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Songschreiben als Therapie

Auf seinem Debütalbum präsentiert der Brite James Blunt zehn Stücke in bester Singer-Songwriter-Manier. Entstanden sind die meisten Songs während seines Militäreinsatzes im Kosovo.

James Blunt sagt zwar, dass seine Musik ein Beruhigungsmittel sei. Aber sein Debüt "Back To Bedlam", das er als "James Blunt Pill" bezeichnet, ist nicht die Kur, die die Musikindustrie üblicherweise ihren Konsumenten verordnet. Blunt ist 28 Jahre alt und ehemaliger Hauptmann einer britischen Einheit, die als eine der ersten Nato-Truppen nach dem Kosovokrieg in der serbischen Provinz einrückte. Davon berichtet sein Lied "No Bravery" am Ende des Albums als illusionsloser Schlusspunkt einer emotionalen Achterbahnfahrt.

Zur Entstehungsgeschichte von Blunts Debütalbum gehört, dass er mit seiner Gitarre in den Krieg zog. Er schnallte sie hinten auf seinem Panzer fest und spielte in der Nacht entgegen der Vorschriften darauf. So entstanden musikalische Tagebuchaufzeichnungen; "No Bravery" ist nach seinen Angaben allerdings das einzige Lied, das komplett im Kosovo entstand.

Die Gitarre ging drauf

Die Gitarre "überlebte" den Kriegseinsatz, nicht aber die Aufnahme-Sessions: "Ich ging mit ihr zu Demo-Aufnahmen in ein Studio, und danach fuhr ich mit dem Motorrad heim", erzählt Blunt. "Ich schnallte sie auf meinen Rücken - und dann fiel ich bei einer Meile pro Stunde um. Spiegel, Blinker und Gitarre gingen zu Bruch. Sie hat also das Kriegsgebiet überlebt, nicht aber die Aufnahmesessions und mein Motorrad", erzählt Blunt.

Den Plattenvertrag bekam Blunt von Linda Perry. Und die holte ihn für die endgültigen Aufnahmen nach Los Angeles. Hier erfüllte sich auch Blunts Wunsch, dass Smiths-Produzent Tom Rothrock sein Album produzierte. In Beverly Hills sah er diese überdimensionale, 30 Zentimeter große grün-weiße Tablette. "Wir machten ein Foto davon und ein Freund von mir machte meinen Namen darauf", sagt Blunt.

Teil einer Kur

"Ich habe das immer ein wenig als eine Therapie gesehen", erklärt er weiter. "In dem Sinn, dass die Songs Lebenserfahrungen wiedergeben, wie sie sind. Es ist für mich eine Therapie, diese Lieder zu haben, die etwas ausdrücken, was ich im Gespräch nicht ausdrücken konnte." Diese Lieder dann auch noch als Album zu veröffentlichen, sei der zweite Teil der Kur: "Ich denke, es ist auch für ein Publikum eine Therapie, sich damit zu beschäftigen und zu spüren: Wir haben alle dieselben Empfindungen und dieselben Gefühle."

Auf zehn Songs drückt er Liebe, Schmerz, Wut und Enttäuschung aus. Es beginnt mit "High" und geht dann nur noch abwärts: "You're Beautiful" verklärt eine flüchtige Begegnung in einer U-Bahn-Station; "Wise Men" sieht kluge Männer ob Talentshows mit "euren herausgeputzten kleinen Bastarden" so ausrasten, dass es ihnen hinterher Leid tut; "Goodbye My Lover" ist ein elegischer Abschied, "Tears And Rain" eine vielversprechende Kooperation mit Ex-Robbie-Williams-Unterstützer Guy Chambers; "Out Of My Mind" - der Titel sagt alles; "So Long Jimmy" ist seinen Vorbildern Jim Morrison und Jimi Hendrix gewidmet; "Billy" eine Kurzgeschichte, "Cry" fast ein Gebet und "No Bravery" lässt Sänger und Zuhörer nur noch die Trauer.

"Meine Texte konzentrieren sich auf die Frage, was Menschsein bedeutet", sagt Blunt. "Ich bin ein Mensch, der bewusst ein Leben in unserer Zeit führt. Vielleicht haben meine Erfahrungen auf dem Balkan und im Militär mir das ermöglicht." Die Lieder vor einem Publikum spielen zu dürfen, dass darauf reagiert sei für ihn ein magisches Ereignis: "Plötzlich scheint das Leben nicht mehr so einsam zu sein - und das entschädigt für alles."

Bei Soest aufgewachsen

Blunt wuchs als Sohn eines britischen Offiziers bei Soest auf: Besonders in Erinnerung geblieben sind Wintertage am zugefrorenen Möhnesee. In den zehn Jahren, die seine Familie bei Soest lebte, lernte er nur "ein bisschen" Deutsch. Sein Vater war wohl alles andere als musikalisch; seine Mutter sorgte aber dafür, dass er mit fünf Jahren Geigen- und mit sieben Klavierunterricht bekam. Mit 14 habe er zum ersten Mal eine elektrische Gitarre in die Hand bekommen und sofort gesagt: "Ich will Musiker werden." Zunächst habe er sich als Zeitsoldat verpflichtet, weil das Militär dafür seine Studiengebühren bezahlte. "Ich schuldete ihnen vier Jahre, aber ich wusste immer, dass ich Musiker werden wollte."

Uwe Käding/AP/AP
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