Joan Baez tourt wieder durch Deutschland. Im stern.de-Interview spricht die Grande Dame des politischen Songs über ihre Karriere, Amerika unter George W. Bush und ihr Verhältnis zu Bob Dylan.

Gilt als "First Lady der Friedesbewegung": Joan Baez© Daniel Mihailescu / AFP
Meist sind es die, die mich am längsten kennen. Die den Vietnamkrieg erlebt haben. Die stehen dann vor mir, mit Tränen in den Augen und sagen: Ich habe dich in den 60ern gehasst, aber ich hatte Unrecht. Dann fang ich selbst an zu heulen.
Ich habe es zusammengestellt, bevor alles explodierte. Ich hätte mich danach nur entscheiden können, ein völlig neues Album aufzunehmen. Und ich muss tun, was angemessen ist - grad denke ich nicht, ich sollte als Jeanne d'Arc herumrennen. Solange ich keine Vision sehe, werde ich mich nicht einmischen.
Ich bin so sehr in Rente wie alle anderen in diesem Land, die nicht wissen, was sie tun sollen. Und das ist so ziemlich jeder, den ich kenne. Die Ausnahme ist Michael Moore, ihm habe ich mein Album gewidmet. Klar gibt es viele Leute, die sich engagieren, aber davon weiß niemand etwas. Kein Wunder bei der blockierten Presse in meinem Land.
Ja. Und das ist das Schwerste für mich, nicht so zu tun, als würde ich etwas großartiges tun. Es ist nicht leicht, dieses Image aufzugeben. Wenn ich auf die Bühne komme, bringe ich ja 40 Jahre politischer Geschichte mit. Also sehe ich es als meinen Job an, die Leute zu erinnern. Aber ich rufe nicht zu bürgerlichem Ungehorsam auf.
Ich war ja auf der großen Friedensdemo vor dem Krieg. Aber anders als in den 60er Jahren hat sich im Weißen Haus niemand für uns interessiert. Die zig Millionen die marschierten waren für Bush und seine Leute nicht mehr als ein paar lästige Fliegen. Die haben einfach den Fernseher ausgestöpselt. Es würde mich nicht wundern, wenn Bush bald das Kriegsrecht über das Land verhängen würde - er will einfach seine Ruhe haben.
Viel hat damit zu tun, wie wichtig meine Familie mir geworden ist. Meine Mutter ist 91, mein Vater ist 91, ich habe ein neun Monate altes Enkelkind. Und ich habe es oft bedauert, nicht mehr Zeit mit meinem Sohn verbracht zu haben. Nun frage ich mich, wie kann ich meiner Familie gerecht werden und trotzdem meinem Land dienen. Ich weiß die Antwort noch nicht. Ich merke, wie erleichtert mein Publikum ist, wenn ich bestimmte Dinge sage. Ich habe die Amerikaner noch nie so eingeschüchtert erlebt. Ich erzähle Witze über Bush und spüre diese große Erleichterung: es ist okay zu denken, was wir denken.
Ich begreife das selbst nicht. Ich glaube, ein wenig hat es damit zu tun, wie gut die konservative Rechte organisiert ist. Ich verstehe zum ersten Mal in meinem Leben, warum die Deutschen Hitler nicht stoppen konnten.