Ich kann mir nicht vorstellen, wie mein Leben als Arzt wäre, oder wie mein Bruder: um acht aufstehen und um sieben nach Hause gehen. Wo ist denn die Craziness?

Was ist das - Craziness? Sex Drugs and Rock'n Roll?

Ja, ohne Betonung auf Drogen. Aber Sex and Rock'n Roll mit Sicherheit. Ich denke immer, wenn du jetzt nicht lebst, wirst du das so sehr bereuen. Man sieht das den Leuten an, dass die nicht zufrieden sind, und ich denke, es liegt daran, dass die nie aus sich heraus gegangen sind.

So ein Interview macht Sie angreifbar.

Ich bin immer ehrlich. Das Schlimmste, was du machen kannst, ist es, die Leute zu verarschen und nicht ehrlich zu sein. Das kommt immer zurück. Manager streichen solche Sätze aus Interviews gern raus. Ich bin so authentisch wie möglich. Fuck it, it's gotta be me! Sie lieben oder hassen es. Das ist ja das Schöne im Leben, wenn etwas wirklich natürlich ist, dann läuft es. Das ist das Problem der Casting-Bands, das ist programmiert, da fehlt die Magie. Ich bin immer ehrlich und direkt, ich verstelle mich nicht, das merken die Leute.

Sie erzählen freimütig über Frauen und Gagen. Manche Leute werden sagen, das gehört nicht an die Öffentlichkeit, schütze dein Privatleben oder schütze wenigstens deine Eltern, um sie nicht mit deiner schweren Kindheit zu konfrontieren.

Die werden's überleben.

Und kein Agent greift ein, der sagt: Überleg dir, was du da sagst?

Ich glaube, die haben aufgegeben. Da kommt meine Sturheit durch. Irgendwie lernt man das in New York: Straight face. Du fragst mich: Hast du gestern mit nem Mädel geschlafen, und ich sage: Klar, ich hab mit nem Mädel geschlafen. Kein Problem. War es gut? fragst du. Yeah! Details? Klar. Frag mich danach.

Sie nannten Mary Kate Olsen.

Die kenn ich gut.

War sie es, mit der Sie die letzte Nacht verbracht haben?

Sie war es nicht.

Interview: Jan-Christoph Wiechmann

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