Der erste moderne Mann

8. Oktober 2010, 18:20 Uhr

Er gehörte zu den ersten Männern, die in ihrer Musik eigene Schwächen thematisierten, er lebte seine Beziehung öffentlich - und er nahm schon in den 70er-Jahren Elternzeit: John Lennon ist ein Prototyp des modernen Mannes. Am Samstag wäre er 70 geworden. Von Carsten Heidböhmer

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Am Tag seines Todes fotografierte Annie Leibovitz John Lennon - mit seiner Frau Yoko Ono - als sensiblen, liebevollen Ehemann©

Er war einer der erfolgreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts und eine der einflussreichsten Persönlichkeiten: Der vor genau 70 Jahren, am 9. Oktober 1940, in Liverpool geborene John Lennon hat zusammen mit den Beatles die westliche Musikkultur nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt wie neben ihm nur Elvis Presley oder Bob Dylan. Und so standen Millionen von Menschen weltweit unter Schock, als John Lennon vor 30 Jahren, am 8. Dezember 1980, brutal aus dem Leben gerissen wurde. Seine kurz zuvor erschienene Single "(Just like) Starting Over" schoss in vielen Ländern an die Spitze der Charts.

Doch so groß die Trauer um den Menschen damals war, so wenig schien sich sein Tod auf die Entwicklung der Popmusik auszuwirken. Denn Lennons beste Jahre lagen 1980 schon lange zurück. Die musikalische Entwicklung war schon längst im Punk und New Wave angekommen. Der jungen Generation hatte Lennon nichts mehr zu sagen. Sein Einfluss - so die einhellige Meinung damals - beschränke sich auf die große Zeit der 60er Jahre. Mit den Beatles hatte er damals die Musikwelt revolutioniert und die Blaupause für die Musik geschaffen, die heute Pop heißt.

Der Künstler mit all seinen Ängsten und Zweifeln

Die Beatles sorgten aber auch dafür, dass die zunächst nur von Teenagern gehörte Musik erwachsen wurde. So wie die jugendlichen Fans älter wurden, so wurde auch ihre Musik reifer. Drehten sich die Songtexte im Rock'n'Roll und bei den frühen Beatles fast ausschließlich im jugendlich-unschuldige Liebe ("She loves you", "I want to hold your hand"), so beschäftigten sich ihre Songs ab Mitte der 60er Jahre mit anspruchsvolleren Themen. Daran hatte vor allem John Lennon seinen Anteil. Bob Dylan wird das Verdienst zugeschrieben, die Popmusik für ernsthafte, politische Sujets geöffnet zu haben. Doch erst John Lennon war es, der in Songs wie "I'm a Loser" oder "You've got to Hide your love away" den Künstler mit all seinen Empfindungen, Ängsten und Zweifeln einbrachte.

In seinen Solowerken ging Lennon deutlich weiter und legte schonungslos seine privaten Abgründe offen: In "Cold Turkey" aus dem Jahr 1969 besingt er seine Qualen beim kalten Heroinentzug. In dem Song "Mother" (1970) arbeitet er das Trauma auf, früh seine Mutter verloren zu haben: "Mutter, du hattest mich, aber ich hatte dich nie/ Ich wollte dich, aber du wolltest mich nicht" heißt es dort - nie zuvor hatte man einen Künstler so offen leiden sehen. John Lennon legte sich auf die Psychiater-Couch - und ließ die ganze Welt dran teilhaben.

Das war für damalige Verhältnisse ungewöhnlich - prägte Jahrzehnte später die Musikszene: John Lennon kann man als einen der Wegbereiter des sogenannten Heulbojen-Pop sehen, der seit den späten 90er Jahren große Chart-Erfolge feiert. Zumeist aus England stammende Bands wie Coldplay, Starsailor oder Muse verzichteten auf Macho-Gesten und stellten stattdessen ihr Leiden an der Welt offen zur Schau. Nicht der harte, brutale Steinzeit-Typ, sondern der empfindsame Mann ist das Ideal dieser Künstler - und John Lennon ist der Vater dieser Schule. Auch die zweite bedeutende Musikströmung, die in den 90ern aus England kam, geht auf Lennon und die Beatles zurück: Die Fab Four sind die Ahnherren von Britpop-Bands wie Oasis und Blur.

Bei Lennon war das Private politisch

Modern war aber auch die Art, wie er sein Privatleben öffentlich zelebrierte. Nach seiner Hochzeit mit Yoko Ono empfing das Paar 1969 die Weltpresse - im Bett. Hier verknüpften zwei Menschen ihr allerprivatestes Glück mit einer politischen Mission und nannte die Aktion ein Bed-In für den Weltfrieden. "Das Private ist politisch" lautete eine Parole dieser bewegten Jahre - und als eines der ersten Promi-Paare setzten sie Lennon/Ono in die Tat um.

Weniger ruhmreich - aber nicht minder modern - dann die Art, wie Lennon die rund 18-monatige Trennung von Yoko Ono zwischen 1973 und 1975 vor den interessierten Augen des amerikanischen Publikums auslebte. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Sänger Harry Nilsson, unternahm Lennon berüchtigte Sauftouren durch das nächtliche Los Angeles - zur Freude der Klatschblätter, die sämtliche Ausraster dokumentierten. Etwa jene Nacht im März 1974, als sich Lennon im legendären "Troubadour"-Club nach einer Schlägerei rausgeworfen wurde. Auch hier war der Ex-Beatle leider ein Vorbild: für peinliche Prominente von Mel Gibson bis Lothar Matthäus, an deren Elend sich ebenfalls eine ganze Gesellschaft ergötzt.

Lennon gab schließlich die harten Rocker-Posen dieser wilden Jahre auf und präsentierte sich als fragiler, verletzlicher Mann. Wie modern er war, zeigte sich erst in seinen letzten Lebensjahren: Lennon hängte 1975 seine Musikkarriere für einige Zeit an den Nagel, um sich ganz seinem Sohn Sean zu widmen. Um die Geschäfte kümmerte sich in dieser Zeit Ehefrau Yoko Ono. Damit war Lennon dann doch wieder gesellschaftliche Avantgarde: Während deutsche Männer heute mit Finanzspritzen überredet werden sollen, sich wenigstens zwei Monate um ihren Nachwuchs zu kümmern, verbrachte Lennon gleich fünf Jahre als Familienmann. Es waren - glaubt man seinen Äußerungen - seine schönsten Jahre.

 
 
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