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"Wir stehen nah am Abgrund"

Joan Baez tourt wieder durch Deutschland. Im stern.de-Interview spricht die Grande Dame des politischen Songs über ihre Karriere, Amerika unter George W. Bush und ihr Verhältnis zu Bob Dylan.

Frau Baez, wenn Leute Sie im Supermarkt ansprechen, sind die jünger oder älter?

Meist sind es die, die mich am längsten kennen. Die den Vietnamkrieg erlebt haben. Die stehen dann vor mir, mit Tränen in den Augen und sagen: Ich habe dich in den 60ern gehasst, aber ich hatte Unrecht. Dann fang ich selbst an zu heulen.

Ihr neues Album ist auffällig unpolitisch.

Ich habe es zusammengestellt, bevor alles explodierte. Ich hätte mich danach nur entscheiden können, ein völlig neues Album aufzunehmen. Und ich muss tun, was angemessen ist - grad denke ich nicht, ich sollte als Jeanne d'Arc herumrennen. Solange ich keine Vision sehe, werde ich mich nicht einmischen.

Was sind Sie, Aktivistin im Ruhestand?

Ich bin so sehr in Rente wie alle anderen in diesem Land, die nicht wissen, was sie tun sollen. Und das ist so ziemlich jeder, den ich kenne. Die Ausnahme ist Michael Moore, ihm habe ich mein Album gewidmet. Klar gibt es viele Leute, die sich engagieren, aber davon weiß niemand etwas. Kein Wunder bei der blockierten Presse in meinem Land.

Für die Friedensbewegung sind Sie noch immer die First Lady.

Ja. Und das ist das Schwerste für mich, nicht so zu tun, als würde ich etwas großartiges tun. Es ist nicht leicht, dieses Image aufzugeben. Wenn ich auf die Bühne komme, bringe ich ja 40 Jahre politischer Geschichte mit. Also sehe ich es als meinen Job an, die Leute zu erinnern. Aber ich rufe nicht zu bürgerlichem Ungehorsam auf.

Warum nicht?

Ich war ja auf der großen Friedensdemo vor dem Krieg. Aber anders als in den 60er Jahren hat sich im Weißen Haus niemand für uns interessiert. Die zig Millionen die marschierten waren für Bush und seine Leute nicht mehr als ein paar lästige Fliegen. Die haben einfach den Fernseher ausgestöpselt. Es würde mich nicht wundern, wenn Bush bald das Kriegsrecht über das Land verhängen würde - er will einfach seine Ruhe haben.

Warum haben Sie sich zurückgezogen?

Viel hat damit zu tun, wie wichtig meine Familie mir geworden ist. Meine Mutter ist 91, mein Vater ist 91, ich habe ein neun Monate altes Enkelkind. Und ich habe es oft bedauert, nicht mehr Zeit mit meinem Sohn verbracht zu haben. Nun frage ich mich, wie kann ich meiner Familie gerecht werden und trotzdem meinem Land dienen. Ich weiß die Antwort noch nicht. Ich merke, wie erleichtert mein Publikum ist, wenn ich bestimmte Dinge sage. Ich habe die Amerikaner noch nie so eingeschüchtert erlebt. Ich erzähle Witze über Bush und spüre diese große Erleichterung: es ist okay zu denken, was wir denken.

Woher kommt diese Einschüchterung?

Ich begreife das selbst nicht. Ich glaube, ein wenig hat es damit zu tun, wie gut die konservative Rechte organisiert ist. Ich verstehe zum ersten Mal in meinem Leben, warum die Deutschen Hitler nicht stoppen konnten.

Sie denken bei George W. Bush an Hitler?

Irgendwie wissen die Leute natürlich, dass er ein Idiot ist. Aber das hält sie nicht davon ab, ihm zu folgen. Er hat die Welt aufgeteilt in Gute und Böse und wir sind die Guten. Schließlich hat Christus ihn gerettet - und viele von Bushs Anhängern gehören zur religiösen Rechten. Es ist alles schrecklich. Wir stehen so nahe am Abgrund. Ich glaube, dies ist die gefährlichste Zeit, die ich je erlebt habe. Vielleicht ist es viel zu optimistisch, wenn ich von zukünftigen Generationen sprechen. Diese Regierung ignoriert ja auch den Klimawandel völlig. Es gibt Wissenschaftler, die sagen, in 40 Jahren ist die Erde unbewohnbar.

Wer Sie für eine Idealistin hält, täuscht sich?

Ja. Ich war nie optimistisch. Ich habe nie viel von den Menschen erwartet. Sie haben über Jahrhunderte so viel Grausames getan. Weshalb sollte deshalb der eine Marsch, an dem ich mich beteilige, etwas verändern? Wer so denkt, gibt schnell wieder auf.

Nach Vietnam war Ihre große Zeit vorbei. War das schwer, sich plötzlich in der dritten Reihe wiederzufinden?

Dass ich da war, hab ich erst viel, viel später kapiert. Ich war ja schon mit 18 berühmt geworden, ich kannte es deshalb nicht anders, als sehr bekannt zu sein. Ich füllte immer noch die Hallen und begriff nicht, dass es ein einziger Nostalgie-Trip für mein Publikum war. Dass ich und meine Songs weniger interessant geworden waren, erkannte ich Jahre später. Dann war ich entsetzt.

War das die Zeit, als sie über Madonna herzogen?

Ja, wahrscheinlich. Ich war eifersüchtig und bitter. Und ich war nur noch eine Legende, das war das Problem. Vor 15 Jahren habe ich dann eine Therapie begonnen. Habe mich meinen Phobien, meinen Ängsten, meiner Schlaflosigkeit gestellt. Und ich habe mich musikalisch neu erfunden.

Haben Sie noch Kontakt zu Bob Dylan?

Nein. Manchmal laufe ich ihm auf Festivals über den Weg. Wir waren übrigens nur drei Monate ein Paar, auch wenn ich manchmal lese, es seien acht Jahre gewesen.

Trotzdem haben Sie sehr lange gebraucht, das Ende dieser Liebe zu verarbeiten.

Was heißt verarbeitet? Ich habe weitergelebt. Es war eine sehr starke Beziehung. Ich war lange wütend, wenn man mich auf ihn ansprach. Inzwischen empfinde ich es als Ehre, für den Rest meines Lebens mit diesem Genie in Verbindung gebracht zu werden.

Vor zehn Jahren sagten Sie, Sie würden Ihre Karriere beenden?

Oh, das habe ich bestimmt auch so gemeint. Ich kann nicht voraussagen, wann ich aufhöre. Aber die Zeit rückt näher.

Interiew: Steffi Kammerer

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