Judith Holofernes, Sängerin der Band Wir sind Helden, hat einen Sohn bekommen. Trotzdem wird sie weiterhin durch die Konzertsäle tingeln. Als Mutter der Nation steht sie nicht zur Verfügung. Haben wir auch nicht anders erwartet. Von Carsten Schrader

Die Sängerin von Wir sind Helden Judith Holofernes noch vor der Geburt ihres Kindes bei einem Konzert in Rostock© Bernd Wüstneck/DPA
"Aber wer aus dem Haus schaut, um den Baum tanzt, der macht Arbeit", sprechsingt Judith Holofernes. Ob sie damit Tourmanager Danny Engel vor den ungewöhnlichen Gästen warnen will? Engel hat sicher einige Stunden gebraucht, um private Dinge aus dem Wohnzimmer zu schaffen. Weil die Helden seine persönliche Bleibe im Hamburger Schanzenviertel für Interviews nutzen, musste er sogar eine Musikecke improvisieren: Sitzkissen, Erfrischungsgetränke, CD-Abspieler im 90er-Gettoblasterdesign - und dazu das dritte Wir-Sind-Helden-Album "Soundso".
Tatsächlich möchte man tanzen und wild herumspringen, denn die neue Platte des Quartetts rockt. Damit Danny Engel aber nicht auch noch Stress mit den Nachbarn bekommt, hört man lieber ganz gesittet auf die vielen mutigen Experimente: Hairmetal-Intro, Saxofonsolo, Streicherkonserven, ein Duett mit Tele-Sänger Francesco Wilking. Selbst das wütende Gebrüll im Hintergrund könnte ein innovatives Sample sein. Weil man den Helden aber nicht so viel Einfallslosigkeit zutraut, das gleiche innovative Sample bei drei Songs hintereinander zu verwenden, hört man genauer hin: Da brüllt sich jemand aus dem Nebenzimmer nachträglich auf die Platte. Das vermeintlich fünfte Helden-Mitglied ist Friedrich, der gerade mal vier Monate alte Sohn von Holofernes und Schlagzeuger Pola Roy.
Nachdem die Platte mehrere Male durchgelaufen ist, hat Friedrich immer noch nicht genug. Kein Wunder, dass seine Mutter die Energie der neuen Helden-Platte nur mittelgut personifizieren kann. Etwas müde und abgekämpft kommt sie in die Musikecke. Doch schon die Frage, warum sie auf dem Album gar nicht ihr Mutterglück besingt, aktiviert Kraftreserven. "Seit der Geburt freue ich mich, weil ich die ganze Zeit ja wusste, was wir da für ein Album rausbringen", triumphiert sie. "Für mein Gefühl ist das nicht besonders sanft und mütterlich, sondern sehr klar und sehr direkt. Ich habe mir immer gedacht: Da habt ihr sie, eure sanfte Mutter!"
In so ziemlich allen Songs der neuen und bisher besten Helden-Platte geht es um Identität und Wahrnehmung. Holofernes wütet gegen Gruppenzwänge, fordert Offenheit statt einengender Zuordnungen. "Sie wissen genau, wer du bist, sie sagen es so, wie es ist, und zwar bist du im Wesen so und so", singt sie im Titelsong - und bezieht sich damit auf die Band-Vergangenheit. Die Helden haben sich selbst dann gerechtfertigt, wenn Kritiker sie missverstehen wollten. Doch jetzt zahlt sich ihr größerer Mut zu Fehlern hörbar aus: Musikalisch wagen die Helden mehr, textlich bleiben sie auch auf Album Nr. 3 angriffslustig - das aber wesentlich entspannter als bisher. "Natürlich stehe ich dafür ein, wenn ich etwas in der Öffentlichkeit äußere, aber ich lasse mich nicht auf Dinge festlegen und zur Klassensprecherin Deutschlands machen", sagt Holofernes.

Pola Roy, Bandmitglied von Wir sind Helden, ist mit Sängerin Judith Holofernes verheiratet. Anfang Dezember 2006 kam ihr Sohn Friedrich auf die Welt© Jens Kalaene/DPA
Wenn Holofernes auf die Windelfertigkeit von Pola Roy vertraut, um in der Musikecke ungestört über das neue Album zu reden, macht sie sich bei der Hausfrauenfraktion nicht gerade beliebt. Trotzdem ist sich die Helden-Sängerin sicher, dass sie von unangenehmen Anträgen nicht verschont bleibt. "Es wird bestimmt viele Anfragen für Talkshows geben, in denen von mir erwartet wird, dass ich mich als Mutter der Nation darzustellen habe." Natürlich muss sie bei diesem Gedanken grinsen, wird dann aber plötzlich sehr ernst. "Man muss unglaublich wachsam sein. Ich wurde in Interviews tatsächlich schon ganz vorsichtig gefragt, ob ich nicht finde, dass Muttersein die einzig wahre Daseinsberechtigung ist", empört sie sich und verzieht angewidert das Gesicht. "Die sollen ihre Pfoten von mir nehmen, ich will damit nichts zu tun haben. Ich habe schon immer gesagt, dass ich mir Kinder wünsche. Jetzt bin ich Mutter geworden - aber ich habe keinerlei Intention, Deutschland aufzuforsten. Wenn jemand keine Kinder will, dann finde ich es genauso wunderbar, keine Kinder zu kriegen."
Dem Vorwurf der Altfeministinnen stimmt die Helden-Sängerin zu: Eva Herman und Co. seien erst möglich geworden, weil sich die jüngere Generation nicht mehr im Emanzipationskampf engagiere. "Allerdings kann man jungen Frauen wie mir nicht besonders übel nehmen, dass sie sich zu sicher fühlen und als zu selbstverständlich nehmen, was für sie erkämpft wurde", fordert sie gleichzeitig Verständnis. Klar, im Joballtag, beim Weggehen und im Freundeskreis kann man sich sehr schnell in der Illusion einer gleichberechtigten Welt verlieren. "Für viele Frauen kommt das böse Erwachen erst dann, wenn sie plötzlich ein Kind haben, ein paar Monate aus dem Beruf raus sind - und dann Mechanismen loslaufen, die es für sie beinahe unmöglich machen, in den Beruf zurückzufinden", gibt sie zu bedenken. Für Holofernes ist es alles andere als uncool, gegen die alte Benachteiligung von Frauen zu kämpfen. Im Kindfall sollten die Typen genauso eingespannt sein. "Ich habe jetzt ja erlebt, wie wichtig und toll das ist, wenn der Mann voll dabei ist. Auch für die Männer ist es fürchterlich, wenn sie sich bei einem Kind Urlaub nehmen und nach zwei Wochen wieder arbeiten gehen müssen."
...gefunden in Die Geschichte von Carsten Schrader über Judith Holofernes stammt aus der Mai-Ausgabe des Magazins u_mag. Außerdem im Heft: TV-Anarcho Christian Ulmen und Schauspielerin Annika Kuhl nehmen in der Fotostrecke das neue Spießertum auf die Schippe und Julie Delpy erzählt, warum sie keinen Mann findet, der länger als ein paar Küsse bei ihr bleibt